von Walter am 2.04.2009 (622 mal gelesen, 1 Kommentar)

An welche Arten von Spielen erinnert man sich am besten? Bei uns lief gerade eine heiße Diskussion, ob das nur Spiele mit klaren Themen oder auch rein abstrakte Spiele sein können. Hans konnte dazu die psychologische Erkenntnis beisteuern, daß es wesentlich von den begleitenden Emotionen abhĂ€ngt liegt, ob ein Ereignis im GedĂ€chtnis gespeichert wird oder nicht. Damit reduziert sich die Anfangsfrage auf eine simple Frage nach Vorlieben. Der Bridgestar Culbertson ließ sich scheiden, weil seine Frau Josefine in einem Titelkampf nicht die Pik-Zwei zurĂŒckgespielt hat. Dagegen ziehen sich geborene Kriegerseelen nur dann hoch, wenn sie mindestens ein paar Atombömbchen zĂŒnden dĂŒrfen. NatĂŒrlich ĂŒber einem Schurkenstaat, wo denn sonst! Alles Geschmackssache!
1. “Diamonds Club”
Ein Ravensburger Spiel von RĂŒdiger Dorn aus der Ernte des letzten Jahres. GĂŒnther hatte das Spiel schon auf der Spiel 2008 in Essen gespielt. Regelsicher war er allerdings nicht mehr, es reichte dazu, einige RegelausfĂŒhrungen von Aaron zu ergĂ€nzen. Aber wir gingen das anspruchsvolle Spiel locker an, Fehler und IrrtĂŒmer wurden ohne Beanstandungen auch ein-einhalb Runden spĂ€ter noch nachtrĂ€glich korrigiert.
Ähnlich wie bei den “FĂŒrsten von Florenz” erhĂ€lt jeder Spieler zu Beginn ein eigenes Tableau, auf dem er sein im Laufe des Spieles erworbenes Besitztum plaziert. Auf dem gemeinsamen Spielbrett in der Mitte befindet sich der Markt, und durch geschicktes Setzen auf die verschiedenen Positionen an Tieren, Landschaften und GebĂ€uden fĂŒllt man sein Privat-Tableau und hĂ€uft damit Siegpunkte auf sein Konto.
Es gibt sehr viele verschiedene Entwicklungsrichtungen zu verfolgen. Alle sind mehr oder weniger erfolgreich, und am Ende mĂŒnden alle in eine Orgie von PrĂ€mien und SonderprĂ€mien. Ein konstruktives Spannungsfeld herrscht zwischen der von den Regeln geforderten Diversifizierung der Investitionen und einer angestrebten Monopolisierung in der Entwicklung, die einen progressiven Nutzen bringt. Weiterhin gilt es, eine wirksame Balance zwischen dem langfristigen Ausbau der Erwerbsquellen und ihrer kurzfristigen unmittelbaren Nutzung zu finden.
GĂŒnther ging sofort seinen technischen Fortschritt an. NatĂŒrlich wußte der erfahrene Fuchs schon vorher, daß die Förderung des Einkommens besonders am Spielanfang den grĂ¶ĂŸten Nutzen bringt. Die anderen drei blinden HĂŒhner mußte sich erst in der weiten Landschaft der Siegpunktquellen orientieren, bevor sie einen Spielplan verfolgen konnten. Doch das Spiel ist gutmĂŒtig. Viele Vorlieben können zum Sieg fĂŒhren. Die ersten ZĂŒge mĂŒssen keineswegs punktgenau gesetzt werden, eine anfĂ€ngliche SchwĂ€chelei kann im Laufe des Spieles durch spĂ€teres konsequent-gutes Spiel noch leicht wettgemacht werden.
“Gutes Spiel” besteht – neben der sachgerechten Balance zwischen kurz- und langfristigen Zielen, bzw. zwischen Ein- und Vielseitigkeit innerhalb der Investitionen – zum großen Teil aus einer glĂŒcklichen Hand beim Setzen auf dem Markt, sowie aus einer mehr-oder-weniger-zufĂ€llig-glĂŒcklich-fehlenden Konkurrenz beim hier stattfindenden Setz-Chaos. Hallo RĂŒdiger, was meinst Du dazu?
Und noch eine Frage: Warum gibt es verschiedene Tierarten (Fische, Vögel und Rehe) zu ersteigern, eine einzige Tierart hĂ€tte spieltechnisch doch gereicht! Die Erwerbsmöglichkeiten dafĂŒr sind absolut symmetrisch, und ein Trio aus drei gleichen Viechern wird mit dem identischen Aufwand erworben wie eines aus drei verschiedenen. Ist dieses Detail ausschließlich aus Ă€sthetischen GrĂŒnden hinzudesigned worden? Oder war das eine Verneigung vor Konrad Lorenz und seinem berĂŒhmten “Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen”?
WPG-Wertung: Aaron: 6 (reduziert wegen Mitspieler-Chaos), GĂŒnther: 7 (“super Setz-Mechanismus”), Moritz: 7 (“interessant”), Walter: 7 (Ă€sthetisches Material, Ă€sthetische Spielweise)
Walter wird eine Rezension schreiben.
PS: Mitten aus dem Leben gegriffen:
