von Walter am 18.03.2010 (1.292 mal gelesen, 3 Kommentare)

Drei Wochen Urlaub in Thailand mit der besten aller Ehefrauen bedeutet drei Wochen Verzicht und Enthaltsamkeit: Vom Westpark und vom Brettspiel. Die einzige Begegnung mit Spielen war ein junger Russe in einer einsamen Bucht auf Ko Phi Phi, der mittels Figuren im Sand versuchte, Schachprobleme zu lösen.
Heute konnte ich endlich wieder tief eintauchen in das faszinierende, pulsierende Leben als Brettspieler, noch dazu unter der Anleitung eines professionellen Spieleerfinders.
1. “Holzhacken im Schwarzwald”
Das Spiel ist noch im Entstehen, der obige Name ist nicht einmal als Arbeitstitel im GesprĂ€ch. Christof Tisch, der bei HiG reichlich Verdienste in Grafik und Design erfolgreicher Spiele erwoben hat, geht damit schwanger und sucht Hebammen, die ihm einen strammen und gesunden SprĂ¶ĂŸling garantieren. KreativitĂ€t und Kritik waren heute gefragt. Die SpielablĂ€ufe sind in vielen Details noch absolut offen, nur das Thema steht. In dieser Vorgehensweise steht Christof unserem Moritz durchaus sehr nahe.
Wir sind HolzfĂ€ller im Schwarzwald, fĂ€llen BĂ€ume und lassen sie den Jagst und den Kocher, oder wie immer die FlĂŒĂŸchen dort heißen, hinuntertreiben. Je mehr eignes Holz unterwegs ist, desto schneller treibt es. EinzelstĂŒcke haben kaum Chancen, den Rhein zu erreichen, zu FlĂ¶ĂŸen gebĂŒndelt und nach Holland verkauft zu werden. FĂŒr reichliche Siegpunkte, selbstredend.
Ab und zu gibt es Stauseen, die unsere Baumdrift aufhalten. Dann brauchen wir tĂŒchtige Arbeiter, die den Weg wieder freimachen. Auch dafĂŒr gibt es Siegpunkte. Doch die Arbeiter waren Mangelware, unsere Stauseen blieben lange gefĂŒllt und der Rhein wartete vergeblich auf sein erstes Floß. Hier muß sich deutlich noch was Ă€ndern. Lösungsideen dafĂŒr gab es genug.
Nach einer guten Stunde Spielzeit fing ein Blödelintermezzo an. Wir assoziierten die SchwarzwaldflĂŒsschen mit Kanalisationsrohren und die BĂ€ume mit den entsprechenden Festteilchen, sie gewöhnlich darinnen herumschwimmen. Hoffentlich ohne Stau.
Doch trotz dieses Abschweifens, trotz all der offen zutage getretenen Ecken und Kanten und der notwendigen Verbesserungsaufgaben blieb die SpielatmosphĂ€re stĂ€ndig locker und konstruktiv und das SpielvergnĂŒgen war ungebrochen. Schon jetzt tragen einige SpielablĂ€ufe feine, elegante ZĂŒge und selbst das provisorische Spielmaterial hat bereits physiologische Reize. Ein großes Brettspiel könnte entstehen. Und wir sind dabei gewesen.
Noch keine WPG-Wertung.
2. “Sutter’s Mill”
An Sutter’s Mill bei Coloma in Nord-Kalifornien, fand im Januar 1848 der Zimmermann James W. Marshall mehrere Gold-Nuggets und löste damit den kalifornischen Goldrausch aus. So steht es bei Wikipedia.
Phalanx hat letztes Jahr daraus ein Brettspiel gemacht und das Thema sehr hĂŒbsch und flĂŒssig umgesetzt. Wir sind Goldsucher, oder besser unsere Pöppel sind es. Jeder Spieler hat davon 5 StĂŒck. Wir lassen sie in den Camps arbeiten und ihre Nugget-Funde in der Stadt in Siegpunkte umsetzen.
Die Ausbeute ist umso höher, je mehr Privilegien wir uns beim SchĂŒrfen zugelegt haben. Diese Privilegien ersteigern wir uns durch den Einsatz von Werkarten. Ein Großteil der spielerischen Interaktion besteht hier im richtigen Erwerben, VerdrĂ€ngen und VerdrĂ€ngtwerden.
