01.08.2018: Saami oder „Das tiefe Land“

Aaron’s „Saami“ hat schon viele Metamorphosen mitgemacht. Vor gut vier Jahren wurde es unter dem Arbeitsnamen „Nobiles“ an der Friesenküste gezeugt. Im Laufe seine Austragung zog es mit seinem Gebärvater verschiedene Küstenlinien entlang; heute wartet es bei den Samen im Norden Skandinaviens auf seine Geburt.

Dabei wurde sein Vater jetzt durch das Erscheinen von „Das tiefe Land“ jäh aus seinem stillen Kreißsaal geweckt, denn hier wird genau die gleiche Idee propagiert, die Aaron auch seinen Sprössling auf den Lebensweg mitgeben wollte: Jeder wurschtelt in seinem eigenen Haus und Hof, aber periodisch stehen Naturkatastrophen an, die nur gemeinsam bewältigt werden können. Natürlich musste sich Aaron unverzüglich ein Exemplar dieser vermeintlichen Erdenkonkurrenz zulegen, und wir durften dann Gleichheiten und Unterschiede begutachten.

1. “Saami”

Da wir das Spiel in seiner Entstehungsgeschichte schon 25 mal gespielt haben, schlug Aaron vor, dass wir es zur Gedächtnisauffrischung und zum Kennenlernen des aktuellen Entwicklungsstandes nur ein-zwei Runden anspielen, und uns dann dem tiefen Land zuwenden sollten.

Trotz Vorkenntnissen dauerte die Einführung aber wiederum eine gute halbe Stunde; schließlich gibt es hier doch eine Menge Schräubchen, die jeder Spieler für erfolgreiches oder wenigstens befriedigendes Spiel gut kennen sollte. Hinterher nahm uns das bekannte und unbekannte Spielgeschehen so gefangen, dass wir das Abbrechen vergaßen und weitere zwei Stunden bis zur süßen Neige durchspielten.

Eine weitere Stunde diente der Nachbereitung. Einige Ideen zur Verschlankung der Spieleraktionen wurden diskutiert. Der Antagonismus zwischen den Anstrengungen für die Gemeinschaft und ihren Belohnungen auf der einen Seite sowie dem eigenen Süppchen-Kochen und die Naturkatastrophen ungebremst über uns hereinbrechen lassen auf der anderen Seite, der vom ersten Tag an den Spielreiz ausmachte, ist auch in der heutigen Version das tragende Element.

Keine WPG-Wertung für ein Spiel in der Entstehungsphase.

2. “Das tiefe Land”

Aaron und Günther studieren die Quellen in „Das tiefe Land“

Wir sind zurück an der deutschen Nordseeküste. Jeder Spieler besitzt eine private Schafsweide, deren Umzäunung er Zug um Zug erweitert, um so Platz für neugeborene Schafe zu schaffen. Was nicht unterkommen kann, wird abgetrieben. Er kann auch anderweitige Gebäude auf seiner Weide errichten, um die Entwicklung und den Profit seines landwirtschaftlichen Anwesens zu fördern.

Und regelmäßig sollte er sich auch am Deichbau beteiligen, denn wenn die Sturmflut kommt und der Deich kleiner ist als die Flut, dann bekommt jeder, der sich hier nicht so tüchtig eingesetzt hat wie seine einsatzfreudigeren Mitspieler, erhebliche Strafpunkte. Umgekehrt: wenn der Deich hält, so bekommt jeder der Mitspieler Siegpunkte entsprechend seinem Engagement am Deichbau.

Der Deichbau ist also – im Gegensatz zu Aaron’s Saami – kein Alles-oder-Nichts-Kriterium, er ist schlichtweg ein ganz normaler Betätigungsort, um Siegpunkte zu machen. Mit dem Satz aus der Spielanleitung: „Wirst Du erfolgreich die Balance zwischen einer ertragreichen Schafzucht und dem Bau am Deich schaffen oder verfolgst Du andere Pläne“ wurde Aaron nur fälschlicherweise aus seinen Saami-Träumen gerissen. „Das tiefe Land“ ist etwas ganz anderes.

Die Autoren C. und R. Partenheimer betonen Hilfestellung und Begleitung der Entwicklung durch Uwe Rosenberg. Sein Erbgut – wie auch immer er es an den Mann gebracht hat – ist überall zu spüren:

  • massig wunderschönes Material
  • tausend und tausenderlei Punktequellen.

Wenn es das erste Spiel mit Rosenberg-Blut wäre, bekäme es von uns sicherlich 8 bis 9 Punkte. So aber vermissen wir grundsätzlich eine eigenständige Spielidee. Dazu kommt noch eine deutliche Kingmakerei als Geburtsschwäche: Wer am Damm baut, kann einen beliebigen weiteren Spieler zur Mithilfe einladen; beide ernten dann Siegpunkte, alle anderen – bei uns der weinende Dritte – gehen leer aus.

Wie am Westpark üblich: 1 Stunde Erklärung, 2 Stunden Spielzeit. (Angegeben sind 50 Minuten.) Auch ohne hinterher noch lang und breit über die wesentlichen Dinge dieser Welt zu diskutieren war es halb zwei Uhr geworden. Und draußen auf der Terrasse war es immer noch angenehm warm.

WPG-Wertung: Aaron: 7 (es ist halt ein Standard-Rosenberg), Günther: 5 (eigentlich nur 1 Punkt, weil nix Neues, alles ist als Rosenberg-Idee bereits vorhanden gewesen; das Dumme daran, dass dieses Spiel nicht einmal ein „Rosenberg“ ist), Walter: 7 (ein neues Solospiel; der Dammbau ist das einzige Spiel-Element, das dieses Spiel rechtfertigt).

27.06.2018: Variationen in Hellas

1. “Lords of Hellas”

Wir führen Helden, Hopliten und Priester. Wir breiten uns aus, kämpfen gegen Monster (oder lassen sie besser links liegen), erlösen Ereigniskarten (falls wir das Zeug dazu haben), bekriegen unsere Mitspieler (eigentlich nur ganz selten), bauen Tempel für geistlichen Beistand und errichten Monumente, die uns den Sieg bringen (können), falls wir sie bei Spielende (noch) in unserem Besitz haben. Andere Sudden-Death-Siegbedingungen sind eine definierte Ausbreitung, eine bestimmte Anzahl von Tempeln in unserer Hand, oder dreifaches Abmurksen eines Monsters. Vor Letzterem wird gewarnt, allerdings haben wir es vorsichtshalber nicht ein einziges Mal versucht.

Günther Zeus-Statue in Makedonien

Alles könnte innerhalb der Spielerschar ganz friedlich vor sich gehen, wenn leider nicht nur ein einziger gewinnen könnte. So aber wenden sich die Mitspieler notgedrungen gegen den jeweils Führenden, falls er zu gewinnen droht. Und in der Regel hat der Führende keine Chance, seine Führung zu behalten, wenn ihm drei Mitspieler kooperativ an den Wagen pinkeln und ihm bei der Erfüllung der Sieg-Bedingungen in die Suppe spucken.

Günther siedelte zunächst einmal mehr oder weniger zwangsläufig in der Nordecke von Hellas, möglichst weit weg von den Monstern im Süden. Dann baute er sich, ebenfalls mehr oder weniger zwangsläufig, dort eine kleine Alleinherrschaft aus, und errichtete auch noch ein Monument, bei dessen Fertigstellung das Spielende eingeläutet wurde.

Nachdem wir (Walter) etwas blind an der eigenen Entwicklung herumgebastelt und uns noch dazu in lokalen Scharmützeln gegenseitig geschwächt hatten, war es auch mit vereinten Kräften nicht mehr möglich, Günther aus der Region seines siegbestimmenden Monuments zu verdrängen. Außer Moritz sahen die anderen Mitspieler auch keinen besonderen Sinn darin, jetzt mit vereinten Kräften Günther vom Treppchen zu holen, nur damit irgendein ANDERER Mitspieler mehr oder weniger zufällig an seine Stelle treten könne.

Moritz selber hatte sein Heil bei den Monstern gesucht. Bis auf seltene eruptive Aggressionen sind sie ja brave Grasfresser. Er unterschätzte aber die Häufigkeit ihrer Ausbrüche, die durch Mitspieler-Aktionen ausgelöst werden. So wurde sein Hoplitenheer regelmäßig dezimiert und auch er konnte trotz eines entdeckten Schleichweges durch die Thermophylen Günthers Monument nicht mehr in Besitz nehmen.

WPG-Wertung: Aaron: 5 (das Spiel lebt von einem Element, das mir nicht gefällt: aufpassen, dass keiner gewinnt. Es fehlt das Positive, Konstruktive. Das Regelwerk ist zu aufgebläht. Die Figuren sind zwar super gestaltet, aber das Spielbrett ist sehr unübersichtlich), Günther: 5, Moritz: 8 (es gibt eine Vielfalt von taktischen und strategischen Möglichkeiten zum Sieg), Walter: 5 (für Spieler, die ein chaotisches Kampfgewurrl lieben; ich habe darin keine strategische Line erkennen können)

2. “Illusion”

Eine Adaption der Idee von „Anno Domini“ für Analphabeten. So wie man bei AD das jeweils nächste historische Ereignis in der richtigen zeitliche Reihenfolge einordnen muss, muss man bei „Illusion“ eine bunt bedruckte Karte nach der Häufigkeit einer bestimmten Farbe einordnen. Mit wachsenden Analphabetentum in Mitteleuropa bestimmt eine zündende Geschäftsidee.

