von Walter am 16.02.2012 (1.960 mal gelesen, 1 Kommentar)

ÔÇ×Bei Sex bin ich immer dabei!ÔÇť Mit ausdr├╝cklicher Genehmigung seiner lieben Frau durfte Horst diese erwartungvolle Botschaft an die Teilnehmer-Registration am Westpark schicken. Doch im letzten Moment sagte Andrea noch ab; da waren es nur noch f├╝nf.

1. “On the cards”
Ein Stichkartenspiel mit den normalen Romm├ę-Canasta-Bridge-Karten. F├╝r die vielen m├Âglichen Mechanismen zum Teilen, Karten-Auspielen, Stich-Definition, Stich-Gewinnen und Spiel-Ziel haben die Autoren die Stichspiele der Welt durchforstet und eine ganze Latte verschiedener Regeln zusammengestellt, die wir in st├Ąndig wechselnder Kombination durchspielen. Z.B.:

  • Beim Austeilen erh├Ąlt jeder Spieler mal 5, 7, 8, 10 oder gar 13 Karten, die ├╝brigen Karten werden gelegentlich nachgezogen oder kommen aus dem Spiel
  • Beim Ausspielen legen wir mal eine einzelne beliebige Karte, mal Poker-Kombinationen auf den Tisch, mal m├╝ssen wir maumau-artig der Farbe oder dem Kartentyp des Vorg├Ąngers folgen, mal mu├č unsere Karte h├Âher sein, mal sind die Zweien Joker und d├╝rfen anstelle jeder anderen Karte eingesetzt werden
  • Ein Stich ist fertig, wenn entweder alle Spieler reihum gepa├čt haben, wenn drei Karten einer Farbe auf dem Tisch liegen, wenn man wieder an der Reihe ist und selber bereits die h├Âchstwertige Karte auf den Tisch gelegt hat, un wat et nich al jibt
  • Man gewinnt oder verliert Punkte f├╝r gemachte Stiche, f├╝r die Anzahl Karten in den gemachten Stichen, f├╝r den letzten bzw. vorletzten Stich, f├╝r die Restkarten in der Hand, un wat et nich al jibt
  • un wat et nich al jibt

Wenn eine Kartenhand abgespielt ist, bekommt der Gewinner einen Siegpunkt, anschlie├čend wird eine der Verteil-Ausspiel-Stich-Gewinn-Regeln ver├Ąndert. Moritz hielt diese Methode f├╝r einen ÔÇ×Spiel-des-Jahres-GeneratorÔÇť.
Bei jeder Regel├Ąnderung diskutierten wir mindestens f├╝nf Minuten lang ├╝ber die Konsequenzen und Randbedingungen, z.B. ob man mit einem Joker zwei Pik-Asse ausspielen darf, wer den Stich bekommt, wenn mittels Joker zweimal die gleiche h├Âchste Karten auf dem Tisch liegt, ob man freiwillig passen darf oder nur wenn man den Ausspielregeln nicht folgen kann, wie es mit Spieler und Stich weitergeht, wenn einer seine letzte Karte gespielt hat, und dergleichen mehr. Eine Minute sp├Ąter war die Hand abgespielt und die n├Ąchste Regel├Ąnderung stand an.

Moritz sah eine M├Âglichkeit f├╝r Kartenpflege, aber er verriet sie nicht. Zumindest nicht ├╝berzeugend. In einem Chaos von f├╝nf Mitspielern mit ungez├Ąhlten M├Âglichkeiten 1, 2 oder 3 Karten hinzulegen ohne die begonnene Kartenfarbe bedienen zu m├╝ssen, wo man sogar kartenpflegerisch passen und ├╝berhaupt keine Karte zugeben kann, ist es gewi├č nicht der M├╝he wert, sich alle gespielten Karten zu merken, um auf den noch ├╝brig gebliebenen Restkarten eine Gewinnstrategie aufzubauen. Kaum freut man sich ├╝ber die nahezu unschlagbare Poker-Kombination von drei Assen in der eigenen Hand, wird man von den billigen Joker-Karten des Nachbarn ├╝berstochen.

