Egizia
rezensiert von Walter Sorger
Über den Titel lässt sich trefflich rätseln. Hat hier der Altmeister “Knizia” für ein
Spiel von vier italienischen Spieleautoren Pate gestanden? Viel einfacher: “Egizia” heißt
auf italienisch ganz einfach “altägyptisch” und zeigt damit die Gegend an, in die uns die
Autoren entführen wollen. Wir bewegen uns bzw. unsere 16 Schiffchen “im Tal der Könige”
und versuchen durch einen optimalen Einsatzplan für unseren Handlungsspielraum die meisten
Siegpunkte zu erzielen.
Fünf Runden lang werden auf 10 Stationen entlang des Nils verschiedene “Nil-Karten”
als Objekte unserer Begierde offen ausgelegt. Reihum setzen wir eines unserer Schiffchen auf eine
beliebige Station und erhalten die Nil-Karten sowie den Vorteil, den sie verspricht:
- Erhöhung der Mannschaftsstärke unserer Bautrupps
- Ernährung für unsere Bautrupps
- Baumaterial aus den Steinbrüchen
- andere individuelle Erträge
Wir brauchen keinen Würfel und haben keine limitierte Reichweite. Wenn wir am Zug sind, können
wir jede gebotene Nil-Station anlaufen, unseren Mitspielern die entsprechende Nil-Karte
wegschnappen und in unseren Besitz nehmen. Der Startspieler hat freie Auswahl.
Einziger Haken bei der Sache: Das nächste Schiffchen muss flussabwärts von unserem
letzten Schiffchen gesetzt werden; wenn wir uns aus lauter Gier eine besonders lukrative Karte nahe
der Nilmündung unter den Nagel gerissen haben, dann sind alle übersprungen Karten oberhalb davon
für uns verloren.
Hier kommt sich eine weitere intelligente Regel ins Spiel, die diesem Setzen- und
Karte-Wegnehmen erst den richtigen Pfiff gibt: Nicht alle Spieler bringen pro Runde die gleiche
Anzahl von Schiffen zum Einsatz. Wer die letzte Station am Nil angelaufen hat, muss seine
Setz-Aktivitäten zwangsläufig beenden, die Mitspieler können aber noch alle möglichen
Zwischenstationen abräumen. Gerade wenn wir uns die ganz vorne liegenden lukrativen Karten entgehen
ließen und nur langsam eine Station nach der anderen angelaufen sind, können wir jetzt in aller
Ruhe den gesamten Rest an Nil-Karten abräumen, während unsere Mitspieler unten im Nildelta schon
auf die nächste Spielphase warten.
Nach der Karten-Ernte müssen wir unsere Bautrupps ernähren, d.h. wir müssen für jeden Kopf
innerhalb unserer Belegschaft eine Kornration zur Verfügung haben. Diese Kornrationen sollten wir
uns beim Setzen innerhalb der Runden vorsorglich zugelegt haben, andernfalls hagelt es hier
empfindliche Minuspunkte ins Kontor.
Jetzt gehen die Bauaktivitäten los. Bei der Sphinx, bei den Königsgräbern oder in der
Tempelregion lassen wir unsere Bautrupps mit dem angesammelten Baumaterial los und stellen
wohldefinierte Bauabschnitte fertig, die uns Siegpunkte einbringen. Haben wir uns bei der Sphinx zu
schaffen gemacht, dürfen wir uns geheime Sphinx-Karten zulegen, die bei Spielende Sonderprämien
ausschütten, insbesondere zusätzliche Siegpunkte für Bauleistungen in den verschiedenen
Regionen.

Nach fünf Runden und insgesamt ca. 90 Minuten Spielzeit ist Ägypten aufgebaut, und in einer
Schlusswertung werden unsere bisher ergatterten Siegpunkte durch unseren Besitzstand an
Baumaterial, Königsgräbern und Sonderkarten noch aufgestockt. Wer jetzt am meisten aufzuweisen hat,
ist Sieger. (In dieser kurzen Spielübersicht habe ich viele hübsche Details zum Agieren und Punkten
ausgelassen; im 12-seitigen ausführlichen Regelheft kann sie jeder selber nachlesen.)
Fazit: Egizia ist ein Planungsspiel mit einem sehr weiten Betätigungsfeld für unsere
Optimierungs-Ambitionen. Die zufällig auf dem Spielbrett verteilten Nil-Karten sind das einzige
unberechenbare Element; sie sind die jedes Mal wechselnde Aufgabenstellung, die es zu meistern
gilt. Der Startspieler hat hierbei leichte Vorteile, deshalb wird pro Runde auch immer der
punktschwächste Spieler zum Startspieler bestimmt. Diese Regel erlaubt natürlich auch, ganz gewollt
punkteträchtige Bauvorhaben zurückstellen, nur um in der nächsten Runde das Startspieler-Privileg
zu erhalten.
Alle Spielzüge laufen in scharfer Konkurrenz aller Spieler gegeneinander ab. Jeder Spieler kann
jedem anderen Spieler jeden Setzplatz wegnehmen. Das schafft eine spannende Atmosphäre mit
ständiger Interaktion. Doch niemals verliert Egizia seine spielerische Linie. Auf unseren
Spielerstirnen steht kein Schweiß, und für verpatze Vorhaben fließen keine Tränen. Alle Züge sind
gut, nur manche sind halt besser. Es besteht ein großer Anreiz, die Vorteile der verschiedenen
Nil-Karten in Abhängigkeit von der Lage am Nil zu analysieren, genauso wie den relativen Vorteil
der verschiedenen Sphinx-Karten. Doch bei der Vielfalt der Einflussgrößen und ihren inneren
Abhängigkeiten wird der Nil seine Geheimnisse nicht so leicht preisgeben.