von Walter am 5.06.2014 (6.656 mal gelesen, 6 Kommentare)

Aus gegebenem Anlaß ein Wort ĂŒber unser SelbstverstĂ€ndnis als Spieler und Kritiker.

Wir spielen ausschließlich zum VergnĂŒgen. Als private FreizeitbeschĂ€ftigung. Wir tragen keine Verantwortung dafĂŒr, dass Nicht-Spieler ans Spielen herangefĂŒhrt werden oder dass „die Stellung des Spiels als Kulturgut in der Gesellschaft“ gestĂ€rkt wird (sinngemĂ€ĂŸ vom „Verein Spiel des Jahres“). Wir sind keine Missionare.

Wir achten nicht darauf, ob ein simples Spiel auch von einem einfachen GemĂŒt noch verstanden werden kann, oder ob ein komplexes Spiel an Spielefreaks genĂŒgend Herausforderungen stellt. Wir spielen Spiele – zugegebenermaßen möglichst viele – um des Spielen und des Kennenlernen willens.

Unsere Kritiken sind keine juristischen Gutachten. Sie stellen subjektive EindrĂŒcke von uns subjektiven Spielern dar. Auch wenn wir uns dabei bemĂŒhen, sachlich haltbare Tatsachen vorzubringen. Sachlich im Sinne von formulierbaren QualitĂ€tsmaßstĂ€ben. Wer uns kennt, wer ĂŒber unsere Spielberichte unsere Spielcharaktere kennengelernt hat, der kann unsere Aussagen einschĂ€tzen und sie als Wegweiser benutzen. Wegweiser zu UNSEREN Wegen, denen man folgen oder denen man ausweichen kann.

Wie andere spielen, ist uns nicht gleichgĂŒltig. Und wenn sie eine Ă€hnliche Spielauffassung haben wie wir, freut uns das. Dabei ist es völlig egal, ob wir dann gemeinsam eine Mehrheit oder Minderheit sind. Möge jeder auf seine Weise glĂŒcklich werden.

"Lucca" in "Splendor" - kleine und grosse Schachteln

“Lucca” in “Splendor” – kleine und grosse Schachteln

1. “Splendor”

Aaron und Walter bemĂŒhten sich mit vereinten KrĂ€ften, GĂŒnther die Regeln beizubringen (siehe Spielbericht von letzte Woche). Doch wie sagt schon das Sprichwort: zwei Köche verderben den Brei. Wo einer ein Detail fĂŒr höchst relevant hĂ€lt, findet der andere das ganz nebensĂ€chlich. Und umgekehrt. NatĂŒrlich wollte GĂŒnther alles ganz genau wissen, z.B. die Verteilung der Farben, Preise und PrĂ€mien auf allen drei Karten-Ebenen. Das kann schließlich alles einen entscheidenen Einfluß auf die Gewinnstrategie haben. Wenn die schnurzige Antwort „Alles ist gleichverteilt!“ sachlich falsch ist, wird ein scharfer Dominion-Analyist gleich auf eine falsche FĂ€hrte gefĂŒhrt. Jedenfalls dauerte GĂŒnthers EinfĂŒhrung lĂ€nger als 20 Minuten und es blieb immer noch ein vager Eindruck von UngenĂŒgen in der Luft. Dabei schreibt Hachen Darkpact im Internet: „Die Regel ist kurz und schnell begriffen. Und sie ist auch so einfach, das sogar mein 7-jĂ€hriger problemlos mitspielen kann, wenn er auch noch nicht die besten Entscheidungen triff.“

Was sind schon richtige Entscheidungen? Eine einzige Farbe sammeln oder viele? Viele Chips horten oder immer voll investiert sein? Ist Wertkarten zu reservieren ein guter Zug oder verschenkt man damit grundsĂ€tzlich Tempo? Die Aussage von Tric-Trac „Wichtig ist das Reservieren: Ich kann mir eine Karte nehmen und bekomme dafĂŒr obendrein noch Gold“ halte ich schlichtwegs fĂŒr eine Fehlinformation: Statt drei Chips, erhalte ich beim Reservieren nĂ€mlich nur einen Chip. Das kann nur in seltenen FĂ€llen gut sein.
Ich wage mich jetzt auch mal selber an Spieltips und bin bereit, dafĂŒr öffentlich PrĂŒgel einzustreichen:

  • Nehme dir immer drei Chips, wenn du das darfst, d.h. wenn drei verschiedene Farben angeboten werden.
  • Nehme immer die Karte, fĂŒr die du am wenigsten zahlen musst. Bei Preisgleichheit nimm’ die Karten mit dem grĂ¶ĂŸten Rabatt.

Das gilt zumindest fĂŒr die erste HĂ€lfte des Spiels. Und das lĂ€ĂŸt sich sogar theoretisch begrĂŒnden. (Hier jetzt nicht!)

