von Walter am 3.07.2008 (1.002 mal gelesen, keine Kommentare)

Die Schlacht um das “Spiel des Jahres 2008” ist geschlagen. Traditionell sind manche (hallo Wilhelm, nicht alle!) Vielspielerkreise ├╝ber das Ergebnis aufgebracht. Wir wollen uns diesmal mit Schelte zur├╝ckhalten.
“Keltis” hat gewonnen. Am Westpark hat es noch nicht aufgelegen. Moritz hatte ihm in seinem j├╝ngsten Podcast die gr├Â├čten Chancen einger├Ąumt. Ein einfaches Familienspiel, “Stone Age” war dagegen viel zu ├╝berqualifiziert.
Laut Aaron mu├č man es mit hohem Risiko spielen, sonst ist es sinnlos. G├╝nther kannte es als aufgepepptes “Lost City” schon von den M├╝nchener Spuiratzn her und hat es sich angeschafft. Demn├Ąchst wird es wohl auch bei uns einmal gespielt werden.
In vier Tagen wird auch Moritz’ erste geistliche Komposition zum ersten Mal gespielt. Moritz kann n├Ąmlich nicht nur Fu├čball-Oratorien und Fu├čballetts schreiben, sondern auch eine richtige Messe f├╝r Vokalsextett, Chor und Orchester. Zum Weihefest der M├╝nchener Michaelskirche wird sein Werk uraufgef├╝hrt. In der Fu├čg├Ąngerzone stehen schon dicke Plakate, die seine “Eggert-Messe” ank├╝ndigen: f├╝r den 6. Juli um 9 Uhr. Eintritt frei.
1. “Wie verhext!”
Vor zwei Monaten zum ersten Mal am Westpark gespielt, konnte es damals nur eine verhaltene Begeisterung ausl├Âsen. Inzwischen hat Aaron offensichtlich neue Eingebungen erhalten, mit deutlicher Euphorie schlug er es heute als Ouvert├╝re vor. G├╝nther und Walter waren sofort bereit, dem Spiel eine neue Chance zu geben, schlie├člich hat es sich bis in die Endausscheidung zum “Spiel des Jahres” durchschlagen k├Ânnen. Peter und Loredana waren eher skeptisch, doch was k├Ânnen schon Elite-Denker gegen die unbegr├╝ndeten Euphorien der Masse ausrichten.
Alle Spieler bekommen die gleichen 12 Karten und m├╝ssen f├╝r eine Spielrunde 5 Karten daraus ausw├Ąhlen. Der Startspieler spielt davon jeweils eine beliebige Karte aus. Alle nachfolgenden Spieler m├╝ssen die gleiche Karte zugeben, falls sie sie auch in ihrem 5er Sto├č ausgew├Ąhlt haben. Wer keine gleiche Karte ausgew├Ąhlt hat, pa├čt und gibt ├╝berhaupt keine Karte zu.
Die letzte ausgespielte Karte gewinnt den “Stich”, alle anderen sind nutzlos vertan. Warmduscher, die gegen die gleiche Karte der Vorderm├Ąnner gewonnen haben, d├╝rfen allerdings auf den Sieg verzichten – aus Angst, da├č ein weiterer Hintermann ihn noch wegschnappen k├Ânnte – und sich mit einem Teilsieg begn├╝gen.
Wer den “Stich” gewonnen, darf entsprechend der ausgespielten Karte:
a) Zutaten sammeln
b) Gold einhandeln
c) den Mitspielern Karten oder Geld wegnehmen
d) mit Zutaten Zaubertr├Ąnke herstellen
e) mit Zutaten Zauberspr├╝che erf├╝llen
Ist “Wie verhext!” jetzt ein Stich-Kartenspiel? Irgendwie schon, denn jeweils eine der ausgespielten Karten gewinnt. Allerdings sind die Freiheitsgrade beim Spielen ├Ąu├čerst gering. Die Freiheiten beim Ausw├Ąhlen der 5 Karten aus der Kartenhand von 12 Karten kann man sich lediglich einbilden, herrscht hier doch nur ein mehr oder weniger blinder Hols-der-Geier-Zufall. Der Freiheitsgrad des Startspielers beim Ausspielen der ersten Karte besteht im Wesentlichen ebenfalls nur aus Illusion. Man kann h├Âchstenfalls versuchen, als Startspieler die am wenigsten brauchbare Karte loszuwerden, weil man damit ohnehin nur selten einen Blumenpott gewinnen wird. Das Zugeben zur ausgespielten Startspielerkarte enth├Ąlt dann absolut keinen Freiheitsgrad mehr: entweder hat man die gleiche Karte in der Hand und mu├č sie zugeben, oder man hat sie nicht auf der Hand und mu├č passen.
Beim Zugeben kann man noch zwischen Warmduscher-Alternative oder Alles-oder-nichts-Haltung w├Ąhlen. Reicht das schon f├╝r ein gelungenes Familienspiel? Ach, lassen wir die traditionelle Schelte an den SdJ-Entscheidungen sein. Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Walter versuchte eine “gemischte” Strategie. Er w├Ąhlte 1 bis 2 Karten aus, die er f├╝r sinnvoll hielt, die anderen 3-4 Karten zog er blind aus seiner gemischten Kartenhand dazu. Erfolgreich war das nicht, ganz im Gegenteil. Allerdings hatte er beim seinem Loser-Vorgehen auch mehrmals die Warmduscher-Variante ├╝bersehen, die bei seinen gestapelten Gold- und Zutaten-Vorr├Ąten durchaus angemessen gewesen w├Ąre. Peter kommentierte: “Das ist die einzige strategische Entscheidung im Spiel, und die vermasselt er auch noch!” Aaron f├╝gte prophylaktisch hinzu: “Das kreidest Du bitte dem Spiel nicht an!” Er h├Ąlt “Wie verhext!” also immer noch f├╝r SdJ-auswahlw├╝rdig.
