von Walter am 30.09.2010 (1.446 mal gelesen, 3 Kommentare)

Das Leben hat nur einen wirklichen Reiz, das ist der Reiz des Spieles. Aber wenn es uns gleichg├╝ltig ist, ob wir gewinnen oder verlieren? Charles Baudelaire, Tageb├╝cher
1. “House of Spirits”
Moritz hat dieses kleine Monster-Bek├Ąmpfungs-Kartenspiel aus seinen reichhaltigen amerikanischen Quellen herausgefischt und durfte es pr├Ąsentieren.
Pro Runde wird jeweils eine neue Karte als Abenteuerspielplatz aufgedeckt, und wir w├╝rfeln reihum, ob und wieviele Monster unterschiedlicher Angriffs- und Verteidigungskraft hier erscheinen. Gemeinsam m├╝ssen wir sie nach einem eleganten Kampfw├╝rfelmechanismus bekriegen, und wenn wir alle ihre Lebenslichter ausgepustet haben, streicht der letzte Puster die Siegpunkte ein. Insofern ist das Spiel kooperativ und kompetitiv.
Solange die Monster aber noch Lebenslichter haben, pusten sie zur├╝ck und blasen ÔÇô nach einem analogen Kampfw├╝rfelmechanismus – dem jeweiligen Angreifer ein Lebenlicht aus. Keine Angst, wenn wir tot sind, werden wir unverz├╝glich wieder lebendig und m├╝ssen nur einen kleinen Wiederbelebungsobolus entrichten.
Einen ganzen Schwung von Sonderkarten gibt es auch, die unsere Kampfkraft in Angriff und Verteidigung erh├Âhen. Anstatt Monster zu bepusten, k├Ânnen wir uns auch erst mit gen├╝gend Wunderwaffen ausstatten.
Noch w├Ąhrend Moritzens Einf├╝hrung dr├╝ckte Walter sein Gef├╝hl aus, so ein ├Ąhnliches Spiel schon einmal gespielt zu haben. Hans best├Ątigte: ÔÇ×Das ist ungef├Ąhr das hundertste Spiel dieses GenreÔÇť. (Von dem kleinen Ausschnitt an Spielen der Welt, die er selber kennt!)
Moritz fand schnell heraus, da├č das Spiel ÔÇ×eigentlich funktioniertÔÇť. Auch Aaron attestierte dem Spiel einen gewissen Familienspielwert. Nur Walter beklagte sich ├╝ber den Freiheitsgrad 0 (in Worten: Null). Als Gegenargument wurde ihm dazu das ÔÇ×Chairman of the BoardÔÇť vorgehalten. Es scheint offensichtlich auch einen Freiheitsgrad von unter Null zu geben.
Halt, halt: Nat├╝rlich hat das ÔÇ×House of SpiritsÔÇť f├╝r einen INTELLIGENTEN Spieler einen Freiheitsgrad im positiven Bereich. Er kann sich ├╝berlegen (zumindest manchmal), ob er sich eine Sonderkarte zulegt oder lieber ein Monster anpustet. Er wird ein Monster nur dann anpusten, wenn es nur noch genau ein Lebenslichtlein brennen hat und wird nicht das vorletzte Lichtlein f├╝r den endg├╝ltigen Exodus durch und f├╝r den kompetitiven Siegpunktzuwachs seines Nachfolge-Spielers ausblasen. (Au├čer wenn er dies den Regeln nach mu├č; so gro├č ist der Freiheitsgrad auch wieder nicht!) Wenn er in der n├Ąchsten Runde aber Startspieler wird, dann sollte er als Letzter einer Runde auch das vorletzte Lichtlein angehen. Dann kann man ÔÇô mit eleganten W├╝rfelw├╝rfen plus Sonderkarten ÔÇô zwei Lichtlein in zwei Streichen erledigen. Solche Siegpunktzuwachschancen hat ein intelligenter Spieler nat├╝rlich alle in seinem Plan.
Wir spielten munter mit unterschiedlichen Motivationen anderthalb Stunden die Monsterkarten und Plot-Karten runter. Den fehlenden Startspielermarker ersetzten wir durch den Deckel einer Mineralwasserflasche, die fehlenden Z├Ąhlmarker f├╝r eigenes und monsterhaftes Leben und Tod markierten wir durch M├╝hle-Dame-Steine und Siegpunkte zahlten wir in Industrie-Dollars aus. Schlie├člich ist ÔÇ×House of SpiritsÔÇť nur ein Kartenspiel.
Irgendwann im fortgeschrittenen Mittelspiel entfuhr Aaron der Seufzer ÔÇ×Das ist Schwachsinn!ÔÇť. Er wurde aber nicht hinterfragt, gegen welchen Regelmechanismus dieses Seufzer gerichtet war.
Moritz gewann durch zwei Plot-Karten, die ihm 6 Siegpunkte zuschusterten. Daneben war er nat├╝rlich auch beim Monsterausblasen erfolgreich gewesen. Hinterher mu├čte er sich f├╝r diesen heutigen Spielvorschlag verteidigen. Aber ganz friedlich. ÔÇ×Wir sind Dir jetzt nicht b├Âse!ÔÇť. Schlie├člich hatten wir ja alle unsere Motivation.
WPG-Wertung: Aaron: 4 (ÔÇ×Das Spiel hat ├╝berhaupt keinen Pfiff!ÔÇť), Hans: 3 (ÔÇ×Stupides Abarbeiten von Karten. Es fehlt ein Lustigkeitsfaktor.ÔÇť) Moritz: 5 (ÔÇ×Das Spiel ist relativ OK. Der Lustigkeitsfaktor war gerade das einzige, was mir an dem Spiel gefallen hat.ÔÇť Beim Nachhaken gab er zu, da├č f├╝r ihn der Wiederspielwert eines Spieles erst ab 6 Punkten beginnt, seine 5 Punkte also einen deutlichen D├Ąmpfer enthielten!), Walter: 2 (Harte WPG-Note . F├╝r chaotische kooperative&kompetitive Familienrunden k├Ânnte man eine 4 geben. Aber nicht in unserer Rangliste.)
2. “Age of Industries”
Die Einsch├Ątzung vom Autor Martin Wallace als ÔÇ×Brass lightÔÇť wird von Kommentatoren im Internet nicht best├Ątigt. Auch die Spielzeit ist nicht wesentlich k├╝rzer. Aber das Spiel funktioniert.
Wir bauen Eisenbahnlinien, Industrien, Hafenanlagen und verdienen Geld und Siegpunkte durch eine florierende Infrastruktur. Kartenmanagement, Finanzpolitik, Industrieentwicklung, Transportmanagement, Manipulationen um die Zugreihenfolge und Resourcenmanagement geben jedem Mitspieler gen├╝gend Stoff, ÔÇ×to have a planÔÇť. Alles funktioniert, alles ist ausbalanciert, alles ist konstruktiv. Bis zur umfangsreichen Schlu├čwertung kann jeder Spieler hoffen, mit seiner Strategie den Sieg davon zu tragen.
Auch wenn man dem vermeintlich F├╝hrenden nicht direkt an den Wagen fahren kann (keine direkten Kingmaker-M├Âglichkeiten) gibt es im Belegen von Feldern, beim Erzeugen und Verbrauchen von Rohstoffen, beim Ausbau des kompetitiven Schienennetzes und auf der Startspielerleiste reichlich Interaktion.
Moritz trug (schon wieder) den Sieg davon. Er hatte sich darauf spezialisiert, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Rohstoffe zu liefen. Walter kam mit seiner Netzausbau-Strategie auf den zweiten Platz. Hans hatte sich durch leichtfertigen Umgang mit Krediten den zweiten Platz verscherzt, und Aaron zog konsequent die schlechtesten Entwicklungskarten.

