von Aaron am 25.12.2013 (2.336 mal gelesen, 4 Kommentare)

„A Study in Emerald“ sollte vergangene Woche noch eine zweite Chance bekommen, nachdem es bereits vor zwei Wochen für sehr unterschiedliche Reaktionen gesorgt hatte. Mit Andrea, Moritz und Peter saßen drei „Kenner“ des Spiels und mit Günther und mir zwei Neulinge am Tisch.

Die Regelerklärung dauerte etwas länger als erwartet, denn immer wieder gab es Zwischenfragen und vertiefende Erklärungen, obwohl die eigentlichen Spielelemente eher schnell erklärt sind. Aber irgendwie fühlte sich vieles anders und weniger intuitiv an, als Günther und ich es erwartet hatten. Moritz wechselte bei der Erklärung der beiden Fraktionen rasch von den eigentlichen „Loyalists“ und „Restorationists“ zu „den Bösen“ und „den Guten“, was sich später noch für mich als problematisch erweisen sollte.

Das eigentliche Spiel kam dann rasch in die Gänge. Günthers Taktik schien zu sein, schnell viele Städte einzunehmen und damit genug Siegpunkte zu erwerben, um das Spiel als Sieger zu beenden. Andrea, Moritz und ich verfolgten eine gemischte Strategie und staubten sowohl günstige Städte als auch die ein oder andere Karte ab. Damit waren nach der zweiten Runde bis auf Peter alle Spieler „known to the authorities“ und konnten angegriffen werden. Nur Peter achtete offenbar peinlich darauf, keine Siegpunkte zu erwerben.

Aus der Spielweise der einzelnen Spieler ließ sich nach der dritten Runde vermuten, dass Andrea und Peter Loyalists waren. Da ich ebenfalls die Loyalistenrolle zugelost bekommen hatte, war zumindest mir klar, dass Moritz und Günther Restorationists sein mussten. Gleich in der ersten Runde hatte ich einen weiteren Agenten erworben, der den Restorationists zusätzliche Punkte bei Spielende bringen würde. Was vielleicht als clever Zug hätte gelten können, war schlicht und einfach ein Spielfehler: für mich war zu diesem Zeitpunkt „gut“ = „grün“ und „böse“ = „rot“. Irgendwie erschien mir das logisch und die Farbe meiner Fraktionskarte hatte ich mir nur bei Beginn des Spiels angeschaut. Zumindest hatte dadurch meine Spielweise bis zu diesem Zeitpunkt meine wahre Identität noch nicht preisgegeben.

Recht bald hatte Günther so viele Siegpunkte über die Einnahme von Städten generiert, dass eine weitere Stadt zum Sieg gereicht hätte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Peter immer noch nicht einen einzigen Siegpunkt generiert, was den sicheren Verlust der „Böse“-Fraktion bedeutet hätte. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als gezielt gegen Günther zu spielen. Moritz, in der gleichen Fraktion wie Günther, schloss sich dem an, um irgendwie doch noch vor Günther zu rücken.

Hier beschlich mich zum ersten Mal die Idee, dem ganzen durch ein Abmurksen von Günthers einzigem Agenten ein Ende zu machen, denn irgendwie fand ich es frustrierend, dass Peter nicht aus seinen Startlöchern kam und ich keine Möglichkeit sah, selber zu gewinnen. Und offenbar ist destruktives Spiel hier explizit gewünscht.

Bald hatten wir Günther soweit zurechtgestutzt, dass zumindest keine unmittelbare Gefahr mehr bestand, dass er das Spiel über die Siegpunktleiste als Sieger beendet. Moritz und Günther kämpften verbissen um London, in dem sie fast alle ihre Aktionen dafür verbrauchten, dort Einflusswürfel zu platzieren. Gleichzeitig fing Peter an, Siegpunkte über Städtekontrollen zu generieren. Außerdem hatte er bereits in einer früheren Runde die Zombies-Karte erworben und sie genutzt, um nach und nach immer mehr Zombies ins Spiel zu bringen. Es war also abzusehen, dass er zu einem geeigneten Zeitpunkt den achten Zombie aufs Spielbrett setzt, dafür 8 Siegpunkte bekommt und das Spiel beendet. Es war also nur noch eine Frage der Zeit, bis Peter genügend weitere Siegpunkte erworben hatte, um diesen Zug durchzuführen.

Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt zusammen mit Andrea auf die vorderen Plätze der Siegpunktleiste vorgekämpft. Leider hatte ich weder Karten mit Siegpunkten für mich in der Hinterhand, noch gab es irgendwo weitere Siegpunkte, die günstig zu bekommen waren. Andreas Position war ähnlich.

Für mich stellte sich die Situation damit so dar: Solange Günther und Moritz sich weiter ineinander verbeißen, rückt keiner von beiden weiter vor. Geben sie den Kampf gegeneinander auf, wird einer von beiden recht schnell die Siegpunktschwelle zum Sieg überschreiten. Peter hat das größte Siegpunktpotenzial in der Hinterhand und kann das Spiel jederzeit beenden, lag aber aktuell immer noch auf letzter Position. Andrea und ich lagen zwar vorne, würden in den nächsten Runden kaum weitere Siegpunkte erwerben und damit nicht gewinnen können.

Als in der folgenden Runde Peter mir eine Stadt abnahm, also anfing gegen mich zu spielen, war mein Frust-Level ausreichend hoch und ich entschloss mich, dem Ganzen ein Ende zu bereiten (da ich vergessen hatte, meinen Kontrollstein auf die Stadt zu legen, kann ich Peter nachträglich noch nicht einmal einen Vorwurf machen). Ich schickte also meinen Agenten los, der legte Günthers einzigen Agenten um und damit war das Spiel beendet. Die Royalisten schieden aus der Wertung aus. Groß war die Überraschung, als ich offenbarte, dass ich selber damit auch ausgeschieden war und somit Günther zum Sieger gemacht hatte. Klassisches Kingmakern.

Ich denke nicht, dass ich „A Study in Emerald“ noch einmal in einer 5er-Runde spielen möchte. Zu beliebig und unkalkulierbar fand ich die Auswahl der Aktionen. Dazu kommt, wie Walter in seinem Bericht bereits erwähnte, die Tatsache, dass die Karten der Starthand fast ausnahmslos besser sind als die, die man mühsam im Laufe des Spiels erwerben kann. Und sicherlich bin ich zu sehr ein „Empire Builder“, als dass mich die durch diese seltsame Eliminierungsregel bei Spielende aufgezwungene destruktive Spielweise irgendwie reizen könnten.

Warum gebe ich dem Spiel dennoch 5 Punkte? Zum einen glaube ich, dass sich „A Study in Emerald“ sehr gut zu zweit spielen lässt, weil hier die Eliminierungsregel nicht zum Tragen kommt. Dann hat das Spiel viele sehr gute Mechanismen, die jeder für sich interessant sind aber leider in Summe kein harmonisches Ganzes ergeben. Ob das, wie Peter behauptet, daran liegt, dass Martin Wallace seine Spiele nicht ausreichend testet, kann ich nicht beurteilen. Für mich ist es jedenfalls kein stimmiges Gesamtwerk und leider wieder einmal typisch für ein Kickstarter-Projekt.