WPG-Wertung: Aaron: 4 (interessant, macht aber nicht genug Spa├č), G├╝nther: 5 (ein Drittel der Regelauswahl k├Ânnte f├╝r ein m├Âgliches Spiel dienen, ein Zehntel davon w├╝rde vielleicht sogar ein gutes Spiel ergeben), Horst: 5 (hat sich durch geschleppt), Moritz: 7 (lustig), Walter: 3 (kein Spielspa├č, kein ÔÇ×to have a planÔÇť).

Solange die SdJ-Jury den begehten Spielepreis nicht ausw├╝rfelt, sollte man doch besser aus den existierenden Regeln f├╝r Stichkartenspiele eine feste-beste Kombination analysieren und damit auf den Markt kommen. Minderwertige Kombinationen verw├Ąssern die Suppe und reine Regel-Gags punkten auch nur f├╝r ein paar Sekunden. Wenn ├╝berhaupt.

2. “X Pasch”
Horst hatte das 16 Jahre alte Spiel aus seiner Sammlung mitgebracht, weil es das erste Spiel auf unserer Internet-Seite sein wird, das mit dem Buchstaben X beginnt. In einem Karten-W├╝rfel-Kombinationsspiel ziehen wir Firmenkarten vom verdeckten Stapel in unsere Kartenhand und w├╝rfeln mit jeweils 3 W├╝rfeln um die Genehmigung, eine Karte davon auszulegen oder uns an den bereits ausgelegten Firmen der Mitspieler zu beteiligen. F├╝r manche Firmenkarten mu├č man Paschs oder W├╝rfelsummen von 16 und mehr Augen w├╝rfeln, daf├╝r zahlen diese Firmen sp├Ąter auch gleich 8 bis 9 Euros als Rendite. Billigheimer hingegen werden schon f├╝r die Augenzahl 3 angeboten, bringen aber nur einen griechischen Euro als Rendite ein.

F├╝r Besitz oder Beteiligung an einer Firma legen wir eine definierte Anzahl von Vorstandsmitgliedern (Holzk├Âpfe) auf die entsprechende Karte. Zum besseren Z├Ąhlen d├╝rfen 5 Holzk├Âpfe durch eine Holzlatte oder ÔÇ×StangeÔÇť ersetzt werden. Diese Wortassoziation lieferte heute den meisten Spa├č. Spieler mit der l├Ąngsten Stange konnten reihenweise die Firmen ├╝bernehmen und Horst fand es geil, an einer einzigen Position zwei Stangen zu haben.
Wenn ein Spieler an der Reihe ist, wird ermittelt, an wievielen Firmen er die relative Mehrheit besitzt. Von all diesen Firmen bekommt er die Euro-Rendite als Siegpunkte gutgeschrieben. Danach w├╝rfelt er und modelt die Besitzverh├Ąltnisse entsprechend um. Man muss also mindestens eine ganze Runde lang Mehrheitsaktion├Ąr sein und kein Mitspieler darf einem hier verdr├Ąngt haben, bevor man die Rendite bekommt.

Aarons Image entsprechend hatte er nur die schlechtesten Firmenkarten gezogen und die ungl├╝cklichsten W├╝rfelw├╝rfe hingelegt. Um ihm Balsam auf die frustrierte Zunge zu streichen, verriet ihm Horst selbstlos sogar W├╝rfelkombinationen, die ihn in seinen eigenen Firmen entmachteten. Wenn 20 oder 30 Firmenkarten auf dem Tisch liegen, ist es auch nicht mehr so durchsichtig, wie man die Augenzahlen kombinieren mu├č, um dem sch├Ąrfsten Konkurrenten die m├Âglichst besten Firmen zu nehmen und/oder sich die m├Âglichst besten Firmen unter den Nagel zu rei├čen oder zu sichern. Selbst eine halbwegs befriedigende L├Âsung kostet dabei schon eine Menge Denk- und Kombinierzeit. Leider.

