Candamir
Candamir ist ein Spiel für zwei, drei oder vier Spieler. Warum ich es unter die 2PS
eingereiht habe, braucht eine gesonderte Begründung. Die lässt sich aber leichter geben,
wenn ich meine Sicht des Spiels erst einmal erklärt habe – ich komme also nachher noch
einmal darauf zurück.
Candamir heißt zwar mit Untertitel “Die ersten Siedler”, und oben auf der
Box prangt “Abenteuer Catan”, aber das Spiel hat herzlich wenig mit den
“Siedlern von Catan” zu tun. Dagegen ist es eng verwandt mit den
“Sternenfahrern von Catan”. Da aber unsere Rezension zu den
“Sternenfahrern” immer noch nicht geschrieben ist, muss ich jetzt bei Candamir
etwas weiter ausholen. Entweder lesen Sie nun meine Beschreibung oder, besser, Sie
beobachten eine Beispielpartie von Candamir bei Prof. Easy. Klaus Teuber kann gar
nicht genug gelobt werden für diese Art und Weise der Spielerklärung.
Zwar komm’ ich gegen Flash nicht an, aber hier mein Versuch der abstrakten
Erklärung: Die Spieler haben die Karte eines Fantasy-Landes vor Augen. In der Mitte ist
das Dorf, in dem alle Spieler starten. An bestimmten Stellen der Karte befinden sich
Zielmarker, die vor Beginn des Spiels zufällig gelegt werden. Eine typische Runde eines
Spielers beginnt damit, dass er sich heimlich zwei Zielmarker ansieht. Einen von beiden
(oder, wenn beide ziemlich mies waren: irgendeinen anderen) markiert er dann mit seinem
Zielpöppel.
Ein so markiertes Ziel gehört dem Spieler. Er muss es ansteuern, niemand
anderes darf es ansteuern. Es gibt keine Möglichkeit, einen fremden oder eigenen
Zielpöppel zu entfernen – außer man erreicht das Zielplättchen und hakt diese Aufgabe ab.
Diese Begrenzung macht Candamir sehr friedlich. Es ist im Gegensatz zu vielen
vergleichbaren Spielen nicht möglich, einem anderen Spieler etwas vor der Nase
wegzuschnappen.
Aber unser Spieler ist ja noch im Dorf, und irgendwo da
draußen hat ein er Zielplättchen markiert. Wie er kommt er hin? Schritt für Schritt.
Seine Zugweite (Zahl der Schritte) definiert sich über seine Ausdauer (und evtl.
Spezialfähigkeiten). Jeder Schritt bedeutet, eine Karte zu ziehen. Diese Karte stellt die
vier Wegrichtungen dar. Oft kann man “einfach so” in die Richtung ziehen, in
die man ohnehin wollte. Manchmal darf man sogar noch eine Naturalie (Pilz/Kraut/Honig)
aufsammeln. Wenn man Pech hat, steht Bär/Wolf/Schlange/Candamir im Weg, die man nur
Würfelwurf besiegen/zufrieden stellen kann. Immerhin gibt’s bei Bären zwei Felle, bei
Wölfen ein Fell als Siegespreis, und Candamir schenkt dem Holz-Hack-Helfer ein Holz. Der
Würfelwurf wird modifiziert mit Adventure-artigen Eigenschaften (Stärke, Geschicklichkeit
…) und evtl. gefundenen Gegenständen. Eine weitere Begegnungsart sind Abenteuer. Bei
Abenteuern kann man eines von dreien auswählen; Abenteuer sind meistens schwieriger als
Tiere, aber die Belohnung ist normalerweise auch höher. Zudem gibt es einen Siegpunkt für
die meisten bestandenen Abenteuer. Wohlgemerkt: Niemand muss zu Abenteuern oder Tieren
laufen. Wer sich aber stets davon abhalten lässt, in die richtige Richtung zu gehen,
verliert Züge (und außerdem die so erarbeitbaren Rohstoffe).
Das Zielplättchen beschenkt den Spieler mit Rohstoffen (Fell/Holz/Erz),
Erfahrungspunkten (zum Steigern der Charaktereigenschaften), Gegenständen oder direkten
Siegpunkten (Rind/Ziege). Wer sein Zielplättchen erreicht (egal, wo dies ist) wird ins
Dorf zurück teleportiert.
Zurück im Dorf, kann man wieder auf Abenteuer gehen oder “Bauen und Brauen”.
Bei B&B werden Rohstoffe in Siegpunkte und Naturalien in Tränke verwandelt. Tränke
dienen dazu, Würfelwürfe leichter zu bestehen, Ausdauer zu regenerieren oder die Ausdauer
der Mitspieler zu senken. Wer “baut und braut”, dessen Runde ist beendet.
Ziel des Spieles ist es, 10 Siegpunkte zu machen. Siegpunkte gibt es für: 1.
