von Walter am 10.12.2009 (3.870 mal gelesen, 2 Kommentare)

Seit Aaron und Walter im Ruhestand sind, f├Ąngt unser Spielabend schon um 19 Uhr an. Dann muss sich G├╝nther zwischen B├╝roschlu├č und Spielbeginn nicht so lange die Zeit in der Stadt herumtreiben. Die K├╝nstler und Handwerker k├Ânnen ohnehin jederzeit den L├Âffel fallen lassen und sich in die Freizeit aufmachen.
Die jahrzehnte-lange Gewohnheit des 20 Uhr Spielbeginns geht allerdings nicht so leicht aus den K├Âpfen. Moritz war noch in der alten Schiene und lie├č das restliche Trio eine geschlagene Stunde warten.
Nat├╝rlich kam auch in der Dreierrunde keine Langweile auf. Auch aus der Peripherie der Spielszene gibt es immer etwas zu diskutieren, z.B. die Lieblingsfarben. Michael, vor 2 Wochen noch Stargast, heute schon Stammspieler, liebt Gelb oder Schwarz, zur Not tutÔÇÖs auch Wei├č oder Orange. Auf keinen Fall darf es Lila sein. Rot ist eher peripher, “das will eh immer schon jemand haben.”
1. “Rumis”
Zum Warming-up, solange Moritz noch unter der Dusche stand. Die Farbe Lila aus dem Expansion-Set blieb verp├Ânt. Michael setzte sich mit seinem Gelb gegen G├╝nthers Standardfarbe durch, der sich dann mit Gr├╝n begn├╝gte, Walter bekam sein traditionelles Rot.
Wir spielten drei Durchg├Ąnge, um aus der Summe der Siegpunkte einen Gesamtsieger zu bilden. Doch da die Spielbretter jedesmal unterschiedliche Gr├Â├če hatten, ist die Summe kein “gerechtes” Ma├č f├╝r einen Gesamtsieg. Oder etwa doch? Trivialerweise w├Ąre die Summe dann gerecht, wenn auf jedem Spielbrett der Startspieler keinen Vor- oder Nachteil h├Ątte. Ist das der Fall? Ich wei├č es nicht!
WPG-Wertung: Der WPG-Durchschnitt liegt bei 8 Punkten, Michael hat bei H@LL 9000 die H├Âchstzahl 6 von 6 Punkten vergeben. Entsprechend sollte der Wert jetzt bei uns um einen Viertel Punkt nach oben gerutscht sein.
2. “Egizia”
Expliziter Spielwunsch von Michael. Walter verriet ihm MoritzÔÇÖ Pr├Ąferenzen f├╝r Bausteine. Moritz dementierte so eifrig wie der Fuchs, dem die Trauben sauer vorkamen. Doch als Michael und Walter als Startspieler sofort diese Schiene verfolgten, waren die anderen permanent in Baustoffnot. Als Moritz erst in der letzte Runde endlich seine Gel├╝ste auf Steine stillen konnte, reichte es nicht mehr zu einem ihm angemessenen Ergebnis.
Walter glaubte mit den ersten Bausteinen alle seinen Probleme gel├Âst zu haben, vor allem als er sich auch noch die Karte zulegen konnte, Bausteine in Korn zu verwandeln. Euphorisch warf er sich in die Unternehmerrolle und nutzte jede Gelegenheit, seine Belegschaft zu erweitern, ohne zu realisieren, da├č sie ihm regelm├Ą├čig seinen Kornspeicher leerfra├č und sich in ihrem Hei├čhunger auch noch ├╝ber seine Steine hermachte. Mit einer solch eindimensionalen Betrachtung kann man “Egizia” nicht gewinnen. Ganz im Gegenteil.
Michael hatte selbst als Neuling sofort die prek├Ąre Ern├Ąhrungslage seiner Mitspieler erkannt und fand auch immer den peinlichen Zug, mit dem er die Ernten auf den Sandb├Âden zunichte machte. Damit konnte er sogar seinen sch├Ąrfsten Konkurrenten G├╝nther ins Wanken bringen, und sich am Ende knapp mit einem Punkt Vorsprung durchsetzen.
G├╝nther durfte nat├╝rlich dar├╝ber hadern, da├č er a) nicht mit seiner Standardfarbe spielen durfte und b) durch st├Ąndige Farbverwechslungen wichtige Punkte verloren hatte. Vielleicht. Andernfalls w├Ąre es ja a) entweder ein schlechtes Zeichen f├╝r den strategischen Charakter von “Egizia”, wenn ein Neuling so mir-nichts-dir-nichts gewinnen k├Ânnte oder b) ein gutes Zeichen f├╝r die strategische Genialit├Ąt von Michael!
WPG-Wertung: Zu unserm WPG-Durchschnitt von fast 9 Punkten vergab Michael zun├Ąchst mal 6 Punkte. Die anderen waren sprachlos. “Zu viele Siegpunktquellen. Der Weg zum Sieg ist nicht klar genug vorhersehbar.” Kann das nicht auch ein Vorteil sein? Sind die vielen, sich im Laufe des Spiels auch noch steigernden M├Âglichkeiten zu Siegpunkten zu kommen, nicht auch ein Qualit├Ątsmerkmal? Michael legte noch einen Punkt drauf. Garantiert ohne den geringsten Druck von seiten der “HiG-gesinnten” Westpark-Gamers.
3. “Assyria”
Das neueste Werk von Emanuele Ornella aus der Spieleschmiede Ystari Games. Eigentlich ein Garant f├╝r h├Âchste Spielkultur. Michael erkl├Ąrte anhand der deutschen Spielregel, Moritz verifizierte seine Aussagen anhand der englischen.