In der Schlußphase sollten wir unsere Wertkarten allerdings wieder vom Spielbrett abrĂ€umen, denn damit steuern sie einen erheblichen Anteil zu unseren Siegpunkten bei.
Auch unsere Goldsucher sollten das Spielfeld rechtzeitig verlassen, weil sie sonst erhebliche PunktabzĂŒgen verursachen.
So ist “Sutter’s Mill” eine sehr gelungene Mischung von massivem Goldsuchen, wohl dosiertem Bieten um Privilegien, und scharf kalkuliertem Umschalten von der Aufbau auf die Ernte- und Abbauphase.
Christof, der als einziger das Spiel kannte, hatte keine Schwierigkeiten, seinen Knowhow-Vorsprung in ein dickes Siegpunktekonto umzumĂŒnzen. Doch allen anderen blieb der greifbare Vorsatz, beim nĂ€chsten Mal vieles besser zu machen.
WPG-Wertung: Christof: 8 (obwohl der Spielablauf ziemlich mechanisch ist, ist das Thema vorzĂŒglich umgesetzt), Hans: 8 (sehr abwechslungsreich), Moritz: 8 (trĂ€umt schon von seiner verbesserten Siegstrategie, wo er ĂŒberall als Erster die SchlĂŒsselzĂŒge macht), Walter: 8 (schnell, flott, herausfordernd)
3. “Mosaix”
Ein Spiel, fĂŒr das Christof nicht nur die Grafik gemacht hat, sondern das er auch komplett selbst entwickelt hat. Spiele-Schmidt hat es verlegt. Auf eine Formel gebracht handelt es sich um eine Art „WĂŒrfelbingo“.
Ähnlich wie beim „Bingo“ (oder wie beim „Schiffchen-Versenken“) hat jeder Spieler hat ein kariertes Spielbrett vor sich. Reihum wirft jeder Spieler mit 4 WĂŒrfeln, auf denen die Symbole Kreis, Dreieck und Kreuz abgebildet sind. Die 4 WĂŒrfelergebnis werden zu einem beliebigen Muster zusammengestellt und die Spieler mĂŒssen dieses Muster in ihrem karierten Spielbrett auf freie Felder eintragen. Dabei darf ein Teil des Musters, der ĂŒber den Spielbrettrand hinausgeht, unter den Tisch fallen.
Sobald der erste Spieler sein Spielbrett total gefĂŒllt hat, ist das Spiel zu Ende und es wird gewertet. Die Anzahl zusammenhĂ€ngender Bereiche mit gleichem Symbol multipliziert mit der Summe aller Einzelfelder dieses Symbols ergibt die Siegpunkte. Es kommt also nicht nur darauf an, möglichst zusammenhĂ€ngende Bereiche mit einem Symbol zu schaffen, sondern auch darauf, sie nicht ĂŒber eine bestimmte GrĂ¶ĂŸe wachsen zu lassen, sondern möglichst viele getrennte Gebiete eines Symbols zu erzeugen. Eine hĂŒbsche Denkaufgabe fĂŒr schnelle, formsichere Topologen.
WPG-Wertung: Christof: 8 (ist ja seine eigene Erfindung), Hans: 7 (unbestechlich), Moritz: 10 (Christof minded), Walter: 9 (1 Sympathiepunkt fĂŒr Christof, 1 Punkt in memoriam seiner seligen Eltern, die sich mit einem Ă€hnlichen WĂŒrfelspiel jeden Tag einige schöne Spielstunden bereitet haben. Er selber wird wohl in entsprechendem Alter sowohl in Thailand wie auch am Westpark in die Röhre schauen mĂŒssen.

3 Reaktionen zu “17.03.2010: Das wahre Leben”

  1. Moritz Eggert

    Danke fĂŒr den schönen Bericht, Walter – man sollte zu dem Flösserspiel noch anmerken, dass es sich um ein GEMEINSAMES Projekt von Christof und mir handelt. Unser Testspiel war auf jeden Fall sehr hilfreich!

  2. Walter

    Ja, wenn gleich zwei so große Korniferen an einem Spiel basteln, dann kann daraus nur etwas Großes werden.
    Ich drĂŒcke Euch die Daumen!

  3. Christof

    Koniferen habe ich im Schwarzwald noch nicht gesehen, aber mit dem Klimawandel scheint das möglich. Danke nochmal fĂŒr die herzliche Aufnahme und den großen Durchhaltewillen beim regelflexiblen Spiel.

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