Bei uns dauerte das Spiel weit ├╝ber eine Stunde. Lag es vielleicht an Walter Mischen? Oder an G├╝nthers konsequentem Denken. Selbst mit nur zwei Karten in der Hand gr├╝belte er als Startspieler stundenlang, welche er jetzt davon zum besten geben sollte. Als wir die lange Spielzeit seinem ma├člosen ├ťberlegen zum Vorwurf machten, meinte er nur lakonisch: “Wir ├╝berlegen ja bei jedem Spiel”. Darf man hier fragen: “Wer”?
WPG-Wertung: Aaron: 5 (bleibt), G├╝nther: 4 (bleibt), Loredana: 7 (h├Ârt, h├Ârt), Peter: 6, Walter: 5 (one down)
Diese zweite Erw├Ąhnung in einem Sessionreport der Westparker wird wohl unsere h├Âchste Auszeichnung f├╝r “Wie verhext!” bleiben.
2. “Manila”
Eines der vielen Kandidaten, die Aaron mit seinem neu-implementierten Spiele-Finder f├╝r heute Abend herausgesucht hatte.
Die Spieler ersteigern den Hafenmeister und die besten Arbeitspl├Ątze rund um die kaufm├Ąnnische Seefahrt. Wer erfolgreich Waren transportiert, bekommt seinen Anteil am Warenerl├Âs. Wer im Hafen die L├Âscharbeiten ├╝bernimmt, bekommt einen angemessenen Lohn. Wer liegengebliebene Schiffe in der Werft repariert, wird dort bezahlt. Weiterhin kann man sich als Versicherungsagent oder als Pirat beteiligen. Alles kann Gewinn einbringen, und wie im richtigen Leben gilt hier: je solider die Arbeit, desto geringer der Lohn.
Bei uns kostete der Hafenmeister wie immer zwischen 25 und 35 Gulden. Ist er das wert? Sicherlich ist der Hafenmeister umso wertvoller, je h├Ąufiger man ihn ersteigert. Am besten ist es, wenn man ihn JEDES MAL ersteigert und somit als einziger Warenkarten erwirbt und zum H├Âchstpreis bringt. Kann man aber JEDES MAL den Hafenmeister ersteigern?
Meine Behauptung, da├č das ginge, steht auf wackligen F├╝├čen. Als Hafenmeister hat man zwar bei allen Postenbesetzungen die erste Wahl und sollte dementsprechend den gr├Â├čten Gewinn machen. Weiterhin kann man auch als einziger f├╝r 5 Gulden eine Warenkarte kaufen und daf├╝r einen 12-Gulden-Kredit aufnehmen, man gewinnt also um 7 Gulden mehr Liquidit├Ąt als seine Mitspieler. Doch wenn der Hafenmeister mehr kostet als der Liquidit├Ątsgewinn plus den Vorteil, den man vielleicht ├╝ber die Priorit├Ąt beim Postenschacher bekommt, dann hat man hinterher weniger Barmittel als die Konkurrenz. Wehret den Anf├Ąngen, hei├čt es also auch hier!
Ein wundersch├Ânes Spiel mit viel Interaktion und vielen h├╝bschen Spielideen. Keinesfalls zu kompliziert und ein Quell der Freude f├╝r jede normale Spielerfamilie. Es h├Ątte in seinem Erscheinungsjahr die Auszeichnung zum Spiel des Jahres gewi├č verdient gehabt. Doch es hat es nicht einmal bis in die Auswahlliste gebracht. Immerhin wurde es von der Menge der Spielbegeisterten im Jahr 2005 mit dem 3. Platz beim Deutschen Spielepreis geehrt.
“Das ist ein German Game, bei dem ich stolz bin, ein Deutscher zu sein!” sagte heute einer unserer Westparker. Allerdings ist er patriotisch so zart besaitet, da├č er in der ├ľffentlichkeit die Autorenschaft f├╝r diesen markigen Spielersatz nicht ├╝bernehmen will. Ohne eine Sekunde zu z├Âgern sprang hier deshalb seine rum├Ąnische Lebensgef├Ąhrtin f├╝r ihn ein.
WPG-Wertung: Peter und Loredana blieben mit je 8 Punkten im oberen Wertungsfeld.
3. “Trans Europa”
Ebenfalls ein konstruktives, lockeres Familienspiel, das seinerzeit einen Platz in den Siegerlisten zum Spiel des Jahres verdient h├Ątte. Wenn Jury und Auswahlkriterien ┬ů – ach, lassen wir das.
Peter bekannte, da├č er das Spiel schon oft gespielt, aber noch nie gewonnen habe. Aaron schlug deshalb vor, Peter heute gewinnen zu lassen. Peter bat, das solle dann bitte nicht allzu offensichtlich geschehen. Ist das denn m├Âglich?
Aaron baute ganz unmotiviert eine Strecke zu Peters Bukarest und Peter konnte einen Rundensieg f├╝r sich reklamieren, ohne ├╝berhaupt das letzte Gleisst├╝ck legen zu m├╝ssen. Am Ende standen sie beide zusammen auf dem obersten Siegertreppchen. Wenn das keine g├Âttliche F├╝gung war!
Keine neue WPG-Wertung f├╝r ein mit 7,6 Punkten gehandeltes Spiel