In der zweiten SpielhĂ€lfte geht es natĂŒrlich darum, die dicksten Siegpunkte einzufahren. Besonders auch ĂŒber die kostenlosen Adeligen. Deswegen sollte man nach der halben Wegstrecke mal kurz innehalten, eine Bilanz ziehen und das eigene – ungerichtet erstandene – Besitztum mit dem der Mitspieler vergleichen, um entsprechend die finalen Ambitionen abzustecken. Jetzt kann es sogar noch einmal spannend werden. Die positive Spielstimmung von Das-SpielEn.de, wenn sie hier einen „Sog erleben, der durch das Kartensammeln und die Suche nach dem richtigen Zeitpunkt zum Umschwenken auf die Siegpunkte entsteht“, klingt durchaus glaubwĂŒrdig.

Aber „Strategien“ sind das nicht, was man bei „Splendor“ anwendet. Es gibt keine langfristigen, grundsĂ€tzlichen ErwĂ€gungen, in welche Richtung man sein Spiel gestalten sollte. Alles nĂŒtzt fĂŒr irgendwas. Hier akzeptiere ich eher Tric-Trac’s Aussage: „Das Zauberwort ist FlexibilitĂ€t“, auf gut Deutsch: Man soll halt das tun, was sich im Augenblick gerade als gĂŒnstig anbietet. Lebenswichtig ist aber kein einziger Zug, alles funktioniert eher vor sich pritschelnd. Und wenn das GlĂŒck richtig pritschelt, bekommt man mehr „GĂŒnstiges“ angeboten als die Mitspieler, und man gewinnt.

Das geht meistens recht knapp aus. „Oft gab es mehrere Spieler, die gleichzeitig die Grenze von 15 Siegpunkten ĂŒberschritten“ schreibt die Pöppelkiste. Bei uns war das auch so. Das ergibt natĂŒrlich ein spannendes Finish. Und ein Unterlegener mag sein GlĂŒck erneut versuchen wollen und eine Revanche fordern. Wenn ihm danach ist. Uns war eher nicht danach. „WĂŒrdest Du jetzt mit Spaß noch eine Runde spielen?“ wurde GĂŒnther gefragt. „Nein, es ist ja noch nicht halb zwei in der Nacht!“

WPG-Wertung: GĂŒnther reihte sich mit seinen 5 Punkten im oberen Bereich der WPG-Noten ein (man kann drauf los spielen, ein bißchen in Richtung auf ein gezieltes AbrĂ€umen der höherwertigen Karten. Auf andere zu achten und gegen sie zu spielen: das kann man vergessen), Aaron unterstrich seine bisherige Wertung: „Auf keinen Fall mehr als 5 Punkte!“

„Wo ist hier der Pfiff fĂŒr die Platzierung auf der Auswahlliste zum Spiel das Jahres?“ – „Da mußt Du bloß mal ’Camel up’ kennenlernen!“ – Oh Gott, was kommt da wieder auf uns zu?!

2. “Lucca the city of games”
Eines kleines Kartenspiel in einer hĂŒbschen, kleinen, dem Spielmaterial angemessenen Blechdose. Vor 9 Jahren wurde seine Mutter unter dem Namen “Lucca Città” geboren. Sie lag schon bei uns auf dem Tisch und wurde mit gebremtem EntzĂŒcken aufgenommen. Letztes Jahre erschien sein Ableger mit verschiedenen kleinen Wucherungen, den uns GĂŒnther heute servierte. Unsere grĂ¶ĂŸten Erwartungen gingen in die Richtung, ob sich unser 9-Jahre-Ă€lter-geworden-Sein in unserer SpieleinschĂ€tzung bemerkbar machen wĂŒrde.

Das Spielprinzip in „Lucca“ ist gleichgeblieben. 110 Karten zeigen GebĂ€udeteile mit Fenstern, Wappen und Hausnummern in sechs verschiedenen Farben. Auf dem Tisch liegen davon jeweils zufĂ€llig gemischte 3er Kartensets in einer offenen Auslagen. Reihum nimmt jeder Spieler ein Set davon und sortiert die Karten nach Farben bei sich ein. Sobald fĂŒnf Karten einer Farbe beisammen sind, ist ein „Haus“ fertig gebaut und der Erbauer bekommt Siegpunkte. Je mehr Fenster, desto mehr Punkte. Je mehr Wappen, desto Startspieler.

In der nĂ€chsten Runde muss ein fertiges Haus auch noch „geöffnet“ werden. Dann bekommt man Siegpunkte fĂŒr jede ausliegende Karte bei den Mitspielern. Kann ganz schön ertragreich sein. Allerdings nicht unbedingt kalkulierbar.

