11.01.2023: Quantitativer Brückenbau

1. “QE (Quantitative Easing)”

Um gleich mit dem Fazit anzufangen: Aaron und Günther hat das Spiel gefallen, 7 lockere Punkte von beiden, mir hat es nicht gefallen.

QE: Aaron und Günther ringen um das Verständnis, welche Teile in einer 3-Personen-Runde aussortiert werden müssen.

Wir ver- und ersteigern Scheiben, die aufgrund ihrer verschiedenen Eigenschaften (Farben, Formen, Namen …) in Kumulation und Diversifikation für jeden Spieler progressiv steigende Siegpunkte bringen. Der Auktionator wechselt reihum für jeweils eine Scheibe. Er fordert offen einen Mindestwert; die Mitspieler schreiben verdeckt auf, was sie zu bieten gedenken. Der Höchstbietende bekommt das Stück, der Preis bleibt, außer für den Auktionator geheim. Soweit sogut, „Modern Art – einmal reihum auf die Hand” lässt grüßen.

Wir können so viel bieten, wie wir wollen, bei jeder neuen Scheibe an unser voriges Gebot eine, zwei oder mehr Nullen anhängen. Tausend, Millionen, Billionen oder Quadrillionen, das spielt überhaupt keine Rolle. Jetzt kommt aber der Haken: Wer am Ende für seine erworbenen Objekte in Summe am meisten geboten hat, scheidet aus der Wertung aus. Ist er damit jetzt Letzter?

In unserer Dreierrunde brauchte ich bloß am wenigsten, also nur Einer, oder noch besser nur Nuller zu bieten, und schon war ich mindestens Zweiter.

Aaron verlangte als erster Auktionator für die erste Scheibe 50 Kröten, Günther bot geheim 500 und bekam damit das erste „Schnäppchen“. Ich hatte als Gebot nur eine simple 1 hingeschrieben und erntete von Günther und Aaron dafür kritische, fragende, vorwurfsvolle Blicke. Hatte ich etwas nicht verstanden? Günther verlangte für die zweite Scheibe gleich 10.000 (Zehntausend) Kröten und mir wurde ganz flau im Magen. Ich schrieb wieder nur ein 1 auf mein Gebotsschild . Aaron bekam die Scheibe; offensichtlich hatte er mehr als 10.000 investiert. Nur Günther wusste den genauen Betrag.

Für die restlichen 14 Scheiben hätte ich jetzt jeweils 700 Kröten hinblättern können, und wäre immer noch unter Aarons erstem Erwerb geblieben. Hätte ich Günther jetzt ein entsprechendes Abkommen vorschlagen können?

Bei der dritten Scheibe war ich Auktionator und verlangte wiederum nur meine obligatorische 1 Kröte. Wiederum strafende Blicke der Mitspieler, das erste Ansinnen zum Abbruch des Spiels wurde laut. Ja warum sollte ich mit meinem Eröffnungsgebot für ein Objekt, das ist nicht wollte, bis zu meiner Schmerzgrenze gehen? Wenn Aaron und Günther Interesse daran hatten – und das auch voneinander wussten, konnten sie sich auch ohne meine Vorgabe mit ihren Geboten in diejenigen Höhen begeben, die sie für richtig hielten. Sollte ich mit einem von mir absolut nicht gewünschten 20.000 beginnen, nur damit die beiden dadurch verlockt würden, vielleicht 100.000 (hunderttausend) zu bieten? Psychologen und Statistiker an die Front!

In einer Dreierrunde funktioniert das Spiel einfach nicht. Und ob es mir in einer 4er oder 5er Runde gefallen hätte, möchte ich stark bezweifeln. Es ist nicht mein Fall, ohne jeden Anhaltspunkt für irgendetwas von zweifelhaftem Wert eine hohe Summe hinzublättern, a) um es zu bekommen b) um zu verhindern, dass ein anderer es bekommt, c) um meine Mitspieler hochzutreiben, d) für etwas, was vielleicht kein anderer will, wenn e) meine hingeblätterte Summe am Ende todsicher kontraproduktiv ist.

Vielleicht könnte man das Spiel retten, wenn es die Regel aufnähme: ALLE Spieler einschließlich des Spielers mit dem höchsten Summengebot haben VERLOREN, nur ein einziger Spieler, der mit der höchsten Punktzahl, gewinnt und bekommt einen „Satzpunkt“. Soviele Sätze wie Spieler entscheiden über den Sieg.

Aber auch so hätte und hat das Spiel einen entscheidenden Design-Fehler. Ein Spielverderber kann ALLE Scheiben erwerben, indem er für jede Scheibe gigantische, in Zehnerpotenzen steigende Werte verlangt. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert.

