von Walter am 3.12.2009 (6.227 mal gelesen, 5 Kommentare)

“Wenn ich ein wenig Geld habe, kaufe ich mir Spiele, und wenn mir dann noch was ├╝brig bleibt, kaufe ich Essen und Kleidung” (Erasmus von Rotterdam, leicht variiert).

1. “Albion”
Albion
├ältere Semester assoziieren mit “Albion” noch die Eigenschaft “perfide”. Bei Wikipedia kann man nachlesen, warum. Doch die Bezeichnung wurde schon von Ptolemaeus gepr├Ągt und bezieht sich schlichtweg auf das Gebiet des heutigen England (einschlie├člich Wales).
Wir sind r├Âmische Siedler und m├╝ssen die Insel von unseren Basislagern an der Kanalk├╝ste ausgehend besetzen. Wir lassen unsere Siedler in das Landesinnere marschieren, bauen Kastelle und Siedlungen, und erschlie├čen Rohstoffquellen (Fisch, Holz, Stein und Gold). Die Rohstoffe ben├Âtigen wir zum Bauen, durch das Bauen erhalten wir mehr Bewegungsfreiheit f├╝r unsere Siedler und Legion├Ąre, gr├Â├čere Verteidungskraft oder reichere Rohstoffquellen. Verteidigung brauchen wir, um uns gegen die Pikten zu wehren, die in immer gr├Â├čeren Mengen auftauchen und unsere Bauwerke zerst├Âren, wenn wir vorher nicht gen├╝gend Verteidigungspotential zusammengetragen haben. Ein rechtes Aufbauspiel ohne W├╝rfel und Zufallseinflu├č.
Beim Vordringen nach Norden stehen wir im Wettlauf mit unseren Mitspielern: Wenn wir in einem Gebiet bauen wollen, wo sie sich bereits festgesetzt haben, m├╝ssen wir ihnen Tribut zahlen. Um die Siegbedingung zu erf├╝llen, m├╝ssen wir uns fast in jedem Gebiet niedergelassen haben, wir k├Ânnen die Gebiete unserer Mitspieler also gar nicht meiden. Tributzahlungen sind fast allt├Ąglich. Sie sind nicht hoch, aber wer g├Ânnt seinem Konkurrenten schon freiwillig einen Fisch. Also m├Âchten wir ├╝berall gerne selber die ersten sein. Doch das bleibt nat├╝rlich ein unerf├╝llbarer Wunschtraum.
Zwangsweise m├╝ssen wir unsere Z├╝ge in die verschiedenen notwendigen Entwicklungsrichtungen verpulvern, und oft stehen wir dabei unschl├╝ssig vor trivialen Alternativen, z.B.

  • Erst unsere Rohstoffquellen nutzen und dann damit weitere Rohstoffquellen erschlie├čen, oder umgekehrt.
  • Erst ein Kastell auf ungef├Ąhrdetem Gebiet bauen und dann in Innere vordingen, oder erst mit einem gewissen Risiko ins Innnere vordringen und dann dort ein Kastell bauen, das sp├Ąter in bezug auf weitere Besiedelung Bewegungsvorteile mit sich bringt.
  • Erst eine Siedlung errichten oder ausbauen, um von den Mitspielern Tribut zu kassieren, allerdings mit dem Risiko, dass sie von den Pikten zerst├Ârt wird, oder erst die Verteidung sichern, daf├╝r aber die Mitspieler vorbeiziehen zu lassen und im Endeffekt Tribut zahlen zu m├╝ssen anstelle selber Tribut zu kassieren.
  • Wir gingen alle sehr vorsichtig ans Werk. Verteidigung wurde gro├č geschrieben. Nur Hans ging bewu├čt das Pikten-Risiko ein, und ist dabei mehrmals nur haarscharf von herben Verlusten verschont geblieben: die zuf├Ąllig aufgedeckten Ureinwohner waren alle friedlich. Nur deshalb reichte es f├╝r ihn zum Sieg, im Tiebreak gegen G├╝nther.
    An allen Ecken und Enden wurde Interaktion vermi├čt. Alle Spieler stehen vor der gleichen Aufgabe, die symmetrischen Vorgaben f├╝hren zwangsl├Ąufig zu gleichf├Ârmigen Entwicklungslinien. Wer sich ├╝ber seinen eigenen Fortschritt freut, ohne dabei der Konkurrenz Kn├╝ppel zwischen die Beine werfen zu wollen, ist mit “Albion” gut bedient. Es ist garantiert ein vorz├╝gliches Solit├Ąrspiel und vielleicht macht in einem Zweierspiel sogar das systemmatische Erarbeiten von minimalen Vorteilen bis zum Niederringen des Gegners einigerma├čen Spa├č.
    In einer Viererrunde ist diese M├Âglichkeit zum konsequenten Ausbau einer vorteilhaften Stellung eher von Nachteil. Das Entwicklungstempo w├Ąchst, aber die strategischen Herausforderungen nicht. Gar nicht. Wer irgendwann einmal leicht geschw├Ąchelt hat und bis zum Mittelspiel ins Hintertreffen geraten ist, kann einen sp├Ąteren Sieg abschreiben, er trottelt bis zum Ende hinterher. Ja es bleiben ihm nicht einmal Nadelstiche, mit denen er seine Mitspieler – zu seiner eigenen Ermunterung ÔÇô ab und zu mal ├Ąrgern kann.
    WPG-Wertung: Aaron: 4 (langweiliges Wettrennen ohne Interaktion, da hat schon wieder Willis Tuning gefehlt), G├╝nther: 6 (wurde von 7 Punkten runterargumentiert, f├╝r ihn braucht ein Spiel nicht ÔÇ×rabiatÔÇť zu sein), Hans: 6 (braucht ebenfalls keine Aggressivit├Ąt; als Aufbauspiel hat es Spa├č gemacht), Walter: 6 (ebenfalls von Aaron runterdiskutiert).