Hier besitzt das Spiel auch erhebliche Kingmaker-Effekte, vor allem in den Schlu├črunden, wenn man nicht mehr selber gewinnen kann. Welchem Konkurrenten man dann in welchen Firmen die Mehrheiten wegnimmt, ist meist nicht mehr rational begr├╝ndbar. F├╝r Aaron war die letzte Runde nur noch eine ÔÇ×St├ĄnkerrundeÔÇť.

WPG-Wertung: Aaron: 4 (zu gro├če Downtime), G├╝nther: 6 (sch├Âne Grundidee, der Feinschliff fehlt), Horst: 6 (war heute auf W├╝rfelspiel eingestellt), Moritz: 4 (sollte in einer 3er Runde besser zu spielen sein; man kann sich nicht wehren), Walter: 5 (lustiges W├╝rfelspiel, will auch nicht mehr sein).

3. “Tuareg”
Ein Karten-Sammel-Spiel mit einer mehrstufigen Sammeltechnik.

  • Wir nehmen jeweils drei Karten vom verdeckten Nachziehstapel auf die Hand.
  • Wir legen eine Karte aus der Hand auf den ├Âffentlichen Nachziehstapel.
  • Wir legen Karten aus den Hand oder vom ├Âffentlichen Nachziehstapel in zwei private Ablagestapel.
  • Wir kaufen mit Karten aus unserer Kartenhand bzw. mit Karten aus unseren privaten Ablagestapeln die Erlaubnis, weitere Ablagestapel anzulegen oder Karten aus den Ablagestapeln der Mitspieler zu klauen.

Das Ganze ist eingekleidet in eine Nomadengeschichte aus Timbuktu: Die Karten hei├čen Warenkarten f├╝r Gold, Salz, Knoblauch und Wasser, die Ablagestapel hei├čen Kamele, der ├Âffentliche Nachziehstapel hei├čt Markt und die Karten f├╝r Sondererlaubnisse hei├čen Esel, H├Âhle oder Dieb.

Wenn der verdeckte Nachziehstapel aufgebraucht ist, erfolgt die erste Wertung: Wer die meisten Karten einer Warensorte gestapelt hat, bekommt je nach Ware 3, 4, 5 oder 6 Punkte, die anderen gehen leer aus. Dann werden alle abgelegten Karten neu gemischt und ein zweites Mal durchgearbeitet. Wer dann die meisten Punkte hat, ist Sieger.

Walter schaffte die reife Leistung, auch nach der zweiten Wertung immer noch keinen einzigen Siegpunkt auf seinem Konto zu haben. Vielleicht eine Spiel-Premiere am Westpark. Aber mit Sicherheit ein Zeichen f├╝r mangelndes Spieldesign. Wenn 44 Warenkarten in 3er Packungen von 5 Spielern weggenommen werden, dann ist nach nicht einmal 3maliger Entnahme pro Spieler das Spiel zu Ende. Auch wenn man noch weitere 3 Spielz├╝ge f├╝r Kartenablage oder Kauf investieren kann, ist das doch noch viel zu wenig f├╝r einen Spielaufbau. Das funktioniert h├Âchstenfalls f├╝r deutlich weniger Spieler. Dann h├Ątte man das Spiel aber nicht f├╝r 5 Mitspieler freigeben d├╝rfen.

Da – neben marginalen Chancen f├╝r Sonderpunkte ÔÇô im ganzen Spiel nur 2 mal f├╝r 4 Kriterien Siegpunkte vergeben werden, klopft ├╝berall nur Hunger und Elend ans Fenster.

