von Walter am 4.06.2009 (1.477 mal gelesen, 1 Kommentar)

Galileo, das ProSieben Wissensmagazin, hat unseren Moritz eingeladen, in einer Sendung ├╝ber Gesellschaftsspiele Winner-Tipps abzugeben. Moritz hat sich sehr viel M├╝he gegeben und einen Feature-Entwurf f├╝r die komplette Sendung erarbeitet.
Seine Spielvorschl├Ąge waren “Siedler von Catan”, “Carcassonne” und “Monopoly” (nicht ganz freiwillig), und seine fundierten Detail-Analysen (z.B. Bahnh├Âfe kaufen) rundete er ab mit allgemeinen Hinweisen wie:
a) Have a plan
b) “Lese” Deine Mitspieler
c) Spiele nicht allein um zu Gewinnen
Ziemlich geschockt war er, als von der Redaktion die knallharte Vorgabe kam: “Als Spielauswahl stehen ausschlie├člich: Schnick-Schnack-Schnuck (Knobeln), Neunerln, Jenga, 4-gewinnt, Black Jack, Schiffe versenken und Monopoly zur Verf├╝gung.” Ein Kraut und R├╝ben von Gl├╝cks- und Geschicklichkeitsspielen, doch nichts zum Wissen, Planen und gute Ratschl├Ąge geben. Moritz f├╝hlte sich wie ein Kenner von Horrorfilmen, der ├╝ber das Rotk├Ąppchen befragt werden soll.
Moritz schluckte diese Kr├Âte und noch einige andere und machte sich mit der hoffnungsvollen Erwartung auf den Weg, im Studio wenigstens ein paar anregende Spielstunden mit gestandenen Spielern verbringen zu k├Ânnen. Doch auch hier ri├č der Kr├Âtenstrom nicht ab. War seine Erwartung nativ oder legitim, jedenfalls warteten anstelle von Profis lediglich [!?] blonde Models auf ihn, die keinerlei Ahnung von Schlo├čallee und Parkstra├če hatten, und auch nicht unbedingt die Ambitionen hatten, kl├╝ger nach Hause zu gehen. Die Kamera diktierte die Ma├čst├Ąbe, nicht die Vorlieben f├╝r Tisch und Brett. Selbst der W├╝rfel-Sex war gefaked! Krone der Sch├Âpfung waren Szenen im Biergarten ├╝ber einem Schiffchen-Versenken mit Papier und Bleistift. Wo und womit kann man denn sonst seine blonden Neuerwerbungen zum H├Âhepunkt bringen?
Erkenntnis: Selbst Redakteure von Aufkl├Ąrungsreports sind bestenfalls nur Menschen. Tr├Âstlich: Auch der Pate der Sendung hat schon unter alleinseligmachenden Knowhow-Tr├Ągern leiden m├╝ssen.
Moritz’ Eigenbalsam auf seine Wunden: “Schlechte Spiele [in einer fragw├╝rdigen Sendung] ruinieren wenigstens nicht den Ruf unseres Hobbys.”
1. “Bombay” von Ystari
Wir sind H├Ąndler in Indien, trampeln mit unserem Elefant auf die verschiedenen M├Ąrkte um Warenballen aufzuladen, transportieren sie zu St├Ądten, in denen die Ware ben├Âtigt wird, verkaufen sie und werden damit reich.
Es sind sehr h├╝bsche Elefanten, mit denen wir in “Bombay” als Spielerp├Âppel ausgestattet werden. Leider stinken sie. Gewaltig. Nicht nach Elefantenlosung, sondern nach China-Plastik. Hoffentlich gibt sich das.
Das Warenangebot auf den M├Ąrkten wechselt nach zuf├Ąlligen Regeln. Die Preise auf den M├Ąrkten fallen systematisch mit dem Angebot. Mit dem erwirtschafteten Geld k├Ânnen die Spieler auf den Wegekreuzungen Herbergen bauen. Wer hier vorbeikommt, mu├č Wegezoll bezahlen.
Keiner wurstelt f├╝r sich alleine herum, jeder ist von den Aktionen der Mitspieler beeintr├Ąchtigt:
a) Die Waren sind knapp. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wer Pech hat, dem schnappt der Vorg├Ąnger den letzten Warenballen vom Markt.
b) Wer eine Ware zuerst verkauft, erzielt den doppelten Preis. F├╝r die wichtigen monet├Ąren Siegpunkte mu├č man auch hier die Nase vorn haben.
c) Auf Wegekreuzungen darf immer nur eine Herberge stehen. Wer zuerst baut, lacht zuerst. Und zuletzt.
d) Eigene Herbergen f├Ârdern die Geldquellen, fremde Herbergen f├Ârdern die Konkurrenz.
Alle diese Spielmechanismen bewirken, da├č jeweils nur der aktive Spieler einen Grund zur Freude hat, alle anderen eher einen Grund zu ├ärger und Neid. Das ist leider kein Nullsummenspiel. Gehobene Spielstimmung kommt nur selten auf; der Eggert-Faktor liegt unter 0,2.
G├╝nther fand in “Bombay” ein “Valdora light”, weil das Brimborium mit den Auftr├Ągen und Auftraggebern weggefallen ist. Walter hielt es umgekehrt eher f├╝r ein “Valdora heavy”, weil es immerhin ein ger├╝ttet Ma├č an Interaktion kennt, auch wenn sie nicht immer erfreulich ist.