WPG-Wertung: Hans hat vergessen sich zu einer Erstnote ├Ąu├čern, aber 7 Punkte werden es mit Sicherheit sein. Walter hob seine bisherigen 7 Punkte auf 8 Punkte. Moritz liegt mit seinen 4 Punkte ganz abgeschlagen zur├╝ck. Irgendwie ist es dem Rest der WPG nur schwer zu vermitteln, wie dieses Spiel mit ÔÇ×ein abstraktes RumgewixeÔÇť (siehe Session-Report vom 14. Juli dieses Jahres) abgekanzelt werden kann.
3. “Bluff”
Im Endspiel mu├čte Moritz als David mit einem W├╝rfel gegen vier W├╝rfel vom Goliath Aaron antreten. Durch zielgenaue Vorgaben konnte er noch auf 2:1 verk├╝rzen, aber bevor er den heutigen Hat-Trick vollenden konnte, pustete ihm Aaron mit einem Pasch das letzte W├╝rfellicht aus.
Keine neue WPG-Wertung f├╝r ein Super-Spiel.

3 Reaktionen zu “29.09.2010: Abenteurer und Planer”

  1. G├╝nther

    Age of Industries:
    Das braucht die Welt nicht … Dann doch lieber gleich das bessere Spiel BRASS !

  2. Walter

    Du t├Ąuscht Dich, mein Sohn!
    In “Age of Industries” funktioniert alles. Und dass es einen ├Ąlteren, schwergewichtigeren Bruder hat, spricht doch nicht gegen dieses Familienmitglied! Oder ist f├╝r Dich das Gewicht so wichtig?

  3. G├╝nther

    wenn es ein Leichtgewicht w├Ąre, dann OK.
    Aber es ist nicht wirklich ein Leichtgewicht … Zumindestens in meiner Partie kam es mir nicht so vor.
    Aus meiner Sicht ist es jetzt alles andere als ein Familienspiel!?

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