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Notre
Dame
rezensiert von Walter Sorger
Die Kathedrale von Paris steht schon. Zu ihren Füßen tummeln sich die Spieler und versuchen
durch geschicktes Ausnutzen ihrer Aktionsfreiheiten die meisten Siegpunkte zu ergattern.
Jeder Spieler arbeitet dabei auf einem eigenen Spielbrett, das für alle Spieler die identische
Struktur aufweist. Gemäß der Spieleranzahl werden 3, 4 oder 5 Einzelbretter zu einer gemeinsamen
Fläche zusammengesteckt, so dass in der Mitte der Place du Parvis Notre-Dame entsteht. Eine sehr
hübsche topologische Konstruktion.
In drei Durchgängen zu je drei Runden mit je zwei Aktionen darf jeder Spieler sein Spiel machen.
Pro Aktion erhöht der Spieler alternativ:
- die Anzahl seiner einsetzbaren Pöppel, die den Motor alle Fortschritte darstellen.
- sein Geld zum Finanzieren von Investitionen und “Bestechungen”.
- die Reichweite seiner Kutsche zum Einsammeln von Siegpunkten.
- seine Siegpunkte, die schlussendlich allein über den Sieg entscheiden.
- seine Fähigkeit die Ratten in Schach zu halten, die regelmäßig seinen Besitzstand an Pöppeln
und Siegpunkten anknabbern.
Je häufiger ein Spieler die gleiche Aktion ausführt, desto höher ist der jeweilige Ertrag: Bei
der ersten Pöppelvermehrung bekommt man ein einziges zusätzliches Pöppel, bei der zweiten bereits
zwei, bei der dritten drei usw.
Entsprechendes gilt für die anderen Ressourcen. Um an die hohen
Erträge heranzukommen, heißt es also Schwerpunkte zu bilden, und sich konsequent in einer
bestimmten Richtung hin zu entwickeln. Wer sich nach dem Gießkannenprinzip überall gleichmäßig
betätigt, bleibt im Mittelmaß hängen.
Eine reine Monokultur führt allerdings auch nicht zum Sieg; die Regeln erzwingen ein Engagement
auf verschiedenen Gebieten: Man braucht unbedingt Pöppel, um überhaupt Aktionen ausführen zu dürfen
und man braucht Geld für vielerlei lohnenswerte Aktivitäten. Auch für die Rattenbekämpfung muss man
hin und wieder einen Aktionspunkt spendieren, um durch die Ratten nicht ständig Verluste hinnehmen
zu müssen. In jeder Richtung “immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel” heißt das
Geheimnis.
Natürlich verschieben sich die Prioritäten im Laufe des Spieles. Am Anfang sind Pöppel und Geld
dringend vonnöten, später muss der gesamte Aktionsspielraum in Richtung Siegpunkte ausgenutzt
werden. Dann darf man auch mal ein paar Federn bei den Ratten lassen. Das optimale Timing ist
durchaus eine operative Herausforderung.
Von seiner Anlage hier ist das Spiel absolut symmetrisch. Jeder Spieler hat die gleichen neun
Aktionskarten auf der Hand, die seine zulässigen Spielzüge bestimmen. Doch ein pfiffiger
Auswahlmechanismus sorgt dafür, dass sich alles ganz unsymmetrisch entwickelt:
Für
jede Spielrunde muss ein Spieler blind drei seiner Aktionskarten in die Hand nehmen, davon muss er
zwei Karten an seinen linken Nachbarn weitergeben und darf nur eine behalten. Nachdem er von seinem
linken Nachbarn ebenfalls zwei Aktionskarten bekommen hat, muss er noch einmal eine Karte weiter
schieben, so dass die Aktionskarten, die schließlich seinen Handlungsspielraum ausmachen, nur zu
einem Drittel aus dem eigenen Bestand stammen.
Zwei von diesen drei Aktionskarten kann, darf oder muss ein Spieler einsetzen. Dass hier ein
deutlicher fremdbestimmter Zufallseffekt ins Spiel kommt, ist nicht zu übersehen. Allerdings ist
die Mächtigkeit der verschiedenen Karten in etwa gleichwertig, und die Karten, die man von den
Mitspielern erhält, sind im Durchschnitt nicht schlechter sein als diejenigen, die man selber
weitergeschoben hat. Wenn man Glück hat, passen sie sogar gerade zu den eigenen Ambitionen, zur
Pöppel-, Geld- oder Siegpunkte-Vermehrung. Es gibt viele Wege zum Siegen, das ist einer der Vorzüge
von “Notre Dame”.
Jeder Spieler baut lustig vor sich hin, freut sich an einem sprudelnden Geldsegen, trägt die
Rattenverluste mit Fassung und fördert zielgerichtet seine Quellen für Siegpunkte. Keiner tut
keinem weh, das Spiel ist genauso friedlich wie eine Rommee-Runde zu Großmutters Zeiten, nur sehr
viel konstruktiver, ästhetischer und mit mehr Erfolgserlebnissen zwischendurch.
Nach dem Spiele kann man sich Gedanken darüber machen, was man das nächste Mal besser machen
will. Und das ist immer ein Zeichen von gutem Spieldesign. In jedem Fall ist das Spiel eine
gelungene Mischung von Glück und Können: der Zufall bestimmt die Reihenfolge der Spielzüge, die
jeder machen darf, und das Können liefert dazu die passende optimale Gesamt-Planung, die zum Sieg
führt.