Doch einen Vorteil mu├č man “Bombay” unbedingt lassen: In einer halben Stunde kann man die 5 S├Ątze ├í drei Runden mit je 3 Aktionen problemlos hinter sich bringen.
WPG-Wertung: Aaron: 6 (fehlende Dynamik), G├╝nther: 6 (warten ohne Aufgabe), Loredana: 5 (“hat mich genervt”), Peter: 6 (einzige Spannung geht darum, ob die anderen schneller sind), Walter: 6 (die Interaktionen sind alle negativ).
Ystari schw├Ąchelt. Auch G├╝nther hat nicht gewonnen, nur fast.
2. “Dice Town”
Von Bruno Cathala, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Faidutti, mit dem er “das Halsband der K├Ânigin” gemeinsam gemacht hat. Um einen vom anderen zu unterscheiden, bemerkte Aaron: “Der macht eher chaotische Spiele!” Welcher jetzt?
Wie der Name schon sagt ist “Dice Town” ein W├╝rfelspiel. Jeder Spieler bekommt f├╝nf W├╝rfel und einen W├╝rfelbecher und darf sich damit die gelungenste Poker-Kombination zusammenw├╝rfeln. Pro Wurf mu├č man einen W├╝rfel zu seiner anvisierten Kombination aussondern. Wer will, darf auch gleich mehrere W├╝rfel herausnehmen, oder auch gar keinen, dann mu├č er aber daf├╝r bezahlen.
Am Ende werden die besten W├╝rfel-Kombinationen begutachtet. Die meisten Einser bringen Gold-Nuggets (Siegpunkt-W├Ąhrung) ein, die meisten Zweier bekommen das Geld aus der Bank, ebenfalls eine Siegpunkt-W├Ąhrung, die meisten Dreier kriegen Karten mit direkten Spiegpunkt-Zuteilungen, die meisten Vierer d├╝rfen von Mitspielern Siegpunkt-Karten wieder wegnehmen, ┬ů
Die von Natur aus unberechenbaren W├╝rfelmechanismen sind reichlich angereichert mit Zufalls- und Chaos-Effekten. Kassieren, wegnehmen, bestechen, betr├╝gen und ├Ąrgern sind die wesentlichen Spielz├╝ge. Problematisch ist die W├╝rfelehrlichkeit (nat├╝rlich nicht bei uns): Beim Zusammenw├╝rfeln der besten Kombinationen sind Taschenspielertricks unter dem W├╝rfelbecher nicht zu kontrollieren, f├╝r ein reinrassiges Poker-Spiel eine problematische Angelegenheit.
Nach einer guten H├Ąlfte der voraussichtlichen Spielzeit – verifizierbar an den ├╝brig gebliebenen Gold-Nuggets – kam der Gedanke an einen Spielabbruch auf. Peter: “Nur weil es neu ist, brauchen wir es nicht bis zur bitteren Neige zu spielen”. Dieses Argument ├╝berzeugte.
WPG-Wertung: Aaron: 5 (D├Âdelspiel, man mu├č einige Ma├č getrunken haben, um Spa├č daran zu finden; daf├╝r ist es dann aber wieder zu kompliziert), G├╝nther: 5 (kein Kommentar), Loredana: 3 (“auf jeden Fall weniger als Bombay”), Peter: 4 (“ich w├╝rde schreien, wenn ich es nochmals spielen sollte”), Walter: 4 (nicht f├╝r mich).
3. “Zoff im Zoo”
Nach dem Spielabbruch war noch eine Menge Zeit f├╝r richtige Spiele. Peter bestand auf “Spielen, die ich kenne und sch├Ątze” und war auch gleich mit “Zoff im Zoo” bei der Hand. Aaron (mit Dice-Town-Kopfschmerzen) und G├╝nther (“aus Prinzip”) waren dagegen. Doch als sich f├╝r keine der vorgeschlagenen Alternativen wie “Frage der ├ähre”, “Byzanz” oder “Maori” eine Mehrheit fand, konnte sich Peter schlie├člich doch noch durchsetzen.
Das lustige Tier-Fress-Kartenspiel ist genauso chaotisch wie die anderen Spiele des heutigen Abends, aber wenigstens intelligent chaotisch. Deshalb bekam es bei uns schon vor geraumer Zeit gute 8,1 Punkte.
Keine neue WPG-Wertung.
4. “Bluff”
Peter hob im 3:4-Endspiel gegen Aaron auf 7 mal die F├╝nf. Gab es da noch eine Chance au├čer anzuzweifeln? Jawohl, Aaron fand noch einen Ausweg. Er legte einen zweiten Stern heraus, hob auf 4 mal den Stern und w├╝rfelte mit seinem letzten W├╝rfel nach. – Einen Stern! Das war der Anfang vom Ende. Erfolgreich.
Keiner erw├Ąhnte sein sprichw├Ârtliches W├╝rfelpech.


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Eine Reaktion zu “03.06.2009: “Dice Town” in ” Bombay””

  1. Aaron

    [quote]
    Von Bruno Cathala, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Faidutti, mit dem er “das Halsband der K├Ânigin” gemeinsam gemacht hat. Um einen vom anderen zu unterscheiden, bemerkte Aaron: “Der macht eher chaotische Spiele!” Welcher jetzt?
    [/quote]
    Du hast nat├╝rlich Recht: ich meinte Faidutti (mit z.B. Boomtown). Die Cathala-Spiele haben nicht so h├Ąufig Chaoselemente. Dieser Bruno ist also keine Problemb├Ąr…