An der Siegbedingung sollte allerdings noch gefeilt werden: durch überstrapaziertes Anzweifeln der Reihenfolge kann man jedem Spieler den Sieg zuschustern.

WPG-Wertung: Aaron: 6, Günther: 6, Moritz: 6, Walter: 6 (der Spielreiz ist voraussichtlich sehr schnell ausgelutscht; die Freude beim Blödeln bzw. Philisophieren über die historischen Ereignisse, die bei AD einen wesentlichen Teil der Spielfreue ausmachen, ist hier naturgemäß nicht vorhanden.)

3. “X nimmt!”

Eine weitere Weiterentwicklung von „6 nimmt“. In der Tischmitte gibt es nur drei Kartenreihen, wohin wir unsere Karten ablegen müssen. In jede Kartenreihe dürfen nur unterschiedlich viele Karten abgelegt werden, und zwar deutlich weniger als bei „6 nimmt“: In einer Reihe nimmt bereits die dritte, in einer die vierte und in einer die fünfte Karte.

Die Karten, die wir bei „6 nimmt“ als Strafkarten sammeln müssen, werden hier wieder auf die Hand genommen, wobei wir jeweils eine der „Strafkarten“ straffrei in einer spielereigenen Kartenreihe ablegen dürfen. Erst wenn wir auch hier die aufsteigende Zahlenreihe nicht fortsezten können, wird es teuer.

Das Spiel ist eine echte spielerische Erweiterung des Standard- „6 nimmt“. Mehr Freiheitsgrade beim Abspielen einer Kartenhand, mehr Berechenbarkeit und mehr Überraschungen.

WPG-Wertung: Aaron: 8 (im Moment besser als „6 nimmt“), Günther: 8 (nach zuerst 7 Punkten, wollte aber gegenüber seiner Notengebung für „6 nimmt“ nicht abfallen), Moritz: 7 (mehr taktische Möglichkeiten, ich find’s gut), Walter: 8.

Seltsam: Obwohl wir alle „X nimmt!“ für eine Bereicherung gegenüber „6 nimmt“ angesehen haben, fiel es uns schwer auch nur gleich gute Noten wie damals zu vergeben.

20.06.2018: Mit Super-Bluff nach Neu-Fund-Land

1. “Race to the New Found Land”

Wie gar nicht so selten im Brettspiel-Milieu, gewinnt man die „Race“, wenn man während des Spielens die meisten Siegpunkte auf seine Seite geschaufelt hat. In der „Race“ gibt es dafür zwei Quellen:

  1. Waren (verschiedener Sorten) anhäufen und damit europäische Städte beliefern. Jede Lieferung bringt Siegpunkte. Wer am Ende eine Stadt am häufigsten beliefert hat, bekommt dafür noch eine weitere Siegpunkt-Prämie.
  2. Inseln (vor der kanadischen Küste) entdecken und besiedeln: Jeder Siedler bringt einen Siegpunkt. Bei Spielende werden auch hier für Siedlermehrheiten auf jeder Insel weitere Siegpunkt-Prämien ausgeschüttet.
Neu-Fund-Land und seine Besiedelung

Die Aktionen der Spieler werden durch sogenannte Schiffe abgewickelt, mittels derer man Waren generieren, Waren abliefern, Inselteile entdeckten oder bereits entdeckte Inselteile besiedeln kann. Zu Spielbeginn fängt jeder Spieler mit einem Schiff an, sehr schnell können wir uns aber weitere Schiffe zulegen, am Ende arbeitet jeder Spieler in der Regel mit vier Schiffen. Dazu kommen noch Charterschiffe für den Einmalgebrauch, die uns innerhalb bestimmter Spielzüge zugeschustert werden.

Das Spielgeschehen ist an keiner Stelle eine spannende „Race“, es ist ein gemütlicher vierfacher Kreisel, in dem wir unsere Besiedelungs- und Lieferungszüge abwickeln, jeder für sich, nur leicht getrübt durch Interferenzen bei der Konkurrenz um (spätere) Mehrheiten oder (aktuell) favorisierte Lieferaufträge.

Durch asymmetrische Startvorgaben (z.B. sind die Spanier bevorzugt beim Besiedeln, die Franzosen beim Handel), wird auch noch dafür gesorgt, dass die Spieler unterschiedliche Interessen verfolgen und die Konkurrenz-Effekte sich abmildern.

Ein gerade richtiger Zufallseinfluss ist beim Entdecken von Inselteilen sowie bei Sonderprämien eingebaut. Ob dieser Zufall dem Planungscharakter des Spiels angemessen ist, sei jetzt dahingestellt. Alles ist ausbalanciert, alle Härtefälle gemildert, für jeden Frust ein Trost eingebaut, alles nivelliert, leider auch die Interaktionsmöglichkeiten, der Wettlauf, die Spielespannung und der Reiz.

Bis auf eines, das nicht ausbalanciert ist: Die naturgegebene Startspieler- bzw. Zugreihenfolge-Asymmetrie. In einer 3er Runde ist ein Spieler zweimal Startspieler, was nur dann gerecht ist, wenn damit keine Vor- und keine Nachteile verbunden wären. Das ist aber nicht der Fall. Wie diese Rolle in der ersten Runde zu werten ist, das lassen wir jetzt einmal offen. Bei uns war Günther als Startspieler in der zweiten Runde als einziger in der Lage, sich mit den angesammelten Ressourcen ein „großes Schiff“ zuzulegen. Damit konnte er sich als einziger in jeder Runde ein Gold generieren und und sich damit sowohl beim Schiffbau als auch beim Liefern die größte Flexibilität einhandeln. Er wurde Sieger.

Vielleicht lag das natürlich auch an seinem gewohnt meistenhaften Spiel. Hallo Günther, nimm’ es mir jetzt bitte nicht übel, wenn ich Deinen Sieg AUCH auf Deine unausbalanciert günstige Start-Positionierung schiebe.

WPG-Wertung: Aaron: 6 (am Anfang war ich angetan, das hat aber gegen den Schluß hin nachgelassen. Fazit, um es mit Schejkspier zu sagen: „Much ado about nothing“; das Spiel schwimmt im Mainstream mit, als Familienspiel nicht geeignet), Günther: 7 (kein Riesenaufbau. Wenn man weiß, wie es geht, kann es schnell über die Bühne gehen. [WS: Wir haben heute 80 Minuten für die Einführung und 100 Minuten für das Durchspielen benötigt!] Sicherlich gibt es Leute, denen es Spaß macht, das Potential dieses Spiels auszuloten), Walter: 6 (konstruktiv bis solitär mit geringen Konkurrenzeffekten, es fehlt der Pfiff. Außer um mit den Spaniern nochmals die Effizienz einer extremen Siedlungspolitik zu betreiben wüsste ich nicht, warum ich das Spiel noch einmal spielen sollte.)

2. “Super-Bluff”

Günthers Super-Wurf. Garantiert nicht gefaked!

Eine Spielerweiterung, jetzt mit sechs Superwürfeln, d.h. jeder Spieler bekommt einen. Eigenschaft: Die Augenzahl des Superwürfels zählt zweimal. Solange noch fast alle Würfel im Spiel sind, ist die Wirkungsweise fast identisch mit einem sechsten Würfel für jeden. Erst im Endspiel kommen andere Effekte zum Tragen und wir alten Bluff-Hasen müssen (erst noch) ganz neue Logiken entwickeln, um das Spiel in den Griff zu bekommen. Sowohl Walters Immer-4-Strategie wie auch Günthers Immer-5-Strategie sind obsolet geworden. Weil das so ist, wurde noch mehr gelacht als sonst, was aber nur als mehr Überraschung, nicht als mehr Spielspaß zu deuten ist.

Das Spiel wird „verkopfter“. So wie ich mich bisher getraut hätte, bei einigermaßen mit Zahlen und Häufigkeiten vertrauten Nicht-Spielern zur Unterhaltung das Normal-Bluff auf den Tisch zu legen, würde das mit dem Super-Bluff nicht mehr funktionieren. Doch sicherlich gibt es genügend Spielerkreise, die das Normal-Bluff ausgelutscht haben und jetzt eine neue Geschmacksnuance hineinbekommen haben. Und wem das nicht schmeckt, der kann die Super-Würfel ja wie Normal-Würfel behandeln und hat so sein gewohntes, in den Bestandteilen Zufall, Bluff und Rechnen gerade richtig gemixtes Spiel-des-Jahres-1993 wieder. [Mein Gott, was für Evergreens gab es früher doch mal unter dem SdJ-Titel!]

Günther legte am ersten Abend mit dem Super-Bluff gleich einen Super-Wurf hin: 5 mal der Stern! Wenn er jede Woche ein- bis zweimal Bluff spielt und dabei 5 mal ohne Würfelverlust mit allen 5 Würfeln würfeln darf, dann muss er durchschnittlich 30 Jahre lang warten, bis er das nächste Mal diesen Super-Wurf hinlegt.

