Kleopatra

Kleopatra

von Walter Sorger

Das Spielmaterial ist entzückend schön. Fast wie aus Elfenbein muten die zierlich geformten
beigen Sphinxe, Obeliske, Tempelsäulen und der Thron an, mit denen die Spieler den heiligen Bezirk
im Tal der Könige in Luxor ausschmücken sollen. Der Titel “Tal der Könige” ist leider
schon seit 1991 für ein Spiel von “Kosmos” vergeben; zu dem jetzt mit
“Kleopatra” vorgestellten Spiel von “Days of Wonder” hätte er ausgezeichnet
gepasst. Doch sicherlich besitzt auch eine “Kleopatra” genügend Attraktivität und lässt
die Käuferherzen höher schlagen.

Die “Baumeister” deuten allerdings an, dass vor der nackten Lust erst einmal harte
Arbeit angesagt ist. Die Spieler müssen sich in den Steinbruch begeben, um dort im Schweiße ihres
Angesichtes die Bauelemente aus dem harten Gestein hacken. Die Spielanleitung nennt diese
Schwerstarbeit leichthin “besorgen”; Waren die alten Ägypter etwa bereits so kleptoman
veranlagt wie heutzutage manches Klischee-Volk und haben die Sphinxe einfach mitgehen lassen? Na
ja, immerhin sind die fraglichen Teile bereits fertig ausgestanzt und liegen in einem wunderschönen
Plastik-Steinbruch zum Abholen bereit.

Ehe man im Steinbruch seine “Besorgungen” machen kann, muss man den “Markt
besuchen”. Hier erwirbt man alle Zutaten, die für die Bauelemente benötigt werden, also
Steinblöcke, Marmorplatten, Bauhölzer und ähnliches. Ich habe früher im Geschichtsunterricht nie
gelernt, dass die alten Ägypter sich erst mal auf dem freien Markt mit Steinblöcken eindeckten und
diese dann in den Steinbruch trugen, um sich dort Sphinxe meißeln zu lassen. Doch bei
“Kleopatra” funktioniert diese Vorgehensweise ganz ausgezeichnet.

board

Die Art und Weise, wie die Zutaten (= Karten) auf dem Markt verteilt werden, enthält einen ganz
neuartigen Verteilungsmechanismus: Die Zutaten-Karten werden zu Spielbeginn zur Hälfte offen und
zur Hälfte verdeckt in einem Stapel vermischt und peut a peut in drei getrennten Paketen auf den
Tisch ausgelegt, offen oder verdeckt, wie es das Schicksal entschieden hat. Ein Spieler, der den
“Markt besucht”, nimmt eines der drei Pakete als Zutaten-Vorrat vollständig auf die Hand,
und legt anschließend auf jedes der Pakete auf dem Tisch eine neue Karte vom Stapel. [Bemerkung nur
für Mathematiker: Auch ein leeres Paket ist ein Paket!] Die Pakete auf dem Tisch weisen demnach
alle eine unterschiedliche Anzahl von Zutaten-Karten auf und jeder Spieler kann / muss sich
entscheiden, ob er wenige Karten mit bekannten aber guten Eigenschaften aufnimmt oder viele Karten
von teilweise fragwürdiger Qualität.

Im Standardfall stehen die Karten für eine Einheit eines bestimmen Baustoffes. Es gibt
allerdings auch Sonderkarten, die gleich die doppelte Einheit eines Baustoffes beinhalten oder in
denen die Art des Baustoffes frei gewählt werden kann. Diese Vorteile werden aber sofort wieder mit
Nachteilen neutralisiert: Beim Spielen von solchen Sonderkarte bekommt der Spieler Minuspunkte
(“Korruptionsamulette” genannt), die wie ein Damoklesschwert über seiner Seele lasten.
Bei der Schlussabrechung werden die Minuspunkte aller Spieler miteinander verglichen, und wer die
meisten hat, ist Letzter und scheidet aus.

card

Die Minuspunkte aller anderen Spieler lösen sich in Luft auf und haben keinerlei Einfluss mehr
auf die Siegerermittlung. Deswegen darf man vor den Minuspunkten nicht grundsätzlich Angst haben.
Zu einem erfolgreichen Spiel gehört es sogar unbedingt dazu, die Sonderkarten mit ihren Vorteilen
maximal zu nutzen. Ohne ihre Vergünstigungen kann man das Spiel nicht gewinnen. Nur muss man sein
Schuldenkonto immer im Auge haben und konsequent alle Gelegenheiten nutzen, die das Spiel bietet,
die Minuspunkte wieder zu verringern.

Eine Möglichkeit dazu ist das Tempelopfer, hier darf man sich nicht lumpen lassen: “Sobald
das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel springt!” Eine weitere
Möglichkeit zum Abbau der Minuspunkte ist das Anlegen von Götter-Gärten, womit ein erheblicher
Sündenablass gewährt werden sein kann. Viel sündigen, viel bauen, viel gewinnen und viel in die
Sündenvergebung investieren, das ist für “Kleopatra” eine erfolgreiche Maxime. Das
richtige Spiel mit den Minuspunkten ist überhaupt das wichtigste strategische Element. Wenn am Ende
des Spieles nur ein einziger Mitspieler mehr Minuspunkte aufweist, hat man die Dreipunktlandung
hingekriegt, frei nach einer Redewendung aus meiner Kindheit: “Evangelisch gelebt und
katholisch gestorben, ist dem Teufel die Rechnung verdorben.”

“Kleopatra” ist ein sehr gut ausbalanciertes konstruktives Sammel- und Aufbauspiel.
Viele hübsche pfiffige Ideen sind hier eingeflossen. Viele Freiheiten und unterschiedliche Wege
führen zum Erfolg. Alles zusammen ist in ein gelungenes Gesamtkonzept gegossen. Somit reiht sich
“Kleopatra” verdientermaßen in die 2006er Generation der großen Aufbauspiele ein. Und
sein bestechendes Spielmaterial hebt es noch ein bisschen darüber hinaus.