Rinder/Ziegen (direkte Siegpunkte), 2. Produkte (jeweils aus drei bestimmten Rohstoffen
herzustellen), 3. Mehrheiten (es gibt vier Abnehmer im Dorf, wo die Siegpunkte gelagert
werden; wer mindestens drei Siegpunkte bei bestimmten Abnehmern hat und eine Mehrheit
hat, kriegt einen Sonderpunkt), 4. Mehrheit bei bestandenen Abenteuern. Soweit der grobe
Schnelldurchlauf durch die Regeln.
Wie spielt sich Candamir? Wie gesehen, ist ein einmal fixiertes Ziel für alle anderen
Spieler tabu. Die Spieler haben zwar Kampfkraft, Ausdauer etc. Aber die kommt nur gegen
Bären und Abenteuer zum Tragen: Zwei Spielerfiguren können zwar auf dem selben Feld
stehen, aber sie können sich nicht “treffen” (geschweige denn miteinander
kämpfen…). Candamir ist also sehr friedlich; so friedlich, dass es eigentlich auch als
Solitärspiel durchgehen könnte.
Wo findet Interaktion statt? Die Spieler können miteinander handeln; im 2PS geschieht
dies aus verständlichen Gründen unter guten Spielern nie, bei mehr Spielern könnte dies
sogar Kingmaker-Züge annehmen (je nachdem, ob Spieler A mit B oder C handelt, die beide
hätten, was er braucht …). Die Spieler flößen einander Met ein; das geht nur mit
solchen Spielern, die gleich viel oder mehr Siegpunkte haben. Met ist lästig, aber kein
echtes Problem. Die Spieler kämpfen um Mehrheiten. Das ist bei zwei Spielern kein
Problem, aber bei drei oder vier Spielern könnte dies ebenfalls schnell zu
Kingmaker-Situationen führen. (Und jetzt weiß der werte Leser auch, warum Candamir von
uns nur zu zweit gespielt wird…). Sonst findet Interaktion nur dadurch statt, dass die
Spieler unter denselben Zielkärtchen und Abenteuerkarten wählen.
Verglichen mit den “Sternenfahrern” ist Candamir schwieriger und einfacher
zugleich. Schwieriger, weil es viel mehr Regeln und viel mehr zu erklären gibt.
Einfacher, weil das Spiel selbst nicht so anstrengend ist: Der Memory-Effekt von
Sternenfahrern (“Wo war nochmal dieser vermaledeite 5er Treibstoff-Planet?”)
entfällt fast ganz; die paar Plättchen von Candamir kann sich jeder merken. Bei
“Sternenfahrern” war man ständig in Not, ob man Rohstoffe für Siegpunkte
(Kolonieschiffe/Zentren) oder für die Verbesserung des Schiffs (Laser/Antrieb) oder für
den Handel ausgibt. Diese süße Qual entfällt bei Candamir: Rohstoffe sind für Siegpunkte
da, basta. Naturalien/Ehrfahrungspunkte sind für den Ausbau der eigenen
Leistungsfähigkeit, basta. Nur beim Losmarsch auf einen Zielmarker kann man sich evtl.
zwischen einem mit viel Naturalien oder einem mit einem Gegenstand unterscheiden; sobald
man das Zeugs einmal hat, ist einem die Entscheidung abgenommen.
Für kopflastige Spieler ist Sternenfahrer sicher das bessere Spiel. Candamir ist aber
friedlicher, plätschernder, gemütlicher. Und Candamir kann mit einer weiteren Eigenart
punkten: Dem Charaktergenerator. Hier lassen sich online Charaktere zusammenstellen. Der
Witz daran ist nicht, dass man sein eigenes Konterfei auf die Karte drucken kann (- wobei
das natürlich auch geht), sondern, dass man sich vor Spielbeginn eine (vermeintliche)
Killerkombination von Charakterpunkten/Sondereigenschaften zusammenstellen kann. Der
Editor bietet wesentlich mehr Sondereigenschaften als die mitgelieferten Charaktere
haben. Alle Eigenschaften sind im Editor bepreist; man hat 40 Punkte und kann daraus
machen, was man will. Auch extreme Ausrichtungen sind möglich (z. B. ein kampfkräftiger
Charakter mit Zusatzeigenschaften Bärentöter und Rohstoffhandel; der sammelt dann gar
keine Felle mehr bei Zielpunktmarkern, sondern tötet unterwegs Bären à 2 Felle; und 2
Felle tauscht er gegen einen beliebigen anderen Rohstoff – allerdings sind diese
Eigenschaften bereits so teuer, dass wenig Punkte für anderes bleibt).
Klaus Teuber hat in einem Interview selbst eine Reihe hochinteressanter Dinge zu Candamir gesagt.
Nachlesen lohnt.
Fazit: Candamir ist ein angenehmes, ruhiges Spiel. Spieler, die gerne ihren Spielabend
vorplanen, können neue Strategien mit dem Editor vorbereiten. Candamir mit drei oder vier
Spielern könnte Kingmaker-Probleme haben, doch zu zweit geben wir ihm hoch verdiente 4
Sterne.
Wertung: 