In der Spielerweiterung muss man nicht jede Karte fĂŒr den Hausbau verwenden, man kann damit auch eine „Stadtmauer“ errichten und bekommt dafĂŒr am Ende PrĂ€mien fĂŒr alle fertig gestellen eigenen HĂ€user. Oder war das frĂŒher auch schon so?

Neu sind vor allem Joker-Karten, die man fĂŒr jede beliebige Hausfarbe verwenden kann. Und neu sind vielleicht auch die Festungen, die ebenfalls additive Siegpunkte in der Schlußwertung bringen. Doch wie sagte schon der alte Lateiner: „Im SĂŒden nichts Neues!“ Oder stammt das von weisen Salomon?

WPG-Wertung: Keine Änderung, alle blieben bei ihren mĂ€ĂŸigen 5 Punkten.

Wo wĂŒrden wir jetzt lieber baden, im Glanz oder in Lucca? Aaron war fĂŒr das nasse Angebot, Walter fĂŒr das luftige. Aber nur, wenn es sein muß. GĂŒnther mußte nicht.

3. “Nobiles”

Aaron ließ mal wieder die aktuelle Fassung seiner neuesten Spielentwicklung testen. Wir sind immer noch bei den Ostfriesen und versuchen mit vereinten KrĂ€ften, die Naturkatastrophen abzuwehren. Der HĂ€uptling hat davon den grĂ¶ĂŸten Nutzen, weshalb es fĂŒr jeden Spieler zwei Ziele gibt: Entweder HĂ€uptling werden und die Natur meistern, oder die Natur die Meisterschaft lassen und den HĂ€uptling stĂŒrzen.

Bei einem sehr guten Spiel mĂŒssen die Anstrengungen, HĂ€uptling zu werden und es bleiben können, korreliert sein mit dem Gewinn, den man daraus erzielen kann. Und die Mitspieler mĂŒssen die Chance haben, den König zu stĂŒrzen, gegebenenfalls mit erheblichen Verlusten. Einsatz und Gewinn, Besitztumswahrung und Verlust, Hoffnungen und Risiken mĂŒssen in eine optimale und zugleich spielerische Balance gebracht werden. Noch gibt es an den Nobiles etwas zu feilen.

Politische Weisheit: „In Ostfriesland trifft es halt alle, nicht nur den HĂ€uptling! – In Bayern wĂŒrde es den HĂ€uptling niemals treffen!“

Keine WPG-Wertung fĂŒr ein Spiel in der Entstehungsphase.

6 Reaktionen zu “04.06.2014: WechselbĂ€der in Lucca”

  1. peer

    Ist deine Regel nicht eine “SelbsterfĂŒllende Prophezeihung”? Wenn alle nur dann Karten nehmen, wenn es keine drei Farben mehr gibt, dann sind die Chips oft alle und man dementsprechend hĂ€ufig Karten. Aber wenn 2 von 4 (oder 3 von 4?) auch zwischendurch fleißig Karten kauft, dann liegen fast immer genĂŒgend Chips da und man ist schnell am Limit von 10 Chips angekommen – vermutlich ohne groß was gewonnen zu haben?
    Ich sehe den Vorteil eines großen Chipspooles jedenfalls nicht – jedenfalls nicht in der Konkurrenz zur Hasentaktik, möglichst schnell möglichst viele Rabatte und mit denen dann die Adligen abgreifen .

  2. Florian

    Hallo Walter, PrĂŒgel gibt’s von mir sicher nicht, aber Deine Splendor-Tipps sind beispielsweise dann falsch, wenn vor mir der Startspieler sitzt und drei Farben hortet, weil sie ihm zweieinhalb Adlige bringen können. Ich muss dann frĂŒhzeitig anfangen, ihm billige Karten dieser Farben wegzukaufen oder sie mir zu reservieren.

    (Außer natĂŒrlich, ich glaube mit großen Einzelkarten schneller zu sein. So viele Wenn und Aber.)

    Dass man immer auf die billigste Karte spart, ist eine Binsenweisheit. Die interessante taktische Frage wĂ€re meines Erachtens, wann schnappe ich einem Gegenspieler, der die Initiative hat, also mehr Chips, eine von ihm benötigte Billigkarte weg? Wann lohnt sich das, auf die standardmĂ€ĂŸigen drei Chips zu verzichten?

    Was bei Dir auch noch fehlt, ist die Option, Chips einer bestimmte Farbe zu horten und eben nicht mehr zu verwenden, um die PlÀne der Gegner zu stören. Das ist dann ein fast schon strategischer Ansatz, der bei bestimmten Kartenauslagen sehr effizient sein kann, auch wenn man dann selbst stark eingeschrÀnkt ist. Mindestens im Zweierspiel, mit dem ich hauptsÀchlich Erfahrung habe.