    2. “Ra – The Dice Game”
    Ra - The Dice Game
    “Hast Du noch soÔÇÖn Br├╝ller?” fragte Aaron. G├╝nther war leicht indigniert. Hatte er doch schon die Essen-Erwerbung ÔÇ×AlbionÔÇť aus seiner gro├čen gr├╝nen Spieltasche hervorgeholt. “Ich spiele jedes Spiel mindestens einmal.” Rechtfertigte er sich. ÔÇ×Es soll ja Kollegen geben, die manche gekauften Spiele ├╝berhaupt nicht spielen.ÔÇť Es war nicht klar, gegen wen diese Aussage gem├╝nzt war. Wenn wir wenigstens eine Rezension dar├╝ber schreiben, dann hat sich die Investition doch schon gelohnt, da braucht man das Spiel ja nicht gespielt zu haben ÔÇŽ
    “Ra” ist so ein Spiel, bei dem Walter bereits nach G├╝nthers vorz├╝glichem Regelvortrag eine Rezension h├Ątte schreiben k├Ânnen oder wollen: einen Verri├č. Super Spielmaterial: 5 W├╝rfel. Hexagon-W├╝rfel. Jeder w├╝rfelt wie bei Kniffel mit allen 5 W├╝rfeln, darf zweimal nachw├╝rfeln und das Ergebnis nach einem Ra[ch]istischen Spielbrettschema einordnen und kummulieren. Und damit man seine tausendj├Ąhrigen W├╝rfelgewohnheiten gleich ├╝ber den Haufen werfen kann, wurden die Zahlen 1 bis 6 durch Symbole ersetzt.
    Jedes geworfene Sonnensymbol ÔÇ×RaÔÇť ist sofort verloren und mu├č in der Ra-Reihe abgelegt werden, Jede “Pharaom├╝tze” oder jedes “Schiff” bringt uns auf der Pharo/Schiff-Reihe vorw├Ąrts, wo einmal Relativ-Positionen gegen├╝ber den Mitspielern und einmal Absolut-Fortschritte vom Startfeld aus gesehen in Siegpunkte umgerechnet werden. Jede ÔÇ×PyramideÔÇť darf in einem Zeilen-Spalten-Muster abgelegt werden, woraus bestimmte Kombinationen bei Spielende mit progressiv wachsenden Siegpunkten honoriert werden. Von ÔÇ×SklavenÔÇť ben├Âtigt man schon mindestens 3 aus 5, um sie siegpunkttr├Ąchtig ablegen zu k├Ânnen; hat man nur 2 davon, sind sie ersatzlos verloren. Daf├╝r gibt es dann auch noch die ÔÇ×JokerÔÇť, die als jedes beliebiges Symbol eingesetzt werden k├Ânnen und die Erreichbarkeit hoher Mindestquoten erleichtern.
    Wie die verschiedenen W├╝rfelergebnisse kummuliert und in 2 Zwischenwertungen und einer Entwertung in Siegpunkte umgerechnet werden, ist Schwarz auf Wei├č in einer einfachen Tabelle beschrieben. Doch welche Kombinationen besonders lukrativ sind, auf welche man “hinarbeiten” soll (sofern man mit W├╝rfeln ├╝berhaupt gezielt arbeiten kann), welchen Erwartungswert a) ein einzelnes W├╝rfelergebnis und b) die gesamten kummulativ eingetragenen W├╝rfelergebnisse eines “Ra”-Spieler mit sich bringen, das ist nat├╝rlich unbekannt. Selbst unser Chef-Statistiker G├╝nther wird in dazu in den n├Ąchsten Jahrzehnten keine brauchbare Tabelle erarbeiten. Wollen wir wetten?
    Wer an W├╝rfelspielen Spa├č hat, bekommt mit “Ra” einen neuen Zeitvertreib. Ihm wird dann vielleicht auch nicht auffallen, da├č nicht einmal die Startspielerproblematik gel├Âst ist. Wenn eine festgelegte Anzahl Sonnen geworfen wurden, ist das Spiel schlagartig zu Ende, unabh├Ąngig davon, ob alle Spieler gleich oft an der Reihe waren. Dass dies gerade bei kummulativen Wertungen unbefriedigend ist, wo ein einziger zus├Ątzlicher guter W├╝rfel leicht 5 Punkte wert sein kann, st├Ârt doch keinen gro├čen Geist!
    G├╝nther verteidigte “Ra” verhement als klassisches Nullsummenspiel. F├╝r Walter war es eher in der Summe ein klassisches Nullspiel. Aaron fand es bemerkenswert, da├č das Spiel von einem diplomierten Mathematiker erfunden wurde, dem Altmeister Reiner Knizia. Dem hielt Walter entgegen: “Der hat schon l├Ąngst einen Ghostwriter, der ihm seine Spiele schreibt. Er gibt nur noch seinen Namen her!” Hans w├╝rde aus “Ra” gerne die Schachspieler-Effekte herausarbeiten. Mu├č dazu aber noch bis zu seiner Rente warten. Mindestens.
    WPG-Wertung: Aaron: 5 (obwohl er nicht das Gef├╝hl hatte, etwas steuern zu k├Ânnen), G├╝nther 7 (lockeres W├╝rfelspiel), Hans: 3 (primitiver W├╝rfelmechanismus mit komplexer Wertung), Walter: 2 (tut mir leid, ihr lockeren W├╝rfler, ich mag hier schon das Prinzip nicht).

