von Walter am 2.04.2009 (1.035 mal gelesen, 1 Kommentar)

An welche Arten von Spielen erinnert man sich am besten? Bei uns lief gerade eine hei├če Diskussion, ob das nur Spiele mit klaren Themen oder auch rein abstrakte Spiele sein k├Ânnen. Hans konnte dazu die psychologische Erkenntnis beisteuern, da├č es wesentlich von den begleitenden Emotionen abh├Ąngt liegt, ob ein Ereignis im Ged├Ąchtnis gespeichert wird oder nicht. Damit reduziert sich die Anfangsfrage auf eine simple Frage nach Vorlieben. Der Bridgestar Culbertson lie├č sich scheiden, weil seine Frau Josefine in einem Titelkampf nicht die Pik-Zwei zur├╝ckgespielt hat. Dagegen ziehen sich geborene Kriegerseelen nur dann hoch, wenn sie mindestens ein paar Atomb├Âmbchen z├╝nden d├╝rfen. Nat├╝rlich ├╝ber einem Schurkenstaat, wo denn sonst! Alles Geschmackssache!
1. “Diamonds Club”
Ein Ravensburger Spiel von R├╝diger Dorn aus der Ernte des letzten Jahres. G├╝nther hatte das Spiel schon auf der Spiel 2008 in Essen gespielt. Regelsicher war er allerdings nicht mehr, es reichte dazu, einige Regelausf├╝hrungen von Aaron zu erg├Ąnzen. Aber wir gingen das anspruchsvolle Spiel locker an, Fehler und Irrt├╝mer wurden ohne Beanstandungen auch ein-einhalb Runden sp├Ąter noch nachtr├Ąglich korrigiert.
├ähnlich wie bei den “F├╝rsten von Florenz” erh├Ąlt jeder Spieler zu Beginn ein eigenes Tableau, auf dem er sein im Laufe des Spieles erworbenes Besitztum plaziert. Auf dem gemeinsamen Spielbrett in der Mitte befindet sich der Markt, und durch geschicktes Setzen auf die verschiedenen Positionen an Tieren, Landschaften und Geb├Ąuden f├╝llt man sein Privat-Tableau und h├Ąuft damit Siegpunkte auf sein Konto.
Es gibt sehr viele verschiedene Entwicklungsrichtungen zu verfolgen. Alle sind mehr oder weniger erfolgreich, und am Ende m├╝nden alle in eine Orgie von Pr├Ąmien und Sonderpr├Ąmien. Ein konstruktives Spannungsfeld herrscht zwischen der von den Regeln geforderten Diversifizierung der Investitionen und einer angestrebten Monopolisierung in der Entwicklung, die einen progressiven Nutzen bringt. Weiterhin gilt es, eine wirksame Balance zwischen dem langfristigen Ausbau der Erwerbsquellen und ihrer kurzfristigen unmittelbaren Nutzung zu finden.
G├╝nther ging sofort seinen technischen Fortschritt an. Nat├╝rlich wu├čte der erfahrene Fuchs schon vorher, da├č die F├Ârderung des Einkommens besonders am Spielanfang den gr├Â├čten Nutzen bringt. Die anderen drei blinden H├╝hner mu├čte sich erst in der weiten Landschaft der Siegpunktquellen orientieren, bevor sie einen Spielplan verfolgen konnten. Doch das Spiel ist gutm├╝tig. Viele Vorlieben k├Ânnen zum Sieg f├╝hren. Die ersten Z├╝ge m├╝ssen keineswegs punktgenau gesetzt werden, eine anf├Ąngliche Schw├Ąchelei kann im Laufe des Spieles durch sp├Ąteres konsequent-gutes Spiel noch leicht wettgemacht werden.
“Gutes Spiel” besteht – neben der sachgerechten Balance zwischen kurz- und langfristigen Zielen, bzw. zwischen Ein- und Vielseitigkeit innerhalb der Investitionen – zum gro├čen Teil aus einer gl├╝cklichen Hand beim Setzen auf dem Markt, sowie aus einer mehr-oder-weniger-zuf├Ąllig-gl├╝cklich-fehlenden Konkurrenz beim hier stattfindenden Setz-Chaos. Hallo R├╝diger, was meinst Du dazu?
Und noch eine Frage: Warum gibt es verschiedene Tierarten (Fische, V├Âgel und Rehe) zu ersteigern, eine einzige Tierart h├Ątte spieltechnisch doch gereicht! Die Erwerbsm├Âglichkeiten daf├╝r sind absolut symmetrisch, und ein Trio aus drei gleichen Viechern wird mit dem identischen Aufwand erworben wie eines aus drei verschiedenen. Ist dieses Detail ausschlie├člich aus ├Ąsthetischen Gr├╝nden hinzudesigned worden? Oder war das eine Verneigung vor Konrad Lorenz und seinem ber├╝hmten “Er redete mit dem Vieh, den V├Âgeln und den Fischen”?