WPG-Wertung: Die Punkte wurden nicht abgefragt, eine Extrapolation der Eindrücke auf die Noten würde wohl ergeben : Aaron: 8, Günther: 8, Walter: 8.

30.05.2018: Nichts Neues, oder doch?

1. “History of the World”

Auch wenn die Erde sich ständig dreht und in ihrem Milchstraßenflügel blitzschnell-langsam durch das All eilt, haben schon vor 3000 Jahren kluge Männer herausgefunden: “Nichts Neues unter der Sonne”. Das gilt besonders, wenn man die Geschichte der Menschheit betrachtet: Mord und Totschlag, Krieg und Eroberungen, Siege und Niederlagen, Führer und Verführte bleiben sich über alle Völker und Zeiten hin gleich. Selbst ein neuer Präsident und eine alte Kanzlerin ändern nichts daran, auch wenn sie ein paar Millimeter an dem geschichtlichen Fleckerlteppich weiterweben.

In „History of the World“ wird die Geschichte der irdischen Eroberungen nachgespielt. Alle paar Jahre kommt eine neue Version heraus, aber naturgemäß spielen wir immer noch mit den alten Affen. Und Moritz ist jedes Mal von neuem begeistert.

Europa mit seinen Mittelmeer-Anrainern sitzt wie üblich wie in dickes, vollgefressenes Kuckucksjunges in der Mitte des Spielbretts. Die restlichen Kontinente (wenn man Europa überhaupt unter diesen Begriff zählen darf) sind höchstenfalls kleine Wachteleier am Rande.

Was ist die intellektuelle Herausforderung dieses Spiels? Von Vorteil ist, wenn man einige Spielerfahrung hat (Moritz hat das Spiel schon hundertfach gespielt), wenn man weiß, wo Völker entstehen, welches Potential sie entfalten können, und wie sich die unterschiedlichen Siegpunktausschüttungen für Anwesenheit, Dominanz und Alleinherrschaft in den verschiedenen Regionen entwickeln.

Strategisch ist es, sich in einige abseitige Regionen auszubreiten, die – hoffentlich – weniger umkämpft werden, wo der Besitzstand sich besser hält, und die in der Summe dann doch reichlich Siegpunkte ausschütten.

Taktisch ist es, seine Punkteausbeute so zu dosieren, dass man möglichst zweimal hintereinander abkassieren kann, z.B.: als Letzt-Ziehender in der einen Runde und dann als Erst-Ziehender in der nächsten Runde. Dabei darf man den Mitspielern aber nicht zu viel Vorsprung geben, den man dann ggf. nicht mehr einholen kann.

Moritz als gewiefter Stratege und Taktiker ließ sich bis in die letzte Runde zurückfallen, weit zurückfallen, und machte dann als Erstziehender einen Riesensatz bis weit vor alle anderen. Aber es reichte nicht. Aaron als Letzt-Ziehender (und vor der letzten Runde Führender) konnte als Japaner seinen Vorsprung ins Ziel retten. Ja wenn Moritz ihn bzw. seinen Besitzstand in seinem Zug konsequent bekämpft und dezimiert hätte, und nicht seinen Hauptgegner in Walter gesehen hätte, hätte es vielleicht noch zum Sieg gereicht. Wenn dann aber Günther gegen Moritz losgezogen wäre und Walters Besitzstand geschont hätte, hätte alles ganz anders kommen können. Selbst in der letzten Runde. Soviel ist in History of the World einfach (nicht) drin.

Ach richtig, gut würfeln muss man natürlich auch. Und zwar ständig.

Walter war als Hitler (oder war es Kaiser Wilhelm?) mit seinen Alemannen und reichlich Besitztum vom Kap bis nach Nanking hoffnungsvoll in die letzte Runde gestartet, als er dann aber endlich mit seinen neuen Eroberungen beginnen konnte, hatten die Franzosen das Rheinland besetzt und die Bolschewiken waren bis weit über die Elbe gezogen. Das treulose Albion lag unerreichbar, genauso wie die übrige Welt zwischen Alaska und Australien. Da drehte er sich um und weinte bitterlich.

WPG-Wertung: Aaron: 7 (zu lang für das, was es ist, sehr glückslastig, zu viel Wartezeit zwischen den Zügen), Günther: 7 (die Wartezeit kann man sich durch interessiertes Zuschauen verkürzen, zudem wird man ja auch zuweilen in einen Verteidigungskrieg verwickelt), Moritz: 10 (diese Spiele sind alle 10 Punkte wert), Walter: 6 (bei der ganzen Kriegerei darf kein Herzblut fließen, dann kann man es aushalten; naturgemäß ist in solchen Eroberungsspielen die Kingmakerei nicht zu verhindern)

 

2. “Krazy Wordz”

Wir ergötzen uns bei der Erfindung von sprachlichen Neuheiten aus dem Zuhälter-Milieu, den Nonnenklöstern und dem Kamasutra. Es macht Spaß, die Begriffe zu bilden und sie zu erraten. Partyspiel.
Moritz kannte zwar nicht die meisten Stellungen, konnte sie aber am eindrucksvollsten benennen. Sieger.

Keine neue WPG-Wertung.

23.05.2018: Platzende Kessel und aggressive Viecher

1. „Die Quacksalber von Quedlinburg“ – Anwärter zum Kennerspiel des Jahres 2018

„Can’t Stop“ aus den Kochtopf. Jeder Spieler zieht Zutaten aus seinem schwarzen Stoffsäckchen, und hört irgendwann mal freiwillig damit auf, oder er muss unfreiwillig damit aufhören, weil er zu viele Knallerbsen herausgezogen hat und sein Topf dadurch geplatzt ist.

War noch alles heil, so bekommt ein Spieler Geld und Siegpunkte, ist der Kessel geplatzt gibt es Geld oder Siegpunkte. Es ist natürlich einleuchtend, dass diese Erträge umso höher sind, je mehr Zutaten wir aus dem Sack gezogen haben. Weiterhin gibt es Gratifikationen für die Anzahl der Zutaten, ihre Art (Farben) und die Reihenfolge, in der wir sie gezogen haben.

  • Grün ist gut, wenn es bei den letzten Zutaten ist.
  • Rot ist gut, wenn vorher Orange gezogen wurde.
  • Gelb ist gut, wenn davor eine Knallerbse gezogen wurde, die darf man dann nämlich entfernen.
  • Blau ist gut, denn dann darf man probehalber ein paar Zutaten aus dem Sack holen und sich die beste davon heraussuchen.

Wie kommen die Zutaten in den Kessel? Eine ausreichende Anzahl Knallerbsen zum Platzen gehören zur Grundausstattung, die weiteren Zutaten muss man sich kaufen. Vom Erlös der Suppe.

Das Spiel ist äußerst taktisch, denn in der ersten Phase muss man auf Teufel komm raus Zutaten ziehen bis dass der Kessel platzt; auf das spärliche Rinnsal von Siegpunkten kann man hier leicht verzichten. In der Schlussphase muss man wiederum auf Teufel komm raus Zutaten ziehen bis dass der Kessel platzt, denn dann braucht man nicht mehr unbedingt neue Zutaten zu kaufen. Nur in der letzten Runde braucht man beides, denn auch der hier erzielte Geldgewinn wird in eine erkleckliche Anzahl von Siegpunkten umgewandelt. Und in der Mittelphase sind die Obertaktiker gefragt, denn da gilt es Siegpunkte und Gelderlös zu optimieren. Oder ist das schon Strategie?

Das Spiel ist selbstverständlich auch äußerst strategisch, denn die insgesamt 6 verschiedenen Nutzfarben erlauben als 2er Kombination allein 30 verschiedene Farbstrategien. Die Gewinnchancen sind absolut unterschiedlich, ob man eine rot-orange oder ob man eine blau-grüne Strategie fährt. Günther hat es aber a priori abgelehnt, hierzu a la „Dominion“ eine optimale Strategie zu berechnen.

Die herausragendsten intellektuellen und sensorischen Fähigkeiten werden allerdings beim Herausholen der Zutaten aus dem Sack benötigt. Hier müssen die Knallerbsen erst am Ende, die orangenen Zutaten aber vor den roten, die gelben genau eine Position nach den Knallerbsen und die grünen an letzter oder vorletzter Position gezogen werden. Offensichtlich hat das der Spielergemeinde so sehr imponiert, dass selbst die Jury von SdJ an einer Nominierung nicht vorbei kam.

Bei uns lag nach der ersten Wertung Aaron vor Moritz, Günther und Walter. Das änderte sich auch 8 Runden lang bis zum Schluss nicht. Nur zwischen dem immer weiter abgeschlagenen Günther und Walter gab es zuweilen eine Rochade. Ist das vielleicht für die Spielbalance symptomatisch?