Erkennt ein einziger Spieler diese Spielverderber-Technik und bietet mit, so läuft er damit Gefahr, den Schwarzen Peter zu bekommen. Der Spielverderber braucht mit dieser Politik aber auch erst ab der zweiten Scheibe beginnen und kann so den Ersteigerer der ersten Scheibe zum Sieger machen. Er kann auch erst in den letzten Runden mit seinen irrwitzigen Geboten anfangen, einen willkürlichen Spielstand mit dieser Methode einfrieren und so den dann gerade führenden Spieler zum Sieger machen. Kingmakern nennt man das. Und kein Milligramm der Spielregel versucht, das zu verhindern.

WPG-Wertung: Aaron: 5 (mit so jemandem wie Walter, ansonsten mit Tendenz zu 7; locker, man muss sich nur auf die Spielidee einlassen können), Günther: 7 (locker, ungewöhnlich), Walter: 3 (ich habe das Spielprinzip nicht verstanden; und was ich davon verstanden habe, macht mir keinen Spaß).

2. “Old London Bridge”

Wir setzen unseren einen Pöppel auf einen von 7 Arbeitsplätze und erwerben damit ein Bauteil für unsere private London Bridge; jedes Bauteile hat eine Ordnungszahl; die einzelnen Bauteile müssen mit monoton abfallenden Ordnungszahlen lückenlos nebeneinander eingebaut werden; hat das erworbene Bauteil eine höhere Ordnungszahl als unser aktuelles Endstück, dürfen wir es nicht dort einbauen, sondern müssen damit eines unserer fertigen Bauteile – an der passenden Stelle – ersetzen. Unsere Brücke wird damit nicht länger, was bei Spielende in einem empfindlichen Punkteabzug endet.

Außer einem Bauteil bekommen wir abhängig vom Arbeitsplatz auch noch 1 bis 3 Siegpunkte. Die Zuordnung Siegpunkte / Arbeitsplatz ändert sich von Runde zu Runde.

Außerdem bekommen wir alternativ einen der folgenden Nebeneffekte:

  1. eine Aktionsprioritätenkarte mit Zahlenwerten zwischen 1 und 4, anhand der die Reihenfolge bestimmt wird, in der die Spieler ihren Pöppel setzen dürfen.
  2. Fortschritte auf der Prioritätenleiste; wer weiter vorne ist, darf vor einem Mitspieler mit gleichwertiger Aktionsprioritätenkarte ziehen.
  3. Die Erlaubnis, an der aktuellen Stelle unserer gebauten Brücke die Monoton-Absteigend-Regel zu unterbrechen.
  4. Siegpunkte; die sind natürlich begehrt, aber oft genug passt das Bauteil nicht.
  5. Die Erlaubnis, uns auf Seitenwege zu begeben, wo abschnittsweise Zusatz-Siegpunkte verteilt werden.
  6. Eine Multifarbenkarte; jedes Bauteil hat eine definierte Farbe; die Effekte für Siegpunkte, Fortschreiten, Geld etc. sind um so höher, je mehr Bauteile dieser Farbe wir bereits in unserer Brücke haben. Da gelten solche Multifarbenkarten als Joker.

So bauen wir unsere Brücke lustig fort. Nach 12 Runden ist Schluss. In der 3er Runde, die wir waren, hat keiner keinem weh getan. Irgend ein Bauteil oder irgend Nebeneffekt ist immer gut.

WPG-Wertung: Aaron: 5 (kleine Zufallseffekte, z.B. bei der Priorität, können sich hoch auswirken), Günther: 5 (zu dritt nur 4 ½; lockeres Familienspiel mit wenig Konkurrenz), Walter: 5 (lieb und brav, Planung nicht nötig und nicht möglich, wir leben von der Hand in den Mund und müssen Zug für Zug aus der gegebenen Situation das Beste machen).

3. “Cat in the Box”

Auf den ersten Blick kommt dieses Karten-Stichspiel, bei dem jede Karte jede andere stechen kann, recht chaotisch daher. Aber wenn man erst mal das Prinzip verstanden und seine Haken und Ösen kennengelernt hat, dann verlangt (und erlaubt) es auf einmal eine wohldurchdachte Vision, in welcher Reihenfolge man seine Karten ausspielt und wieviel Stiche man damit machen kann und möchte. Oder auch nicht.

Keine neue WPG-Wertung für ein 8 Punkte Spiel.