WPG-Wertung: Aaron: 6 (reduziert wegen Mitspieler-Chaos), G├╝nther: 7 (“super Setz-Mechanismus”), Moritz: 7 (“interessant”), Walter: 7 (├Ąsthetisches Material, ├Ąsthetische Spielweise)
Walter wird eine Rezension schreiben.
PS: Mitten aus dem Leben gegriffen:
Aaron hatte vergessen, seinen Setzstein auf das Feld zu setzen, wo er die Orangerie erworben hatte. Damit h├Ątte der n├Ąchste Spieler einen Diamanten mehr f├╝r die Orangerie hinbl├Ąttern m├╝ssen. Moritz war der Nutznie├čer dieses Versehens. Kurz danach wurde der Fehler bemerkt. Frage an den Turnierleiter: Mu├č Moritz jetzt noch einen Diamanten nachschie├čen, oder wird seine Unterzahlung durchgehen lassen? Frage an die Insider: Hat Moritz einen Diamanten nachgeschossen oder konnte er seinen Vorteil ├╝ber die Zeit retten? Bestgeh├╝tete Geheimnisse am Westpark!
2. “Valdora”
Ein Abakusspiel von Michael Schacht. “Fernab unserer Zeit liegt ein verstecktes Tal voller unerme├člicher Reicht├╝mer. Abenteurer aus der ganzen Welt machen sich auf den Weg, um hier ihr Gl├╝ck zu finden.” So f├Ąngt die Einleitung an, und zwar gleich in f├╝nf verschiedenen Sprachen. Ein Leckerbissen f├╝r die Polyphonen.
Die Spieler bewegen ihre P├Âppel ├╝ber die Wege des Spielbretts
– zu Silberminen (um sich mit Liquidit├Ąt zu versorgen),
– zu den Diamantengruben am Wegrand (in denen das wertvolle Material einfach eingesackt werden kann)
– zu St├Ądten (in denen sie Sch├╝rfwerkzeuge erwerben und sich mit Auftr├Ągen eindecken)
– zu ihre Auftraggebern (um die bestellte Ware – Diamanten in vorgegebenen Farben – abzuliefern)
Der Spielablauf ist ein ewiges Pendeln zwischen diesen verschieden Stationen.
Das Ganze geht leider ziemlich z├Ąh und deterministisch zu. Am Anfang hat man weder Geld, noch Auftr├Ąge, noch Ladekapazit├Ąten, um gro├če Gesch├Ąfte zu machen. F├╝r den n├Ąchsten Zug gibt es entweder nur eine einzige M├Âglichkeit oder eine einzige, trivial zu bestimmende optimale M├Âglichkeit. Wenn man sich dann langsam hochgeschaukelt hat und hofft, in Freiheitsgraden bei Masse und Mitteln zu schwelgen, liegen keine Diamanten mehr herum. Vielleicht kann man dieses Prinzip als “ausbalanciert” bezeichnen: Das Produkt aus Potenz und Markt ist konstant. Es pa├čt aber auch der Vers von Wilhelm Busch:
“So geht’s immer, wie ich finde”
spricht der M├╝ller voller Zorn,
“hat man Korn so fehlt’s am Winde,
hat man Wind, so fehlt’s am Korn.”
Ein starkes Programm f├╝r Transportoptimierung w├Ąre gefragt. Oder eine von G├╝nthers genialen Faktorenanalysen. Doch dann w├Ąren die spielerischen Entscheidungen noch mehr determiniert. Oder ist das etwa die gewollte, aber von mir nicht verstandene Herausforderung des Spiels? Entschuldige, lieber Michael, nach einem erm├╝denden Arbeitstag in abgeschlaffter D├Âdelstimmung um Mitternacht hat ein reiferer Herr nicht mehr gen├╝gend Energie, sich hier kommerzielle Perspektiven zu erarbeiten.
Ist es nicht vielleicht auch charakteristisch f├╝r den Spielablauf, da├č kein einziger Spieler mehr einen sinnvollen Zug tun konnte, als Moritz die Schlu├črunde eingel├Ąutet hatte?
WPG-Wertung: Aaron: 7 (fand sein Gl├╝ck; konnte sich kurzfristig an Moritz’ Schrecken erlaben, ihm vermeintlich den Sieg genommen zu haben; h├Ątte sogar 8 Punkte vergeben, wenn es nicht so autistisch w├Ąre), G├╝nther: 4 (“Aaron, bist Du des Wahnsinns?!”), Moritz: 7 (Sieger mit winning Strategie), Walter: 4 (hat es nicht geschnallt)