WPG-Wertung: Aaron 4 (oder 5; „weiß gar nicht, mit wem ich das noch einmal spiele wollte“), Günther 5 (eigentlich 1 Punkt weniger, weil das Spiel auf der Nominierungsliste steht; vielleicht haben wir das Spiel auch nicht verstanden), Moritz: 5 („wenn es wenigstens ein Deckbuilding-Spiel wäre, so ist es noch weniger als ein reines Würfelspiel), Walter 5 (linear, Brimborium mit Kinkerlitzchen, Interaktion in der Größenordnung von Null)

 2. „Moa“ – Edgar oder Martin Wallace hat mal wieder zugeschlagen

Area Control bei den Maori. Die Einheimischen werden durch Vögel, die erobernden Albioner, Bataver und Churasker durch Säugetiere dargestellt. Mit den für 2 Perioden jeweils fest ausgeteilten Karten mit erheblich zufallsabhängigen Effekten bringen wir unsere Vögel aufs Spielfeld, suchen dort in einzelnen Gebieten Majoritäten zu erzielen, besiegen (oder auch nicht) einfallende Säugetiere oder verkaufen ihnen – unseren Mitvögeln unterm Arsch weg – den heiligen Boden unserer Väter.

Pazifist Walter bekam in der ersten Periode unendlich viele Vögelkarten – verglichen mit der Anzahl bei seinen Mitspielern – zum Herumvögeln, konnte auf vier bis fünf Gebieten die Platzhirschmajorität erringen und zog in der Punktwertung mit großem Abstand an die Spitze. Im zweiten Durchgang bekam er unendlich viele Verteidigungskarten und konnte alle seine Gebiete gegen angreifende Säugetiere verteidigen. Der Sieg war ihm nicht mehr zu nehmen. Start-Ziel-Sieg bei dieser Kartenzuteilung ist in Mao gewiss symptomatisch.

WPG-Wertung: Aaron: 5 (fühlte sich von den Karten gespielt), Günther: 5 (warum auch immer), Moritz: 7 (das Spiel hat interessante Facetten [WS: Das war es dann wohl aber auch.]), Walter 6 (dynamisch-chaotisches Vögeln-Chaos geht vor kontemplativ-autistischer Quacksalberei)

Von Vögeln und anderen Tieren

1. „Kingdomino“ – Spiel des Jahres 2017

Auch Aaron durfte einen ersten Einblick in das gelungene „Familienspiel des Jahres 2017 gewinnen.

WPG-Wertung: Aaron: 6 Punkte!

2. „Piepmatz

Es geht offensichtlich um Vögel! Genauso könnte es natürlich auch um Bienen und Schmetterlinge gehen, aber da wir nun mal gut zu vögeln sind, hatten wir mit den Piepmatzen mehr verbalen Spaß.

Zwei Futterstellen gibt es, an denen jeweils ein einziger Platzhirsch direkt am Fressnapf steht; die anderen Vögel stehen in einer variabel langen Warteschlange dahinter. Aus unserem Handset von Piepmatzkarten reihen wir reihum jeweils eine Karte in einer der Warteschlangen ein am Fressnapf ein. Wird dadurch die Warteschlange „stärker“ als der Platzhirsch, d.h. sind die Zahlenwerte auf den Piepmatzkarten in Summe höher als der Zahlenwert des Platzhirschen, so können wir den Platzhirsch in unsere private Auslage nehmen und der nächst-höchste Piepmatz wird Platzhirsch. Wir können damit sogar eine Kettenreaktion auslösen. Zusätzlich bekommen wir dann noch eine wohldefinierte Futterkarte, die u.U. aber auch vergiftet ist, so dass deren Effekt kontraproduktiv sein kann.

Bleibt die Summe in der Warteschlange niedriger, dürfen wir eine (fast) beliebige Piepmatzkarten aus der Hand in unsere private Auslage geben. Am Ende hat der gewonnen, der nach einer gegebenen Formel aus seinen ausliegenden Pärchen, Farben und Futterkarten die meisten Siegpunkte erzielt hat.

Der Auslegemechanismus ist gewöhnungsbedürftig. Zudem lebt von der Hand in den Mund, Die Grafik (Erkennen von Pärchen) lässt zu wünschen übrig. In Bezug auf „Gender“ politisch nicht korrekt, denn für schwule und lesbische Pärchen ist kein Platz vorgesehen, dabei sind – nach Konrad Lorenz – zumindest unter Graugänsen schwule Paare an der Tagesordnung.

WPG-Wertung: Unisono 4 Punkte. Aaron: „Ich habe einfach drauf los gespielt“. Günther: „Es wäre schön, wenn es lustig wäre“. Walter: „Man wird gespielt“. Wenn wir mit Vögeln mehr Spaß gehabt hätten, hätte jede vielleicht noch einen Punkt zugelegt.

3. „Misch Masch

Aaron hatte das Spiel geschenkt bekommen und an Walter weitergeschenkt. Der hat es nach dem Studium der Spielregeln und eingedenk seiner größer werdenden Enkel angenommen.

Einem geschenkten Barsch schaut man nicht hinter die Kiemen. Reinrassiges Mau-Mau mit Tierkarten. Aber Ideen sind nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch bekanntlich nicht geschützt.

Die Grafik ist funktionell sehr gelungen, Kinder werden ihre Freude daran haben. Wir hatten sie auch, zumindest in der Vorwegnahme eines Spiels mit Enkeln.

WPG-Wertung: Unisono 6 Punkte. Zuerst hatte jeder nur 5 Punkte vergeben, aber als Günther auf 6 erhöhte („gelungenes Kinderspiel“) zogen Aaron und Walter nach.

4. “Silk Roads

Silk Roads ist eine Neuentwicklung von Aaron, die dieses Jahr im Rahmen des „Ancient World Multi Game Systems“ bei Playford erscheinen wird.

Neueste Modifikation: Das Spielbrett wurde auf 8 x 8 vergrößert, wir fangen jetzt in einer Ecke, nicht mehr in der Mitte an, und Spielsteine zählen nur dann, wenn wenigsten 4 Stück nebeneinander liegen.

Die Mechanismen sind befriedigend (bzw. sehr gut) ausgereift. Ein gelungenes Mehrpersonenspiel für edle Strategen. So viele gibt es davon nicht auf dem Markt.

02.05.2017 Domino für Könige

„Kingdomino“ – Spiel des Jahres 2017

Anstelle von Zahlen gibt es auf den „Dominosteinen“ Farben. Es werden keine Wege gelegt, sondern Flächen: ein 5 x 5 Quadrat muss (sollte nach Möglichkeit) voll ausgelegt werden. Beim Anlegen eines neuen Steines müssen mindestens zwei aneinander stoßende Farben passen. Nach 12 Zügen ist das Quadrat voll und es wird abgerechnet. Ein gefülltes 5 x 5 Quadrat bringt 5 Siegpunkte, wenn das Startfeld genau in der Mitte liegt, gibt das nochmal 10 Siegpunkte. Der große Reibach wird aber über Kronen gemacht: das sind Symbole, die auf einzelnen Feldern einzelner Dominosteine aufgedruckt sind. Pro zusammenhängender Farbfläche werden die Kronen zusammengezählt und mit der Anzahl Dominosteine der jeweiligen Fläche multipliziert, das ergibt das Gros der Siegpunkte.

Bemerkenswert der Dominostein-Auswahlmechanismus. Jeweils drei Dominosteine liegen in einer vom Autor bestimmten Rangfolge offen auf dem Tisch. Wer den „schlechtesten“ Stein auswählt, darf in der nächsten Runde als Erster auswählen.

Freiheitsgrade?

  1. Auswahl des gewünschten Steines im Seelenkampf um die eigene Positionierung in der Prioritätsreihenfolge.
  2. Konstruktive Platzierung des jeweils nächsten Steines innerhalb des 5 x 5 Quadrates.

Also gerade ausreichend viel Freiheit.

WPG-Wertung: Günther: 6 (bin mit dem Spiel aber nicht warm geworden, habe es mir deshalb auch nicht zugelegt), Moritz: 7 (hübsches Familienspiel, selbst die 5-jährige Siri kann schon mitmachen), Walter: 7 (schnell, locker, konstruktiv, sogar interaktiv, in jedem Fall ein Spiel für die heranwachsenden Enkelkinder)

„Terraforming Mars“ – mit der Venus-Erweiterung

Moritz versuchte sich im Aktionismus: 50 % blaue Aktionskarten. Sah auch lange sehr beängstigend nach Sieger aus, wurde aber von Günther abgefangen, vor allem durch dessen glücklich-gekonnten Städtebau und Städte-Bauen-Lassen auf dem Mars.

07.03.2018: Durchs Loch rutschen

“Erfolg oder Mißerfolg hängt davon ab, ob man mit den ausgeteilten Karten so gut spielt, wie es nur geht. Zahlreichen Menschen geht im Leben so manches daneben, weil sie eine Karte spielen wollen, die sie nicht haben, nach ihrer Meinung aber hätten erhalten sollen.“
Unbekannt

1. “The Mind”

Zum Warming-Up zog Aaron ein kleines Kartenspiel aus der Tasche. Jeder bekam eine Karte mit einer Zahl zwischen 1 und 100 auf die Hand. Jetzt sollte jeder in beliebiger Reihenfolge seine Karte spielen, aber am Ende sollten alle Karten der Größe nach gespielt worden sein. Wenn das klappte, hatten wir alle gewonnen. Wenn es nicht klappte, hatten wir alle gemeinsam verloren. Ein kooperatives Spiel also. Dabei durfte aber keiner die Karten von einem Mitspieler sehen und keiner durfte durfte mit keinem reden! Kein Sterbenswörtchen!