    3. “Fzzzt!”
    Walter war strikt dagegen, aber sein Einspruch wird offensichtlich nicht f├╝r ernst genommen. Aaron durfte Hans die Regeln erkl├Ąren, und nach seinen zwei vorhergegangenen Generalproben machte er das vorz├╝glich. Als er fertig war, kommentierte Hans: ÔÇ×H├╝bsch! Gef├Ąllt mir soweit!ÔÇť ÔÇô Als wir seinerzeit soweit waren, haben wir das auch noch gesagt. Inzwischen hat sich die Benotung bei 5 Punkten eingependelt. Hans machte einen gewaltigen Ausrei├čer.
    WPG-Wertung: Hans: 8 (niedlich, locker und gut).
    Lieber Herr Blaumeise,
    Hans war heute auch bei ÔÇ×StartspielerÔÇť nicht so kritisch wie wir anderen. Mehr als 5 Punkte w├╝rde er f├╝r dieses Kartendeck geben. Solche Spr├╝che wie: ÔÇ×Wer den coolsten hat, darf anfangenÔÇť haben ihn einfach ├╝berzeugt.

    4. “Bluff”
    Erstmals spielten wir mit der ÔÇ×Anderschschen WarmduscherregelÔÇť (siehe Session-Report vom 23.11.2009). Als G├╝nther vor der Alternative stand, mit Risiko zwei W├╝rfel (relativ) zu verlieren oder ohne Risiko einen, fand er diese Situation ÔÇ×doofÔÇť. Dabei ├Ąhnelt die doch schon ganz sch├Ân stark einem Nullsummenspiel!
    Im zweiten Durchgang spielten wir wieder nach Standard. Im Nu bekam er die Gelegenheit, diese unsere 180┬░ Wende zu bedauern.
    Noch eine Knobelei f├╝r Logiker am Ende:
    Aaron stand mit 2:1 gegen Hans im Endspiel. Er legte 1 mal die Vier vor, Hans hob auf 1 mal die F├╝nf, Aaron auf 1 mal Stern, Hans auf 2 mal Eins und Aaron auf 2 mal Zwei. Hinterher diskutierten wir noch lange ├╝ber die Fehler, die jeder innerhalb dieser Folge gemacht hatte. Schon die Vorgabe 1 mal die Vier war problematisch!
    Frage: Wer hat gewonnen und was hatte jeder von ihnen unter seinem W├╝rfelbecher???
    Keine neue WPG-Wertung f├╝r ein Super-Spiel.
    cum-mulis