    Trotzdem bleibt Splendor natĂŒrlich ein einfaches Spiel, das nicht jedem gefallen muss – und schon gar nicht als Hauptmahlzeit eines Spieleabends. Ich bin selbst kein uneingeschrĂ€nkter Fan.

  3. Walter

    Hallo Peer,
    es geht nicht darum, einen möglichst großen Chip-Pool zu haben. Am Ende sollte es ja ganz das Gegenteil sein: jeder ĂŒberflĂŒssige Chip ist Relikt eines verlorenen Zuges.
    Meine Zielrichtung ist folgendes:
    a) Wenn nicht mehr drei Farben angeboten werden, MUSS ich einen Joker-Chips ziehen. (Und eine Karte reservieren.)
    b) Beim Joker-Zug bekomme ich zwei Chips weniger als beim „normalen“ Zug. Dieser Nachteil wird von der Joker-Farbe nicht ausgegleichen. Auch das Reservieren einer Karte macht den Nachteil nicht wett. (GefĂŒhlsmĂ€ĂŸige Behauptung, einen Beweis dafĂŒr kann ich nicht antreten, werde mich aber bereitswilligst vom Gegenteil ĂŒberzeugen lassen!)
    c) Wenn ich einen ausreichend großen Chips-Pool habe, kann ich Joker-ZĂŒge vermeiden.
    d) Da es ansonsten gleichgĂŒltig ist, ob ich erst Chips ziehe und dann Karten eintausche oder umgekehrt (sofern eine bestimmte gewĂŒnschte Karten nicht weggenommen wird; wobei man in der Regel aber mehrere gleichgute Alternativen hat), sollte man also erst Chips ziehen, damit Joker-ZĂŒge hĂ€ufiger vermieden werden können.
    Ist die Argumentation verstÀndlich? Ist das Argument plausibel?

    Hallo Florian,
    ich wollte keine tiefergehende Strategie zu Splendor darstellen. Nur ein paar SchnellschĂŒsse fĂŒr 6 oder 7-JĂ€hrige. :) Genauso fundiert wir das, was ich dazu im Internet gefunden haben. Schließlich ist ja meine grundsĂ€tzliche Einstellung zu Splendor: Alles ist gleich gut. Was in dieser strengen Bedeutung natĂŒrlich nicht stimmt. Aber von “Strategien” zu reden, halte ich mehr oder weniger fĂŒr einen Witz.

    Gruß Walter

  4. Florian

    Hallo Walter, von Strategien spricht ja außer Dir auch keiner :)
    Zumindest weder Peer noch ich.

    Sag mal, nur sicherheitshalber nachgefragt, das Chip-Limit von 10 ist Dir bekannt, oder? Eine vergleichsweise billige 6- oder 7-von-einer-Sorte-Karte bekommt man nÀmlich ohne Joker gar nicht so leicht. Zumindest wenn die Mitspieler aufpassen.

  5. Walter

    Nein, lieber Florian, von Strategien wird im Internet haufenweise geschrieben … Z.B. (Hachen Dark http://darkpact.tumblr.com/) : ” … es gibt mehr als nur eine Strategie und die Spieler mĂŒssen sich schon an die der Mitspieler anpassen, damit nicht alle in dieselbe Falle laufen …”
    Mir ist das Limit bekannt.
    Mein Tipp geht also in die Richtung: “Vermeidet, den Joker-Zug tun zu mĂŒssen.”
    Und welche bessere Möglichkeit gibt es dazu, als genĂŒgend Chips fĂŒr mehrere alternative Wertkarten im Portefeuille zu haben?
    Wenn – noch dazu – jeder Spieler eine Mindestmenge von Chips unabhĂ€ngig von ALLEN “Strategien” benötigt, dann holt man sie sich doch besser in ZĂŒgen, wo man gleich drei davon bekommt, statt nur einen!
    Zu meinem trivialen Wertkarten-Nimm-Tipp: NatĂŒrlich ist es trivial, jeweils die billigste Karte zu nehmen. Manche Spieler machen sich aber die MĂŒhe, noch eine bessere Karte zu finden, z.B. etwas mehr Geld ausgeben fĂŒr eine bestimmte Farbe. Dagegen war mein Tipp gerichtet. Wer nach mir spielt, spielt schnell, locker und nicht schlecht. Was gibt es in einem flexiblen (Drei-Viertel-)Zufallsspiel Besseres?

  6. peer

    Ja jetzt verstehe ich deine Argumentation :-)
    Allerdings kam ich praktisch nie (einmal? zweimal?) in die Situation den Jokerzug machen zu mĂŒssen – entweder konnte ich sinnvoll nachziehen oder es lagen Karten aus, die im Zweifelsfall besser waren.