Wie soll das funktionieren? Erste Näherung – aber vielleicht verrate ich damit schon zuviel von der Lösung – nach Gefühl. Wer eine niedrige Karte hatte, sollte sie halt relativ schnell spielen, wer eine Karte um die 50 herum hatte, sollte ein bisschen warten, und wer eine ganz hohe Karte sollte mit eisernen Nerven bis zum Schluss warten.

Moritz war schnell bei der Sache und spielt seine Neun. Da hatten wir schon verloren, denn Walter war mit seiner Sechs zu langsam gewesen. – Aber wir hatten glücklicherweise nur ein einziges Leben verloren. Vier Leben wurden uns zugestanden. Und für gutes Spiel bekommen wir ab und zu mal ein Leben dazu. Aber mit den vier oder mehr Leben müssen wir nicht nur die jeweils eine Karte in den Spielerhänden in der richtigen Reihenfolge spielen, sondern mehrere Runden und zwar mit jeweils steigender Kartenanzahl. Acht mal das Ganze! In der letzten Runde galt es also unter uns vier Spielern, vier mal acht, insgesamt 32 Karten, ohne jegliche verbale, mimische oder sonstwelche äußere Koordination einzeln in der richtigen Reihenfolge auf den Tisch zu legen.

Drei Karten lagen auf dem Tisch: 9, 15 und 17 (uff, gerade noch mal gut gegangen), da legte Aaron die 66 – und schon hatten wir wieder ein Leben verloren; entweder war Walter mit seiner 29 zu langsam oder Aaron mit seiner 66 zu schnell gewesen. Die beiden Kampfhähne konnten das nicht einvernehmlich entscheiden. Natürlich flogen wieder ein paar verbale Fetzen, und Aaron ließ es sich nicht nehmen, süffisant zu konstatieren: „Du hast das Spiel nicht verstanden.“ Nein, das hatte er nicht. Aaron wusste mehr, aber er war nicht bereit, mit der Lösung herauszurücken. Hallo liebe Leser, wisst Ihr jetzt schon, wie das Spiel funktionieren soll?

Wir müssen alle still vor uns hin im Sekundenrhythmus zählen! Und wer dabei gerade bei einer Zahl anlangt, die er auf einer seiner Karten hat, dann muss er diese Karte ausspielen. Dabei aber das Weiterzählen nicht vergessen. Wenn alle das gleichen Zeit-Takt-Gefühl haben, werden alle Zahlenkarten in der richtigen Reihenfolge gespielt. Leichte Unschärfen können durch die mehreren Leben und eine finale Lösungshilfe ausgeglichen werden.

Walter war erbost, dass Aaron schon wieder (siehe „Safehouse“ vom 21.Februar) die Lösung eines kooperativen Spiels kannte, sie seinen Mitstreitern aber vorenthielt. Er klinkte sich aus, auch nachdem Aaron die Sekundenzählerei propagiert hatte. Drei Spieler mühten sich noch einmal um den Sieg. Ich weiß nicht mehr, wieviele Runden sie geschafft haben, meinem Gefühl nach waren es höchstens vier. Danach wurde das Spiel abgebrochen oder verloren. – Obwohl sie so langsam das Motto des Spiels verinnerlicht hatten: „Lasst uns eins werden …“

Ein Party-Spielchen! Am Westpark! Unter lauter Männern! Von denen einer sogar nicht einmal gewinnen will! Das Warming-Up war restlos geglückt.

WPG-Wertung: Aaron: 6 (eigentlich kein Spiel), Horst: keine Wertung, Moritz: kein Spiel, nur eine Party-Übung, Walter: kein Spiel.

2. “T.I.M.E Stories”

Noch ein Kooperationspiel, diesmal von Moritz auf den Tisch gelegt. Aaron war schon im Vorfeld davon begeistert und freute sich über die Qualen, die Walter dabei gleich auszustehen habe. Dieser gedachte an den Gleichmut, mit dem Sokrates den Schierlingsbecher getrunken hatte und gab während der gesamten folgenden zwei Stunden keinen Muckser des Unmutes von sich. Wir waren ja offiziell im Irrenhaus!

Am Ende des Spielabends nahm Moritz sein Spiel gleich wieder mit nach Hause, so dass ich jetzt nur aus der Erinnerung ein paar Worte darüber verlieren kann. Da ich dieses Spiel aber nicht lieben lernte, sollten alle, die dieses Spiel bereits jetzt schon mögen oder die Absicht haben, es demnächst zu mögen, über meine folgenden Zeilen lieber hinweglesen.

In „Time Stories“ sucht sich jeder Spieler einen Kampftypen nach optischem Gefallen oder nach dessen besonderen Fähigkeiten im Zuschlagen, Schläge aushalten oder Schläge verzaubern aus. Gemeinsam müssen wir uns dann durch eine Reihe von Kartensets von je 3 bis 6 Karten hindurcharbeiten.

Jedes Kartenset wird offen ausgebreitet. Die Vorderseite der Karten zeigt irgendwelche Raumausstattungen mit und ohne Personen darauf. Meist Irre mit oder ohne Pflegepersonal! Wir können bzw. müssen unsere Kampftypen nach Gutdünken darauf verteilen, jeder auf eine eigene Karten oder mehrere auf eine. Wie wir das machen und warum wir das gerade so machen sollen, dafür gibt es a priori keinerlei Hinweis, es ist aber entscheidend für den Erfolg.

Alle Karten, auf denen mindestens ein Kampftyp steht, werden umgedreht; eine Text-Seite kommt zum Vorschein und der Mitspieler darf allen den Text vorlesen. (Ursprünglich hatten wir sogar gedacht, der jeweilige Spieler müsse den Text heimlich lesen und dürfe den anderen nur so vage erzählen, was er davon verstanden hat. Aber hier hatte uns die gerade überstandene Begegnung mit „The Mind“ irre geführt.) Der Text ist zu 90 Prozent Flavour-Text, Walter hätte ihn am liebsten übergangen, aber Moritz pochte aufs Vorlesen und kam besonders in Stimmung, wenn wir alle mal wieder „durch ein enges Loch rutschen“ durften. Entscheidend waren aber nur jeweils die letzten beiden Zeilen in der Form von:

  • ”Du bekommst das Objekt xy.”

oder

  • Du musst gegen ein Arschloch kämpfen, d.h. würfeln. Entweder würfelst Du es sofort tot bzw. unschädlich oder es kostet Dich Zeit oder Leben oder beides.

Die Objekte brauchen wir, um in einem der nächsten Sets bestimmte Karten auswählen zu dürfen, oder sie helfen uns, die Arschlöcher zu bekämpfen. Moritz fand z.B. als Objekt eine Pistole mit zwei Kugeln, und piff-paff hatte er das nächste Arschloch, das ihm begegnete, gleich um zwei Leben kürzer gemacht.

Das Ganze ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Jedes Bearbeiten des nächsten Kartensets kostet 1 bis 3 Zeiteinheiten (wird ausgewürfelt). Jedes Verweilen auf einem Kartenset kostet eine Zeiteinheit. Und wenn Horst, der sich beim Startup in einen fußkranken Kampftypen verwandelt hatte, alleine auf einer Karte stand, kostete das ebenfalls eine Zeiteinheit. Haben wir in Summe 25 Zeiteinheiten verbraucht, sind wir alle tot.

Wir haben aber noch nicht verloren. Wir bekommen zwei weitere Leben, in den wir die Kartensets von Neuem auswählen und beackern dürfen. Von total Neuem! Es wird uns nichts geschenkt, alle Objekte müssen abgeliefert und an der alten Stelle neu gesucht und gefunden werden. (Moritz hätte z.B. seine Pistole mit allen restlichen Kugeln wieder hergeben müssen.) Wir hätten allein von dem Vorteil leben müssen, dass wir jetzt schon wissen, welche Arschlöcher in welchen Kartensets auf uns warten.

Walter hatte sich immer noch seinen Schierlings-Gleichmut bewahrt, dem heutigen Seltenheitsgast Horst aber war die Kinnlade aber schon ganz schön nach unten geklappt. Aaron und Moritz hatten ein Einsehen. Wir verzichteten weise auf einen weiteren Teil der Reise.

WPG-Wertung: Aaron: 7 (es hat mir gefallen, eine kooperative Herausforderung), Horst: 3 (wenn das Spiel in einem Durchgang zu beenden wäre, hätte ich 7 Punkte vergeben, ich habe nichts gegen kooperative Spiele, „Time Stories“ ist von der Story her auch ganz interessant, stimmungsvoll, absolut spannend; es hätte aber einen besseren Lösungsweg geben müssen, als mehrmals ohne jegliche Vorteile (z.B. ersammelte Objekte) nur mit dem gemerkten Wissen um die bearbeiteten Kartensets jeweils wieder die gleichen Sets durchzuarbeiten), Moritz: 9 (ein super Spiel), Walter: 3 (nicht mein Fall, er mag es nicht, die Irrwege nachzuvollziehen, die sich ein Autorengehirn ausgedacht hat).