5 Gedanken zu „11.01.2023: Quantitativer Brückenbau“

  1. Lieber Walter,

    Q.E. funktioniert genauso gut zu dritt wie zu viert oder fünft :-)
    Man muss sich nur drauf einlassen.
    Auch der von Dir erwähnte Ansatz “Spieler X ersteigert alles und zerstört damit das Spiel” ist ja absurd. Er würde dadurch nicht nur verlieren (und alle anderen gewinnen), sondern er würde auch sich und alle anderen des Spaßes berauben. Wer sowas macht, der fegt auch das Spielbrett vom Tisch, wenn er zu verlieren droht…
    Die einzige Designschwäche, die ich dem Spiel vorwerfe ist die, dass der Auktionator der allerersten Auktion den Ball sehr flach halten muss. Denn wenn er mit sagen wir 1.000 (oder 10 Mio. oder einem anderen beliebigen Betrag) anfängt und alle nachfolgenden Auktionatoren konsequent derart niedrige Preise aufrufen und die Käufer entsprechend wenig zahlen, dass die Summe aller Käufe über alle Runden hinweg unter 1.000 bleibt, dann hat der erste Käufer verloren, ohne etwas dazu tun zu können.

    Eure Meinung zu Plan B teile ich übrigens. Respekt dafür, dass Ihr Euch diesen ebenso langen wie weiligen Schrott nochmals angetan habt. Ich bin der Meinung, 3h plus 1h Erklärung könnte man mit soooo vielen besseren Spielen füllen….
    HiG ist für mich ohnehin schon lange kein Verlag mehr, der halbwegs gesichert für “gute” Spiele steht. Seit den beiden Marco Polos war da nichts mehr, und davor auch eine ganze Weile nicht. Ist mittlerweile ähnlich wie Alea – zu viel Mittelmaß.

    Grüße vom Exilbayern in – immer noch – Schwaben
    Micha

  2. Lieber Micha,
    danke für Deine Anmerkungen. Kritik ist eine Form von Aufmerksamkeit und für einen Autor ist jede Form von Aufmerksamkeit ein Lob …
    „Man muss sich nur drauf einlassen“, das gilt hier wie für viele Spiele. Es liegt halt nicht in meiner Natur, sich auf solche weichen-vagen Abschätz-Spiele einzulassen.
    Die von Dir genannte Designschwäche wiederum kann ich nicht anerkennen. Da ja offensichtlich alle Spieler gewinnen wollen sollen, werden sie, wie immer das erste Gebot ist, ihren so gewonnenen Bietraum ausnutzen, um möglichst viele lukrative Scheiben auf ihre Seite zu bringen. Da werden sie schnell in die Größenordnung des ersten Auktionators kommen. Wobei dieser Auktionator ja mitmischen und weiterhin relative günstig (zu seinem Anfangspreis) Scheiben erwerben kann. Dann ziehen die anderen eher früher als später mit. Falls sie sich auf dieses Spielprinzip einlassen!
    Viele Grüße ins Schwabenland
    Walter

  3. Hallo Walter,

    dieser Satz von Dir ist m.E. nicht zutreffend:

    “Da ja offensichtlich alle Spieler gewinnen wollen sollen, werden sie, wie immer das erste Gebot ist, ihren so gewonnenen Bietraum ausnutzen, um möglichst viele lukrative Scheiben auf ihre Seite zu bringen.”

    Denn: Warum sollte ich als Nicht-Gewinner der ersten Auktion dies tun?
    Wenn ich (und die stillschweigend ebenso denkenden Mitspieler, die nicht Gewinner der ersten Auktion waren) gewinnen möchte, dann darf ich ja zunächst mal nicht die höchste Gebotssumme abgegeben haben.
    Dies stelle ich sicher, indem ich so biete, dass meine vermutete Gesamtsumme für die verbleibenden Auktionen unter dem Betrag des Erst-Gewinners bleiben kann (bzw. unter dessen vermuteter Summe, sofern er im weiteren Spielverlauf weitere Versteigerungen gewinnen sollte). Wenn alle Spieler so denken und dies auch durchziehen – und dies spricht keineswegs dagegen, das Spiel gewinnen zu wollen, ganz im Gegenteil – dann ist der Erst-Ersteigerer raus aus dem Spiel ohne etwas dagegen tun zu können.

    Dein Satz “Da werden sie schnell in die Größenordnung des ersten Auktionators kommen.” trifft daher für mich nicht zu. Denn: Wieso sollten sie? Aus welchem Grund sollte ich in künftigen Auktionen einen hohen Startwert ansetzen? Und aus welchem Grund sollten Spieler auf einen Startwert von “10” z.B. 10.000, 8.000 und 7.000 bieten, wenn Gebote von 100, 80 und 70 die gleiche Relation darstellen?