  • Auf Gemeinschaftsfeldern wird Landwirtschaft betrieben und die Spieler w├Ąhlen in vorgegebener Reihenfolge die Felder aus, auf denen sie ernten wollen. Wer die schlechteste Ernte w├Ąhlt, wird Startspieler.
  • Die Spieler erweitern ihr Siedlungsgebiet, indem sie H├╝tten auf benachbarte Felder in einem hexagonalen Spielbrett setzen. Jedes Spielfeld ben├Âtigt einen eigenen Nahrungstyp, der in der vorigen Phase geerntet werden mu├čte. Jede H├╝tte, die nicht ern├Ąhrt werden kann, wird sofort wieder vom Spielbrett genommen.
    Man braucht erst gar nicht zu versuchen, f├╝r alle H├╝tten gen├╝gend Nahrung zu finden. Es ist vom Spieldesign her gar nicht gewollt. Fast wie Eintagfliegen entstehen pro Runde neue H├╝tten und vergehen die alten.
  • Je nach Lage und Struktur der ├╝brig gebliebenen H├╝tten kassiert man nun Siegpunkte oder “Kamele”, die quasi als Leitw├Ąhrung f├╝r die nachfolgenden Aktionen benutzt werden.
  • Mit Kamelw├Ąhrung baut man neue oder erweitert vorhandene “Zikkurate” in seiner Siedlung, die sp├Ąter wieder zus├Ątzliche Siegpunkt einbringen.
    und/oder
    Man kauft Nahrung, um in der n├Ąchsten Runde mehr H├╝tten behalten zu k├Ânnen.
    und/oder
    Man opfert ein bi├čchen den G├Âttern, damit die Zikkurate mit einem besseren Umrechungsfaktor in Siegpunkte umgerechnet werden.
    und/oder
    Man besticht W├╝rdentr├Ąger, die daf├╝r verschiedene Vorteile in Form von Siegpunkten, Nahrung oder Kamelen gew├Ąhren.
  • Bei den Details zu den W├╝rdentr├Ągern kam es zu Diskrepanzen. Michaels Spielerkl├Ąrer in Essen hatte behauptet, da├č eine Bestechung neutralisiert wird, nachdem der zugeh├Ârige W├╝rdentr├Ąger den Vorteil gew├Ąhrt hat. Wir suchten den entsprechenden Passus im deutschen Regelheft, fanden aber nichts. Mit gemischten Gef├╝hlen setzte sich jetzt die Meinung durch, da├č die Bestechung erhalten bleibt.
    Assyria- noch ist die Welt in Ordnung
    G├╝nther setzte zielgerichtet auf diesen kumulativen Effekt, ri├č sich die Mehrheit der W├╝rdentr├Ąger unter den Nagel, und heimste Vorteil f├╝r Vorteil daf├╝r ein. Dann entdeckte Moritz in der englischen Fassung, da├č die Bestechung in der obersten Ebene der W├╝rdentr├Ąge nach der Vorteilsnahme zur├╝ckgesetzt wird. F├╝r einen halbwegs ausbalancierten Ablauf mu├č dies auch so sein, denn ohne dieses R├╝cksetzen