3. “Feuville”

Ein Famlien-Kinder-Würfelspiel. Wir erwürfeln uns Stadmauern, Wolkenkuckucksheime, Fahnen, Vögel und Wolken. Wir erwürfeln uns und allen Mitspielern Feuerkatastrophen, und zauberwürfeln den Schaden wieder heil. Wir erwürfeln uns Wertungsplättchen, die unser aktuelles Besitztum an immobilen Werk und mobilen Beiwerk in Siegpunkte ummünzen, und wenn wir genug gewürfelt haben, dann gehen wir wieder heim. – Moritz nahm längst nicht die vorletzte U-Bahn nach Hause.

WPG-Wertung: Aaron: 6, Horst: 7 (ganz sympathisch für ein Familienspiel), Moritz: 6 (eine Spur zu verzwickt für ein Familienspiel; die erwürfelbaren Rollen sind nicht ganz gelungen [ausbalanziert]), Walter: 5 (ist halt nur ein Würfelspiel).

Aaron hatte das Spiel mitgebracht, Horst bekam es geschenkt. Er nahm es auch sogleich mit nach Hause. Schon das zweite Spiel, über das ich jetzt ohne jegliches Material ein paar Sätze hinschreibe.

4. “AZUL”

Nein, das haben wir nicht gespielt. Wir wollten es spielen, konnten es aber nicht, denn Günther – und sein Spiel – war heute leider nicht dabei, und Aaron sowie Walter warten immer noch auf ihr Exemplar. Nur zur Information, was bei Buchungen im Internet offensichtlich gang und gäbe ist:

Happyshops schrieb am Freitag, den 12. Januar 2018 um 20:18 Uhr:
Am 12.01.2018 um 20:17 Uhr erhielten wir von Ihnen die folgende Bestellung:
1 x Azul (EP 38,99 EUR) = GP 38,99 EUR (wahrsch. lieferbar in 7-14 Tagen)“

Bis heute kein weiteres Lebenszeichen von Happyshops oder AZUL.

5. “Texal Showdown”

Horst war schon halb im Mantel, nahme aber noch an einer Runde dieses hübschen tricky Stichkartenspiels teil.

WPG-Wertung: Horst siedelte sich mit 7 Punkten am oberen Ende der WPG-Noten an (“witzig, möchte ich noch einmal spiele“).

28.02.2018: Kalimera – Kali – was?

„Wahrscheinlich werden wir eines Tages einen Präsidenten haben, dem es im höchsten Maße an staatsmännischen Qualitäten mangelt, einen, der egoistisch, impulsiv und von beschränkter Urteilskraft ist, der sich lediglich ins Rampenlicht drängt und bereit ist, den Wohlstand, ja die Freiheit seines Landes für den kurzzeitigen Applaus der Volksmenge zu verschachern.

Statt einer mächtigen Nation, groß an physischer Stärke und größer noch an moralischen Qualitäten, werden wir ein sich brüstendes, ein vereinnahmendes, ein schrilles, ein sich einmischendes Vaterland vorfinden.
(Samuel Walker McCall (von 1916 bis 1919 Gouverneur von Massachusetts, zitiert in der Autobiographie von Mark Twain)

Wieviel politische Voraussicht braucht man für eine solche Prophezeihung? Oder ist das nicht eine Trivialität innerhalb (je)der demokratischen Entwicklung?

1. “Calimala”

Aktions-Engine, Städte und Prachtbauten in „Calimala“

Calimali, nicht zu verwechseln mit dem griechischen „καλή μαλή“ (gutes Kleines) oder dem Roman „Via mala“ von John Knittel, hieß ab dem ausgehenden Mittelalter die Tuchhändler-Zunft in Florenz. In „Calimali“ sind wir also Tuchhändler, besorgen uns die Tuche, liefern sie per Karren oder Schiff in sechs vorgegebene europäische Städte, verkaufen sie dort und spendieren den Gewinn in Form von Rohmaterial (Holz, Eisen und Marmor) oder als Kunstwerke zur Fertigstellung von vier florentinischen Prachtbauten.

Im Laufe des Spiels kommt es zu 15 verschiedenen Wertungen, die in variabler Reihenfolge und abhängig vom Spielfortschritt ausgelöst werden. Dabei wird mit jeweils drei (zwei bzw. einem) Siegpunkten bedacht, wer aktuell

  • am meisten (zweitmeisten bzw. drittmeisten) Tuche in die gerade zu wertende Stadt geliefert hat.
  • insgesamt die meisten () Tuche per Schiff bzw. per Karren verfrachtet hat
  • die meisten () Teile des gerade zu wertenden Rohstoffes zu den Prachtbauten geliefert hat.
  • die meisten () Kunstwerke gespendet hat
  • die in Summe meisten () Materialien zum gerade zu wertenden Prachtbau gespendet hat.

Am Ende gibt es noch einmal fünf, drei oder einen Siegpunkt für die meisten Ablieferungen zu ausgewählten Prachtbauten und / oder Städten.

Welche Wertung jeweils als nächste drankommt, ist allen Spielern sichtbar. Im ganzen Spiel geht also darum, seine ganze Zugpotenz dafür einzusetzen, in der nächsten (allenfalls in der übernächsten) Wertung im entscheidenden Kriterium die Mehrheit zu besitzen.

Dabei ist für die jeweilige Zugauswahl eines Spielers eine hübsche „Aktions-Engine“ erfunden worden: Die möglichen Aktionen (Rohstoffe bzw. Tuche erwerben, Handelshäuser oder Schiffe bauen, Tuche liefern, Materialen spenden) sind an den 9 Schnittpunkten einer 3 mal 3 Matrix untergebracht. Der aktive Spieler legt einen Aktionsstein (insgesamt hat er 12 davon) auf die Linie zwischen zwei Aktionen und darf sie dann beide in beliebiger Reihenfolge ausführen. Alle Steine bleiben zunächst an Ort und Stelle liegen. Wenn ein Spieler (derselbe oder ein anderer) später die gleichen beiden Aktionen ausführen will, so legt er seinen Aktionsstein ÜBER den bereits dort liegenden Stein, und bewirkt damit, dass er UND EBENFALLS der Besitzer des Steins darunter die beiden Aktionen noch einmal ausführen darf. Liegen bereits zwei Steine an Ort und Stelle, so dürfen für beide Steine die definierten Aktionen noch einmal ausgeführt werden. Fazit für gutes Spiel: Die wichtigsten Aktionskombinationen als Erster besetzen, so dass die Mitspieler uns zu kostenlosen Zweit- und Dritt-Aktionen verhelfen.

Erst wenn bereits drei Steine auf einer Aktions-Kombination liegen und der vierte Stein daraufgelegt wird, wird der unterste Stein entfernt und nur die beiden darüberliegenden Steine bekommen den Aktions-Bonus. Der entfernte Stein löst seinerseits die nächste der in Reih und Glied ausliegenden Wertungen aus.

Da die Spieler oft genug nicht gerade die richtigen Ressourcen haben, um bestimmte Aktionen einfach und ggf. sogar mehrfach ausführen zu können, z.B. wenn ihnen über die Züge ihrer Mitspieler gestattet wird, weitere Schiffe zu bauen oder Tuche zu liefern, und sie haben kein Holz für den Schiffbau oder keine Tuche zum Liefern, dann dürfen sie von einem verdeckten Stapel zufällige„Aktionskarten“ ziehen, quasi Aktionen im Wartezustand, die sie bei jeder passenden Gelegenheit anwenden dürfen. Mit den sporadischen Engpässen an Ressourcen ist also kein Frust verbunden, und den potentiell bösen Mitspielern wird somit auch keine Miesnickeligkeit geboten, einen solchen Frust auszulösen. Gut so! Das machst das Spiel auch schneller, als wenn wir bei jedem unserer Züge auch noch analysieren müssten, welchen Mitspieler wir jetzt am meisten ärgern können, weil er seine Bonus-Aktionen nicht ausführen kann. Das Spiel in unserer 3er Runde hat auch so schon zwei Stunden gedauert. Ein bisschen weniger hätte der Spielfreude keinen Abbruch getan.

WPG-Wertung: Aaron: 6 (wegen des fehlenden Themas eigentlich nur 5; von den Regeln her überschaubar und schnell gespielt; alles dreht sich um die Micro-Optimierungen, deren Konsequenzen in ihrer Gesamtkeit nicht vorhersehbar sind), Günther: 7 (für unsere 3er Runde; einfache Regeln; er fand sich thematisch absolut als Florentiner Tuchhändler wieder), Walter: 6 (der gesamte Spielreiz liegt in der Micro-Optimierung, das ist vielleicht ein bisschen wenig, zumindest trifft das nicht meine Spiel-Leidenschaft).

2. “Wooden Heart”

Als zweites legte uns Aaron einen Prototypen vor, den er auf dem Münchener Autoren Treffen kennengelernt hatte. Der Spielname, selbst der Arbeitsname und der Spielmechanismus sind noch streng geheim. Nur wir durften jetzt unter die Decke schauen.

Die Regeln sind blitzschnell erklärt und verstanden, der Weg zu erfolgreichem Spielen – und es gibt bestimmt einen (!) – bleibt aber noch eine ungelöste Herausforderung. Freude dominiert, Neid muss ggf. gemeistert werden, Zufall ist gegeben, Kingmakerei nicht ausgeschlossen. Aber alles ist in einer sehr gefälligen Dosis, der Ansatz zu einem großen Wurf für ein kleines Spiel. Nur das Ende muss noch etwas runder gestaltet werden.