    Im Grunde machen doch alle das Gleiche: Man summiert die vermutete Summe aller Spieler auf und versucht unter der vermuteten Summe des vermeintlichen Höchstbieters zu bleiben. Natürlich kann man darüber gehen in der Hoffnung, dass nachfolgende Höchtbieter mich abermals überbieten und in Summe einen höheren Gesamtwert haben. Aber: Wieso sollte ich dieses Risiko eingehen?

    Von daher geht (und das bestätigt auch meine Erfahrung aus mittlerweile einigen Partien in absolut unterschiedlichen Runden) der Gewinner der ersten Versteigerung ein hohes Risiko ein, sofern er mit einem Gebot gewinnt, dessen Höhe untendrunter Luft für die Summe aus vielen kleineren Folge-Gewinn-Geboten lässt.

    Viele Grüße
    Micha

  4. Lieber Micha,
    Du hast QE öfters gespielt als ich (als wir) und kannst Deine ursprüngliche Aussage mit Deiner Erfahrung untermauern, ohne dass ich dem etwas entgegensetzten kann und möchte. Allerdings habe ich Deine Argumentation nicht verstanden. Ich verstehe nicht, warum die erste Scheibe als Schnäppchen über die Ladentheke gehen soll. Ich verstehe nicht, warum man auf dem Weg zum Ersteigern der meisten und besten Scheiben sich bis über das Mittelspiel hinaus nicht immer höher treiben kann. Und ich verstehe nicht, warum ich als erster Auktionator aus dem Verkehr gezogen sein sollten, wenn ich beispielsweise mit 10.000.000 anstatt mit 100 anfange. Das ist doch lediglich eine Skalierung und bei den unbegrenzten Summen, die jedem zur Verfügung stehen, spielt – nach der reinen Mathematik – das Koordinatensystem doch überhaupt keine Rolle.
    Du brauchst Dich jetzt aber nicht anzustrengen, um mir Deine Beweiskette doch noch schriftlich plausibel zu machen. Ich glaube, das geht nur unter vier (oder mehr) Augen bei einem Glas Wein. Komm doch mal wieder am Westpark vorbei!
    Viele Grüße Walter

  5. Hallo Walter,

    ich war zuletzt vor etwa 9 Jahren bei Euch, denke ich. Seither habe ich einen anderen Job, der mich nicht mehr nach München führt…

    Daher erlaube mir noch kurz 2-4 Sätze:

    Du schreibst: “Ich verstehe nicht, warum die erste Scheibe als Schnäppchen über die Ladentheke gehen soll”
    Antwort: Weil ansonsten die Gefahr besteht, dass alle Folgeauktionen in Summe darunter sein könnten (nicht müssen).

    Du schreibst: “Ich verstehe nicht, warum man auf dem Weg zum Ersteigern der meisten und besten Scheiben sich bis über das Mittelspiel hinaus nicht immer höher treiben kann.”
    Antwort: Das kann man. Aber damit begibt man sich in eine Unsicherheit. Nehmen aber alle übrigen Spieler ein erstes, nicht niedriges Sieger-Gebot sowie eventuelle weitere erfolgreiche Gebote dieses Spielers als “Leitplanke”, die man in Summe seiner gewonnenen Auktionen nicht überschreitet, dann ist zumindest dahingehend sicher, dass man nicht als verschwenderischster Spieler ausscheidet.

    Du schreibst: “Und ich verstehe nicht, warum ich als erster Auktionator aus dem Verkehr gezogen sein sollten, wenn ich beispielsweise mit 10.000.000 anstatt mit 100 anfange. Das ist doch lediglich eine Skalierung und bei den unbegrenzten Summen, die jedem zur Verfügung stehen, spielt – nach der reinen Mathematik – das Koordinatensystem doch überhaupt keine Rolle.”

    Theoretisch hast Du recht. Praktisch macht es aber ein Erst-Kauf-Betrag von 100 (oder, um das Beispiel durch Überspitzung zu verdeutlichen: von 2) recht unwahrscheinlich, dass a) der Verkäufer drauf sitzen bleibt und b) dieser Kauf bis zum Spielende das höchste Gebot sein wird und sich alle anderen Spieler in Summe ihrer Käufe darunter tummeln. Bei 10.000.000 sieht das anders aus – 10.000.000 eröffnen ein größeres Feld dafür, viele Käufe mit einer in Summe aber niedrigeren Gesamtsumme als 10.000.000 zu tätigen.

    Aber die Theorie des “lass den ersten Käufer auflaufen, wenn er zu stark auf die Kacke haut” funktioniert natürlich nur, wenn alle anderen Spieler gleichartig denken. Wenn alle Folgeauktionen mit inflationär höheren Beträgen über den Tisch gehen, dann nicht.

    Viele Grüße
    Micha

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