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    5 Reaktionen zu “02.12.2009: Getreues Albion und perfide Wertungen”

    1. Co. Mentar

      Mit “Startspieler” hatte ich vor einem Jahr die Bekanntschaft machen d├╝rfen. Dar├╝ber hinaus habe ich keine Ber├╝hrungspunkte. An jenem Morgen der Kommentierung rieb ich mich lediglich an der energischen Formulierung. Im ├ťbrigen sollte nicht davon ausgangen werden dass es sich hier um ein Spiel handelt, auch wenn diese Buchstabenfolge im Namen enthalten ist. Vergleichbar w├╝rde ein Autotester andere Ma├čst├Ąbe bei einer Probefahrt mit einem Smart anlegen! ;o)

      Nach dem Text zu urteilen habt ihr am 2. Dezember 2009 “Ra – The Dice Game” auf dem Tisch gehabt. Derzeit steht als ├ťberschrift lediglich die irref├╝hrende Bezeichnung des gro├čen Bruders.

      Zu “Bluff” tippe ich bei so versierten Spielern auf ‘Stern’ und ‘2’ (Aaron) sowie ‘1’ (Hans). Die Qualifizierung als problematisch sehe ich in dem Umstand, dass die Vorgabe zu niedrig angesetzt wurde. Bei v├Âllig verquerer Spielweise ist diese ├ťberlegung selbstredend ein rechter ***.

    2. Walter

      Lieber Herr Blaumeise,
      100 Punkte f├╝r Sie, Ihre Korrekturen und vor allem Ihre L├Âsung zum Bluff-Problem.
      Das gespielte Spiel sollte mit vollem Namen tats├Ąchlich “Ra – The Dice Game” gehei├čen haben. G├╝nther hatte es mitgebracht und auch wieder eingepackt, und ich habe vom Titel nur den Bestandteil “Ra” mitbekommen. (Wird korrigiert.)
      Beim Bluff-Endspiel hatten Aaron und Hans genau die von Ihnen geschlu├čfolgerten W├╝rfelergebnisse. Aaron h├Ątte statt mit 1 mal “Vier” mit 1 mal “F├╝nf” anfangen sollen und so Hans die gesamte sichere Palette der 1 mal “Zahl” wegnehmen sollen.
      Hans h├Ątte nach Aarons 1 mal “Stern” sich noch was einfallen lassen sollen. Sein 2 mal die “Eins” hat gegen KEINEN ‘Stern + Zahl”-Wurf von Aaron eine Chance.
      Viele Gr├╝├če Walter

    3. Sankt Peter

      Wie kommt Ihr darauf, dass sich bei “kumuliert” zwei “m” anh├Ąufen? Doch nicht etwa von summieren?

    4. Walter

      Hallo Peter (mit oder ohne Heiligenschein),
      nach den ÔÇ×Lokalen Wortaltert├╝mernÔÇť der Sprachforscher Plisch und Plum setzt sich ÔÇ×kummuliertÔÇť aus den Bestandteilen ÔÇ×cumÔÇť = Befehlsform von ÔÇ×kommenÔÇť und ÔÇ×MulisÔÇť = ÔÇ×EselchenÔÇť (Mehrzahl) zusammen. Beim kummulativen Assoziieren von solifizierten Radixen gehen Konsonanten niemals verloren. Daher die beiden ÔÇ×MÔÇťs.
      ├ťbrigens: Bei Google findet man ├╝ber zwanzigtausend Treffer zum inkriminierten Doppel-M, darunter auch beigef├╝gte Bild, das unmittelbar nach der kummulativen Sprachsch├Âpfung entstanden sein mu├č.
      Viele Gr├╝├če Walter

    5. Sankt Peter

      Wow – das muss ich gleich Herrn Duden mitteilen – nicht das sich dort die Fehler kummmulieren ;)