h├Ątte G├╝nther in den letzten zwei Epochen noch ca. 40 Siegpunkte bekommen, ohne auch nur einen einzigen Finger krumm machen zu m├╝ssen. G├╝nther wollte diese Wende in der Regelinterpretation nicht hinnehmen, schlie├člich hatte er sich ja ganz bewu├čt f├╝r diese Spielweise entschieden und daf├╝r andere M├Âglichkeiten ausgelassen. Wie sollten wir unsere graviernde Fehlinterpretation korrigieren? Abbrechen und neu anfangen? Daf├╝r war es kurz vor Mitternacht schon zu sp├Ąt. Als Kompromi├č brauchte G├╝nther nur die H├Ąlfte seiner Bestechungen zu neutralisieren, und die Z├╝ge der letzten Runde wurden komplett zur├╝ckgenommen und durften neu gesetzt werden.
    Dann fanden wir auch in der deutschen Spielregel den Passung mit dem Zur├╝cknehmen der Bestechung, und zwar nicht nur f├╝r die W├╝rdentr├Ąger der obersten Ebene, sondern f├╝r alle Ebenen. Deutliches Abweichen der deutschen und englischen Textfassungen. Eindeutig zu sehr versteckte Beschreibung eines ganz entscheidenden Regeldetails. Wir brachen ab.
    Die theoretische Diskussion, ob die verschiedenen M├Âglichkeiten, in ÔÇťAssyriaÔÇť zu Siegpunkten zu kommen, ausbalanciert sind, f├╝hrte von einem anf├Ąnglichen klaren Verneinen zu einem sp├Ąteren “Vielleicht dochÔÇť.
    WPG-Wertung: Walter vergibt 7 Punkte f├╝r ein funktionierendes Aufbauspiel. G├╝nther, Michael und Moritz sahen sich nach unserm Spiel mit den Regelunklarheiten dazu noch au├čerstande.
    4. “Flaschenteufel”
    Michael war bisher noch kein Fan dieses bei uns sehr gesch├Ątzten Absackerspiels. F├╝r brave Stichkartenspieler ist es etwas verquer, da├č in der einen Situation die h├Âchste-hohe Karte und in einer anderen Situation die h├Âchste-niedrigere Karte sticht. Doch er machte Fortschritte. Nach einigen Bauchlandungen h├Ątte er unserem Seriensieger noch fast das F├╝rchten beibringen k├Ânnen. Fast.
    Michael vergibt 6 Punkte, “mit Potential nach oben”.

    2 Reaktionen zu “9.12.2009: “Assyria” mit kleinen Fehlern”

    1. G├╝nther

      Zu Assyria:
      Eine Nachfrage beim Verlag hat ergeben, da├č nach der Vorteilsnahme die H├╝tten bei allen W├╝rdentr├Ągern abger├Ąumt werden !

    2. Walter

      Ohne viel nachzudenken: Das scheint ein ziemlich “billiges” und “nicht durchdachtes” Spiel zu sein! ;-)

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