Aaron hatte vergessen, seinen Setzstein auf das Feld zu setzen, wo er die Orangerie erworben hatte. Damit hĂ€tte der nĂ€chste Spieler einen Diamanten mehr fĂŒr die Orangerie hinblĂ€ttern mĂŒssen. Moritz war der Nutznießer dieses Versehens. Kurz danach wurde der Fehler bemerkt. Frage an den Turnierleiter: Muß Moritz jetzt noch einen Diamanten nachschießen, oder wird seine Unterzahlung durchgehen lassen? Frage an die Insider: Hat Moritz einen Diamanten nachgeschossen oder konnte er seinen Vorteil ĂŒber die Zeit retten? BestgehĂŒtete Geheimnisse am Westpark!
2. “Valdora”
Ein Abakusspiel von Michael Schacht. “Fernab unserer Zeit liegt ein verstecktes Tal voller unermeßlicher ReichtĂŒmer. Abenteurer aus der ganzen Welt machen sich auf den Weg, um hier ihr GlĂŒck zu finden.” So fĂ€ngt die Einleitung an, und zwar gleich in fĂŒnf verschiedenen Sprachen. Ein Leckerbissen fĂŒr die Polyphonen.
Die Spieler bewegen ihre Pöppel ĂŒber die Wege des Spielbretts
- zu Silberminen (um sich mit LiquiditÀt zu versorgen),
- zu den Diamantengruben am Wegrand (in denen das wertvolle Material einfach eingesackt werden kann)
- zu StĂ€dten (in denen sie SchĂŒrfwerkzeuge erwerben und sich mit AuftrĂ€gen eindecken)
- zu ihre Auftraggebern (um die bestellte Ware – Diamanten in vorgegebenen Farben – abzuliefern)
Der Spielablauf ist ein ewiges Pendeln zwischen diesen verschieden Stationen.
Das Ganze geht leider ziemlich zĂ€h und deterministisch zu. Am Anfang hat man weder Geld, noch AuftrĂ€ge, noch LadekapazitĂ€ten, um große GeschĂ€fte zu machen. FĂŒr den nĂ€chsten Zug gibt es entweder nur eine einzige Möglichkeit oder eine einzige, trivial zu bestimmende optimale Möglichkeit. Wenn man sich dann langsam hochgeschaukelt hat und hofft, in Freiheitsgraden bei Masse und Mitteln zu schwelgen, liegen keine Diamanten mehr herum. Vielleicht kann man dieses Prinzip als “ausbalanciert” bezeichnen: Das Produkt aus Potenz und Markt ist konstant. Es paßt aber auch der Vers von Wilhelm Busch:
“So geht’s immer, wie ich finde”
spricht der MĂŒller voller Zorn,
“hat man Korn so fehlt’s am Winde,
hat man Wind, so fehlt’s am Korn.”
Ein starkes Programm fĂŒr Transportoptimierung wĂ€re gefragt. Oder eine von GĂŒnthers genialen Faktorenanalysen. Doch dann wĂ€ren die spielerischen Entscheidungen noch mehr determiniert. Oder ist das etwa die gewollte, aber von mir nicht verstandene Herausforderung des Spiels? Entschuldige, lieber Michael, nach einem ermĂŒdenden Arbeitstag in abgeschlaffter Dödelstimmung um Mitternacht hat ein reiferer Herr nicht mehr genĂŒgend Energie, sich hier kommerzielle Perspektiven zu erarbeiten.
Ist es nicht vielleicht auch charakteristisch fĂŒr den Spielablauf, daß kein einziger Spieler mehr einen sinnvollen Zug tun konnte, als Moritz die Schlußrunde eingelĂ€utet hatte?
WPG-Wertung: Aaron: 7 (fand sein GlĂŒck; konnte sich kurzfristig an Moritz’ Schrecken erlaben, ihm vermeintlich den Sieg genommen zu haben; hĂ€tte sogar 8 Punkte vergeben, wenn es nicht so autistisch wĂ€re), GĂŒnther: 4 (“Aaron, bist Du des Wahnsinns?!”), Moritz: 7 (Sieger mit winning Strategie), Walter: 4 (hat es nicht geschnallt)

Eine Reaktion zu “01.04.2009: Die Nacht der Diamanten”

  1. Walter

    Nachdem wir nachtrĂ€glich erkannt haben, daß wir zwei Regeldetails falsch gehandhabt haben, nĂ€mlich:

    1. will man ein bereits besetztes Feld betreten muss man jedem Spieler, der dort bereits steht, eine SilbermĂŒnze bezahlen.
    Wir haben bei Stadtfeldern nix bezahlt.

    2. Erledigt man einen Auftrag, bekommt man ein HandwerkerplÀttchen der Auftragsfarbe. Gibt es diese Handwerkerfarbe nicht mehr, erhÀlt man das nÀchste, im Urzeigersinn vorhandene PlÀttchen. Hat man einen Auftrag einer Farbe erledigt von der man auch die Werkstatt besitzt, bekommt man ein BonusplÀttchen, auch wenn man ein HandwerkerplÀttchen einer anderen Farbe nehmen musste.
    Bei uns ging man hier leer aus.

    haben GĂŒnther und Walter ihre Noten um je einen Punkt angehoben. (Wenn es halbe Punkte gĂ€be, dann sogar zusammen noch um einen halben Punkt mehr.)

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