Alle waren von dem Spiel angetan.

Noch keine WPG-Wertung für ein Spiel in der Entstehungsphase.

3. “AZUL”

Noch nie wurde in diesem schnellen, gefälligen Absackerspiel so lange nachgedacht wie heute. Sogar gestänkert wurde, um dem Standardsieger ans Zeug zu flicken. Mit Erfolg. Der „Als-Erster-aus-der-Mitte-Nehmer“ gewann NICHT! Welch ein Segen für AZUL, dass es durch eine so einfache Strategie nicht gleich aus den Angeln gehoben werden kann. Es gewann Aaron, als ständiger Zweiter hinter dem „Als-Erster-aus-der-Mitte-Nehmer“. Diese Rolle kann man zwar nicht an sich reißen, aber nutzen.

WPG-Wertung: Keine neue Wertung für ein 7,5 Punkte Spiel.

21.02.2018: Safehouse

1. “Safehouse”

Hektische Planung im „Safehouse“

Walter hatte das Spiel von Steffi, der charmanten Tochter einer Bridgepartnerin zur Begutachtung am Westpark geliehen bekommen. Schon beim Lesen der Spielregeln kamen ihm die Zweifel, ob er dieses Spiel seinen WPG-Genossen überhaupt vorsetzen könne. Er fühlte per eMail vorsichtig vor („ziemlich ödes – kooperatives Karten-Auslege- / Anlegespiel“). Aaron erlöste ihn aus der Verlegenheit, einer jungen Dame einen Korb geben zu müssen: Er hatte das Spiel vor einem Jahr in Brixen als Prototypen kennengelernt und war „daran interessiert, was daraus geworden ist“.

Das eigentlich reine Kartenspiel ist in eine spannende Flucht-vor-dem-Mörder-Geschichte eingepackt, und es wird ein bemerkenswertes, aufwändig konstruiertes, mehrfach aufklappbares Spielbrett dazu geliefert, auf dem unser Fluchtweg eingezeichnet ist, sowie die Plätze für die verschiedenen Karten-Zieh- und Ablagestapel vorgegeben sind.

Aus einem Handset von jeweils acht Karten spielen wir reihum in beliebiger Reihenfolge und Quantität zwei Arten von Karten aus. Die „Bewegungskarten“ erlauben uns, mit dem einen, gemeinsamen Pöppel eine bestimmte Anzahl von Feldern vorwärts zu ziehen. Wir dürfen allerdings erst vorwärts ziehen, wenn wir die Bewegungskarte erfüllt haben. Dazu müssen wir ihr eine jeweils vorgebene Anzahl von „Erfüllungskarten“, zwei bis sechs Stück, in einer vorgegebenen Farbzusammensetzung beilegen. Mit aufsteigenden Zahlenwerten zwischen 1 und 15. Jeder darf bei jedem Mitspieler an die bereits ausliegenden Bewegungskarten anlegen. (Bei uns hatte jeder Spieler die von ihm ausgespielten Bewegungskarten vor sich selber liegen. Eigentlich hätten wir sie alle der besseren Übersicht wegen auch in die Mitte legen können.)

Warum ziehen wir eigentlich vorwärts? Wir wollen / müssen mit unserem Pöppel eine bestimmte Anzahl von Feldern zurückgelegt haben, bevor der uns Mörder einholt und abmurkst. Der Mörder bewegt sich auf dem gleichen Fluchweg hinter uns her. Er geht vorwärts, wenn wir beim Nachziehen von Erfüllungskarten auf dort in zufälligem Abstand hineingelegte „Mörderkarten“ stoßen. Die Mörder-Schrittweite liegt in der Regel zwischen 1 und 3, kann aber bei einer unglücklichen (bzw. blödsinnigen) Auslage von Bewegungskarten 5 und mehr Felder betragen. Mit solchen Riesenschritten hätte der Mörder in Windeseile den Start-Abstand Felder zwischen sich und unserem Pöppel bewältigt und das Spiel ist aus. Alle haben verloren. Wenn wir beim Anlegen unserer Erfüllungskarten in arithmetische oder farbliche Schwierigkeiten geraten und zu langsam spielen, holt uns der Mörder ebenfalls ein, er darf nämlich alle 2 Minuten ein Feld vorwärts ziehen. Für die Zeitmessung ist eigens eine Sanduhr mitgeliefert; aber selbstverständlich haben wir es uns nicht nehmen lassen, die zugehörige Mördermusik aus dem Internet herunterzuladen und uns die 2-Minuten Zeitabstände per Hornsignal zuliefern zu lassen.

Zweimal versuchten wir, das „Safehouse“ zu erreichen. Beides Male ist es uns nicht geglückt. Warum?

Natürlich muss man die Tücken dieses Spieles einmal kennengelernt haben, um bestimmte Fehler zu vermeiden.

  1. Man sollte keine Bewegungskarte erfüllen, wo unser Pöppel auf einem Feld landet, das auch dem Mörder erlaubt einen Schritt vorwärts zu gehen. (Trivial! Aber beim ersten Versuch haben wir hier zweimal nicht aufgepasst.)
  2. Da der Mörder, egal, welchen Vorsprung unser Pöppel erzielt hat, viermal – bei jedem Kapitelende – wieder auf einen festen, von Kapitel zu Kapitel sogar abnehmenden Abstand zu uns wieder neu aufgesetzt wird, sollten wir nicht mit allzu überflüssigem Vorsprung das Kapitelende angehen. Dann lieber eine fast-erfüllte Bewegungskarte aufheben und damit beim Kapitelwechsel sofort unseren Abstand auf eine sicherere Größe erhöhen. Da muss man aber erst einmal draufkommen: Ei des Kolumbus. Aaron kam drauf, er verriet uns diese zündende Idee allerdings erst, als wir – partiell emotionslos – zweimal verloren hatten.
  3. Es gibt bestimmte Mörderkarten, nach denen der Mörder soviele Felder vorwärts – oder sogar noch ein Feld mehr – gehen darf, wie wir unerfüllte Bewegungskarten vor uns liegen haben. Vier Mitspieler, jeder wollte mindestens eine Karte vor sich liegen haben, da konnte der Verfolger beim Aufdecken dieser Mörderkarten gleich 5 Felder vorwärts gehen. Wenn man das begriffen hat – das ist ja nicht schwer – dann koordiniert man das Auslegen von Bewegungskarten, d.h. man fragt seine Mitspieler, ob man noch eine weitere solcher Karten legen soll. – Aber wann fragt man schon am Westpark sich gegenseitig, wie man spielen soll?!

Die Planungen nach Punkt 2 und 3 erfordern natürlich eine gewisse Abstimmungszeit. Eigentlich müsste man in Ruhe jede einzelne Bewegungskarte, ihre Erfüllungschancen, die aktuell verfügbaren Erfüllungskarten, den Abstand bis zum Kapitelende und den Abstand des Mörders von unserem Pöppel gegeneinander abwägen. Dagegen spricht aber die Uhr, der 2-Minutentakt, nach dem der Mörder automatisch vorwärts geht. Wer entsprechend veranlagt ist, genießt diese hektische Koordinationsplanung. Wir in Summe nicht.

Zu der knappen Zeit kam bei uns noch hinzu, dass Walter nicht die empfohlene Einführungsversion spielen wollte, sondern gleich den „Big Thrill“. Ihm war bereits nach dem Regelstudium klar geworden, dass er das Spiel nur ein einziges Mal am Westpark spielen würde. Da wollte er der charmanten Steffi doch schon ein etwas fundierteres Urteil über die Elemente und das Spielgefühl von „Safehouse“ mitgeben können.

In der „Big Thrill“ Variante haben die Spieler nicht nur die Aufgabe, das „Safehouse“ zu erreichen, sie müssen mit ausgespielten Erfüllungskarten auch noch 20 von 25 Chips verschiedener Typen jeweils genau eine ungerade Zahl oft umdrehen, bis von jedem Typ nur noch ein einziger nicht-umgedrehter (oder eine gerade Anzahl oft umgedrehter) Chip übrig ist. Die unterschiedlichen Chips sind sehr schwer zu erkennen, genauso die Angabe der Chips (1 bis 3 Stück), die pro Erfüllungskarte umgedreht werden müssen. Allein das Suchen und Finden der einzelnen Chip-Positionen hat uns mehr Zeit gekostet, als wir uns für eine zielführende Planung gönnen wollten.

Es kam ein aggressive Stimmung auf. Aaron hätte Walter fast die Augen ausgekratzt, als dieser eine rote 9 als die vorletzte Erfüllungskarte gelegt hat. Walter fühlte sich zu Unrecht angegriffen, denn wenn es noch 5 höhere rote Erfüllungskarten gibt als seine 9, und durchschnittlich jeden Moment ein Drittel aller Erfüllungskarten in den Händen der Spieler sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass mindestens ein Mitspieler eine der höheren Karten hat, doch deutlich über 60 Prozent.