WPG-Wertung: Aaron: 3 (vermutet, dass das Spiel mit weniger Mitspielern funktioniert), G├╝nther: 3 (3 reale Punkte f├╝r eine 5er Runde, 5 virtuelle Punkte f├╝r eine 3er Runde), Horst: 4 (netter Mechanismus), Moritz: 1 (f├╝r die 5er Runde), Walter: 1 (f├╝r die 5er Runde).

4. “Bluff”
Bei noch 14 ausstehenden W├╝rfeln fing G├╝nther mit 5 mal die F├╝nf an. Moritz zweifelte an und deckte seinen Becher auf: 3 mal keine F├╝nf. Aaron deckte auf: 4 mal keine F├╝nf, Walter deckte auf: 2 keine F├╝nf. Drei mal gro├čes Gel├Ąchter. G├╝nther deckte auf: 4 mal die F├╝nf und einmal der Stern. Drei mal gro├čes Entsetzen!

Horst und Moritz waren mit der vorletzten U-Bahn abged├╝st, und Walter war Zuschauer im langwierigen 5:5 Endkampf zwischen Aaron und G├╝nther. Spannend ist das Zuschauen allemal, befriedigend f├╝r ihn war noch dazu, dass beide Kontrahenten konsequent seine Immer-4-Strategie verfolgten. Kann es sein, dass trotz mathematisch-statistischer Gegenhypothese die 1-mal-die-Vier-Vorgabe einfach den gr├Â├čeren psychologischen Reiz aus├╝bt?
Keine neue WPG-Wertung f├╝r ein Super-Spiel.


Eine Reaktion zu “15.02.2012: Karten, K├Âpfe und Kamele”

  1. Aaron

    Da lagen also drei Spiele auf dem Tisch, die sich zwar als 5-Spieler-Spiele ausgeben, aber zu f├╝nft einfach nicht spielbar sind. Entsprechend schlecht fielen dann auch die Wertungen aus.

    W├Ąhrend bei ÔÇ×On The CardsÔÇť zu f├╝nft die Schw├Ąche haupts├Ąchlich in der M├Âglichkeit liegt, untaugliche Regelkombinationen f├╝r eine F├╝nferrunde zustande zu bringen (mal davon abgesehen, dass das dauernde Regelwechseln an sich schon nervig sein kann, da manche nicht unbedingt eing├Ąngig sind), f├╝hlt man sich bei ÔÇ×X-PaschÔÇť zu f├╝nft nur noch gespielt. Ein eigener W├╝rfelwurf steht vier gegnerischen gegen├╝ber und wenn man endlich wieder an der Reihe ist, hat sich die Spielsituation oft grundlegend ge├Ąndert. Gut, das ist bei einigen anderen W├╝rfelspielen zu f├╝nft nicht anders, aber daf├╝r geht es dort locker und schnell zur Sache. Bei ÔÇ×X-PaschÔÇť gr├╝belt jeder nach seinem Wurf vor sich hin und versucht die optimale Zuordnung der W├╝rfelaugen hinzugekommen. Da dauert es dann gerne schon mal 5 Minuten, bis man wieder dran ist. ├ätzend zu f├╝nft und (vermutlich) taktisch herausfordernd zu dritt.

    ÔÇ×TuaregÔÇť zu f├╝nft funktioniert dagegen nicht einmal. Keine Ahnung, warum Adlung meint, die Spielerzahl so hoch anzusetzen. Zu dritt oder viert kann ich mir vorstellen, dass so etwas wie eine Taktik m├Âglich ist und K├Ąufe von Dieb oder H├Âhle sogar einen strategischen Sinn machen. Vielleicht h├Ątte ich einfach nur Landkarten kaufen sollen. Drei bis vier w├Ąren wohl drin gewesen bei unserem Spiel (oder gibt es so viele gar nicht?) und damit h├Ątte ich wohl den ersten oder zweiten Platz gemacht.