Haselwurz und Bärenklau

Haselwurz und Bärenklau

rezensiert von Walter Sorger

Das Spiel ist nicht “mein” Spiel. Das muß vorausgeschickt werden. Für eine
harte Männerrunde mit Dame fehlt die Interaktion. Unter anderem. Aber für meine vier
kleinen, friedlich geborenen und pfiffig-friedlich aufwachsenden Neffen würde ich es
immer wieder gerne hervorholen.

Im Verlauf des Spieles bauen die Spieler aus Feld-Wald-Wiesen-Hexagons eine
Landschaftsfläche auf. Hierin bewegen sie sich pro Zug anhand verschiedener
Transportmittel unterschiedlicher Bewegungsmöglichkeiten:

  • die Libelle zieht nur entlang von Wasserläufen
  • der Dachs bevorzugt Wälder, Hecken und Felder mit Gehölzen
  • die Heuschrecke springt über Wiesen und Äcker mit Blumenfeld
  • der Vogel kann über beliebige Flächen ziehen, allerdings nur maximal bis zu drei
    Felder weit, und er darf seinen Zug nicht auf Dörfern oder Seen beenden.

board

Ziele der Bewegung sind Hexagons, an deren Ecken beim Aufbau der Landschaft eine
bestimmte Kombination von Landschaftstypen zusammengekommen ist. Die gesuchte Kombination
wird auf ausliegenden “Entdeckungskarten” vorgegeben. Wer ein Hexagon mit einer
gesuchten Landschaftskombination erreicht hat, darf die betreffende Entdeckungskarte an
sich nehmen. Sie zählt als eine Anzahl von Siegpunkten. Wer bei Spielende die meisten
Siegpunkte hat, ist Sieger.

Das Spiel ist freundlich gestaltet, die Landschaftsteile haben eine gefällige
Farbgebung, ebenso die Holzteile zum Markieren von Hecken, Gehölze und Blumenfeldern und
zum Abdecken der abgegrasten Landschaftskombinationen.

Das Spielprinzip ist eine gelungene Kombination von langfristigen Zügen zum Planen von
Routen und Transportwegen und von kurzfristigen Zügen zum Einfahren der Ernte. Auch das
zugrundegelegte Design mit Natur- und Umweltmotiven ist überzeugend umgesetzt.

Soll man jetzt noch darüber meckern, daß das Aussuchen eines neuen Hexagons und seine
optimale Stelle im Spielfeld, das Ermitteln des lukrativsten Zielfeldes in der Landschaft
und die Auswahl des besten Transportmittels dorthin eine gewisse Denkzeit erfordern, in
der alle Mitspieler sich in Geduld üben müssen? Diese Kritik ist der Zielgruppe des
Spieles nicht angemessen. Und für die anderen gilt: Wer schon vor Jahrzehnten seine
Nerven beim “Scrabble” mit der Oma geschult hat, wird bei einem “Haselwurz
und Bärenklau” mit seinen Enkelkindern keine Geduldsprobleme haben.

Bei uns hat Peter eine kontroverse Diskussion zu unserem WPG-Wertungsverständnis
eingebracht: Dürfen wir bei der Notenvergabe nur die eigenen Spielvorlieben oder auch den
Geschmack Außenstehender (“Kinder, Glücksspieler, Trottel”) berücksichtigen?
Ich finde, es gibt sachliche Kriterien, nach denen wir einem Spiel Qualität zuerkennen
müssen, auch wenn es nicht gerade auf unserer eigenen Linie liegt. Hallo Peter, warte
nur, bis Du selber Kinder hast! Dann wird sich deine knallharte
Alles-oder-Nichts-Einstellung über Nacht in eine butterweiche Sowohl-als-Auch-Haltung
verwandeln.