Nach dem Spiel gab es einen weiteren aggressiven Disput zwischen Aaron und Walter, ob das Spiel jetzt trivial ist oder nicht. Aaron plädierte vehement für die Nicht-Trivialität, schließlich hätten wir zweimal verloren. Walter plädierte ebenso vehement für die Trivialität, schließlich geht es bei den einfachen Anlegeregeln nur um die Beherrschung des Zahlenraums von 1 bis 15. Erste Klasse Grundschule. Und schlussendlich ist auch Lotto unbestritten ein triviales Spiel, obwohl er noch nie dabei einen Sechser erzielt hat.

Um Walters Triviatäten-Aussage zu stürzen (mit „r“), berief sich Aaron auch noch auf Walters angeblich schlechte Benotung von „Hanabi“. Ein Blick in unsere Rangfolgetabelle konnte diese Aussage aber umgehend als verleumderische Unterstellung abschmettern.

Günther und Moritz hörten sich stillschweigend aber überrascht bis entsetzt diesen Disput an, bis Moritz dazu drängte, das nächste Spiel aufzulegen.

WPG-Wertung: Aaron: 4 (der Wiederspielwert ist gering; das Chips-Handling fummelig), Günther: 4 (das Spiel ist nix für mich), Moritz: 4 (spieltechnisch langweilig, die Musik dazu macht mich krank; lieber lege ich eine Patience), Walter: 3 (Kooperativ!! Zeitlimit!! Fieslig!! Trivial!!).

Am Tag nach dem Spielabend fand Günther im Internet eine enthusiastische Kritik zu „Safehouse“ und fragte sich und uns, ob wir wirklich dasselbe Spiel gespielt haben. Dazu kam dann von Aaron folgende Antwort:

Haben wir, und wenn ihr mich vorher um meine Meinung (allerdings zum Prototyp) gefragt hättet, hätte ich ähnlich reagiert. Im Westpark funktionieren mit ganz wenigen Ausnahmen aber keine kooperativen Spiele. Das wurde gestern durch Kommentare wie “Ich habe nicht gespielt um zu gewinnen” und “Die Spielzüge sind läppisch, da brauchen wir uns nicht abstimmen.” Wohl sehr deutlich. Zweimal gespielt und zweimal verloren war die Konsequenz.

Eine grundsätzliche Aussage zu kooperativen Spielen im Allgemeinen und Safehouse im Besonderen:

Kooperative Spiele sind, sollen sie gut sein, immer so angelegt, dass nur optimale Züge zum Sieg führen, Durchschnittszüge MÜSSEN zum Verlust führen sonst funktioniert das Spiel nicht, weil zu einfach oder zu schwer. Mit Statistik statt Absprache kommt man nicht weit (“Mit 70% Wahrscheinlichkeit hat jemand anderes noch eine passende Karte”), denn damit spielt man durchschnittlich und gewinnt oder verliert immer.

Safehouse ist da besonders knifflig, weil es zum Sieg notwendig ist, mit einem Minimum an Karten zu spielen. Das gelingt nur, wenn

  1. Die Spieler sich bei der Auslage von Kapitelkarten abstimmen. Karten mit hohen Anforderungen haben ein besseres Karten zu Schritte Verhältnis als solche mit niedrigen (Günther hatte das gestern als einziger bemerkt), sind also besser. Allerdings muss man sich hier vor dem Ausspielen absprechen, damit nicht zu viele davon offen liegen, denn sie brauchen ja länger, um erfüllt zu werden.
  2. Das Spielen von Karten auf den Kapitelstapel(?) braucht gutes Timing. Hier frühzeitig Karten zu spielen führt nur dazu, dass unnötigerweise wieder neue Karten (und damit potenzielle Täterkarten) ins Spiel kommen. Eigentlich bietet sich das nur für Notfälle an (auch hier biete sich eine Absprache an, wer denn gerade die notwendige Anzahl Karten auf der Hand vorhält, das können auch mehrere Spieler sein).
  3. Karten frühzeitig auf den Sonderstapel für die 2. Schwierigkeitsstufe zu legen, ist kontraproduktiv. Diese Karten sind aus dem Spiel und reduzieren damit die Anzahl der “guten” Karten im Nachziehstapel. Besser ist es, die auf der Hand zu halten und sich laufend darüber abzusprechen, wer welche Plättchen im letzten oder vorletzten Kapitel damit umdrehen wird.

Was haben wir gestern falsch gemacht:

  1. keinerlei Absprache
  2. gleich die 2. Schwierigkeitsstufe gewählt, obwohl wir noch nicht einmal die Mechanismen der 1. verstanden hatten
  3. unnötig viele Karten rausgehauen und damit nach dem Neumischen das Verhältnis guter zu schlechten Karten verschlechtert (Konsequenz von 2.)

Zeit hatten wir in beiden Spielen genug, d.h. wir hätten uns durchaus abstimmen können.

Ist alles meine Meinung und meine Interpretation von vielleicht 6 Spielen, die ich insgesamt gespielt habe. In anderen Runden funktioniert’s jedenfalls und macht auch Spaß.

Diese Positionierung kommentierte Günther mit folgender Stellungnahme:

Für kooperative Spiele der Art „optimale Lösung/Weg etc“ (wie bei Safehouse) gelten deine Aussagen auf jeden Fall! (Es gibt aber natürlich auch andere koop. Spiele).

Was aber nicht sein muss, ist die Hektik (insbesondere dann nicht, wenn die Zeit sowieso ausreicht). … Also Zeitbegrenzung weglassen!

Die unlesbaren Scheiben (2. Stufe) weglassen oder anders lösen (Da wurde wieder das Thema priorisiert und nicht die Spielbarkeit).

„Man darf nur ungenau über seine Karten reden“: ist generell ein Problem. Warum ist das überhaupt nötig?

Aber das ist nur meine Meinung/Geschmack – in anderen Runden mag das gut funktionieren.

2. “Texas Showdown”

In der heutigen 4er Runde haben die Strategen von letzter Woche ihren Frieden mit dem Spiel gemacht. Kartenpflege und Winkelzüge schienen ihnen in der größeren Runde leichter anbringen zu sein. In einer Statistik-Beziehung haben sie auf alle Fälle recht: Während in der 3er Runde der durchscnittliche Frustfaktor bei 33 Prozent liegt, ist er in der 4er Runde auf 25 Prozent gefallen. In einer 6er Runde, für soviel Mitspieler geht das Spiel nämlich, sind es sogar nur 16 Prozent, während 84 Prozent aller Spieler sich bei jedem einzelnen Stich, und dann auch noch einmal in der Gesamtheit der Stiche, darüber freuen, dass es einen anderen erwischt hat.

Wir haben zumindest viel gelacht und die aggressive Stimmung aus „Safehouse“ war wie weggeblasen.

WPG-Wertung: Aaron: 6 (1 Punkt mehr als letzte Woche), Günther: 6 (2 (ZWEI Punkte mehr als letzte Woche), Moritz: 6 (das Spiel ist OK, die KI sollte leicht zu programmieren sein, es gibt immer wieder den besten Zug. [AbN: Hallo Moritz, kannst Du auch noch einen Satz über die Programmierbarkeit der KI für „Safehouse“ abgeben]), Walter: 7 (1 Punkt mehr als letzte Woche, das schnelle Spiel mit seinen pfiffigen Karten-Rangfolge-Regeln besitzt einfach eine recht hohe Spaß / Kosten Relation.)

3. “OTYS”

Moritz durfte heute auch dieses Spiel von letzter Woche noch kennenlernen. Wir anderen drei kannten uns schon mit dem Mechanismus aus und konnten eine Stunden lang unsere Taucher, den Fahrstuhl, mit dem sie sich zwischen Meer und Erdoberfläche bewegten, die Sponsoren und ihre Mitgifte, sowie die anderen rationalen Spielelemente von „OTYS“ planen und einsetzen. Moritz war aber schnell von Begriff und schaffte auf Anhieb den zweiten Platz.

Sieger wurde Walter, der durch eine günstige Start-Konstellation von seinen Tauchern und dem Upgrade-Sponsor sogleich seine Händlerin upgraden konnte, und damit auf dem Markt ohne größere Mühe seine Liquiditätsprobleme lösen konnte, während für alle anderen Mitspieler der Geldmangel stets ein Handicap blieb.

Was können wir allerdings zur die intellektuelle Herausforderung von „OTYS“ sagen, wenn Günther nicht aufs Treppchen kam? Und wenn alle Spiele bis zum Schluss dicht beieinander lagen?

WPG-Wertung: Moritz reihte sich mit seinen 6 Punkten in die Phalanx der anderen WPGler ein (das Spiel ist nicht schlecht, die Steuerung ist etwas mühsam, aber ich würde es – mit meinem jetzigen Know How – gerne noch einmal spielen).

4. “AZUL”

Als Moritz schon in der U-Bahn saß, gönnten wir uns noch eine Runde mit unserem neuen Absacker-Favoriten. Wieder bewies es sich als Gewinner-Stratgie, so schnell wie möglich die ersten Mosaiken aus der Tischmitte zu holen. Den dabei zugeschustert bekommenen einen Strafpunkt kann man beruhigt außer Betracht zu lassen. Der Vorteil, in der nächsten Runde als Erster, und statistisch gesehen auch am häufigsten, zugreifen zu können, wiegt den einen Strafpunkt bei weitem auf.

Keine neue WPG-Wertung für ein 7 ½ Punkte Spiel.

"Was lag auf den Tisch?"