von Aaron am 4.04.2010 (4.135 mal gelesen, 1 Kommentar)

Eine kleine Gemeinschaft von Spieleentwicklern bringt in mehr oder weniger regelm√§√üigen Abst√§nden neue Varianten der 18xx-Eisenbahnspielreihe heraus. Neben den wenigen gr√∂√üeren Verlagen, die den Mut haben, ein professionell gestaltetes 18xx-Spiel f√ľr die kleine Fan-Gemeinde herauszubringen, gibt es inzwischen einige engagierte 18xx-Autoren, die ihre Spiele in hervorragender Aufmachung anbieten. Ein solches Prachtst√ľck, noch in seiner Prototypform, durften G√ľnther und Aaron k√ľrzlich kennenlernen.

1880 – China

√úber drei√üig 18xx-Varianten sind inzwischen erschienen und man ist geneigt zu fragen, was au√üer einer neuen L√§nderkarte denn noch wesentlich Neues bei einem 18xx-Spiel entwickelt werden kann. Und hier ist 1880-China eine wirkliche √úberraschung. Helmut Ohley und Lonny Orgler (Double-O Games) haben sich f√ľr ihr Spiel ein paar Mechanismen einfallen lassen, die das etwas angestaubte 18xx-Konzept in neuem Glanz erscheinen lassen, ohne dabei auf Bew√§hrtes zu verzichten.Spielplan

Der folgende Text beschreibt nur diese Neuerungen und der mit dem 18xx-Konzept noch nicht vertraute Leser m√∂ge sich anhand der vielen 1830-Artikel auf unserer Web-Site √ľber die wesentlichen Prinzipien informieren.

Neben den bereits bekannten Privatgesellschaften mit ihren jeweiligen Sondereigenschaften und konstanten Ertr√§gen gibt es als erste Neuerung die ausl√§ndischen Investoren, die in den ersten Spielphasen agieren. Jeder Spieler sucht sich nach der Versteigerung der Privatgesellschaften einen der sieben Investoren aus, deren Heimatbahnh√∂fe bunt √ľber den Spielplan verteilt sind. In den anschlie√üenden Betriebsrunden baut dann der Spieler vom jeweiligen Heimatbahnhof eine Bahnstrecke, die sogleich mit der gerade zum Verkauf stehenden Lok befahren wird, ohne dass diese erworben werden muss. Das Einfahrergebnis landet vorerst in der Kasse des Investors. Der Investor ist zudem fest an die erste vom jeweiligen Spieler gegr√ľndete Eisenbahngesellschaft gebunden und beide haben das Ziel, ihre Netze miteinander zu verbinden. Sobald dies geschieht, verschmilzt der Investor mit der ihm zugeordneten Gesellschaft und sein bis dahin eingefahrenes Kapital geht zu mindestens 80% an diese Gesellschaft; die restlichen maximal 20% darf der Direktor der Gesellschaft einsacken.

Die Wahl der Gesellschaft/Investor-Kombination bietet einerseits neue taktische Möglichkeiten im Streckenbau und andererseits neue Herausforderungen durch das notwendige Timing des Zusammenschlusses der beiden Netze. Gleichzeitig ist jeder Spieler mit Beginn der ersten Betriebsrunde aktiv mit mindestens 2 Linien am Streckenbau und den Einfahrergebnissen beteiligt.

BetriebsrundenleisteDie wohl bemerkenswerteste Neuerung ist die variable Anzahl an Betriebsrunden oder, wie der Autor sagte, der variable Zeitpunkt der Aktienrunde. Wie gewohnt legt jeder Direktor bei der Firmengr√ľndung den Initialwert seiner Aktie fest. Dieser kann bei 1880-China einen von vier Werten annehmen: 70, 80, 90 und 100. Anders als bei anderen 18xx-Spielen gibt es eine Platzierungsleiste – eigentlich ein Platzierungsring – mit einer festen Anzahl an Initialwertpositionen: 4×70, 2×80, 2×90 und 4×100). Der Spieler legt beim Kauf der Direktoraktie einen Gesellschaftsp√∂ppel auf einen beliebigen freien Platz dieser Leiste und bestimmt damit

  • wie √ľblich den Initialpreis der Aktien der Gesellschaft und
  • die Position der Gesellschaft in der Abarbeitungsreihenfolge der Betriebsrunde. Diese liegt damit f√ľr die gesamte Spieldauer fest und √§ndert sich nicht bei Aktienkurs√§nderungen.

Zusätzlich dient diese Platzierungsleiste zur Steuerung der Betriebsrundenanzahl. Sie wird zyklisch abgearbeitet, d.h. hat die letzte Gesellschaft der Leiste ihre Betriebsphase beendet, beginnt eine neue Betriebsrunde bei der ersten.

Aber wann gibt es eine Aktienrunde? Ein kleiner Markierungsp√∂ppel kennzeichnet dabei diejenige Gesellschaft, die als letzte eine Lok gekauft hat. Wenn nun, analog dem Passen der Spieler in der Aktienrunde, keine nachfolgende Gesellschaft mehr eine Lok gekauft hat, gibt es vor der Ausf√ľhrung der Betriebsrunde der markierten Gesellschaft eine Aktienrunde. Au√üerdem gibt es sofort eine Aktienrunde, wenn die letzte Lok eines Pakets gekauft wurde.

Damit bekommen die Lokk√§ufe eine neue Dimension, da hier√ľber in Grenzen beeinflusst werden kann, wann eine Aktienrunde stattfindet. Je nach aktuellem Einfahrergebnis und der pers√∂nlichen Bargeldsituation kann es sinnvoll sein, die Aktienrunde durch den Kauf einer Lok hinauszuz√∂gern bzw. bewusst herbeizuf√ľhren.

BeijingNach der Aktienrunde wird die Betriebsrunde der zuletzt agierenden Gesellschaft ggf. noch zu Ende gef√ľhrt und dann mit der n√§chsten auf der Leiste fortgefahren. Hiermit hat ein Spieler die M√∂glichkeit durch entsprechende Festlegung des Initialpreises auch in den sp√§teren Spielphasen eine neu gegr√ľndete Gesellschaft bereits unmittelbar nach der Aktienrunde in Betrieb gehen zu lassen, um so zum Beispiel die letzte – oder erste – Lok eines Pakets kaufen zu k√∂nnen. Dieses Element der variablen Anzahl an Betriebsrunden gepaart mit der zyklischen Abarbeitung der Gesellschaften in der Betriebsrunde verschafft 1880-China eine v√∂llig neue Dynamik, die wohl√ľberlegt gesteuert werden will.

InvestorAbschlie√üend noch zwei weitere Neuerungen, die sich harmonisch in das Gesamtkonzept einf√ľgen. Da ist zum einen die M√∂glichkeit, eine variable Anzahl an Aktien als Direktorpaket zu kaufen. Das ‚Äěnormale” Paket hat wie √ľblich 20% der Aktien, daneben gibt es aber alternativ die M√∂glichkeit, gleich ein 30% oder gar 40% Paket zu kaufen. Je nach Spielphase m√ľssen immer gr√∂√üere Pakete gekauft werden, was die Gr√ľndung neuer Gesellschaften gerade in der sp√§ten Mittelphase des Spiels verz√∂gert. Gleichzeitig haben gr√∂√üere Direktorpakete den Nachteil, dass deren Gesellschaft in weniger Spielphasen bauen darf. W√§hrend man bei einem 20%-Paket noch in drei Phasen Gleise und Bahnh√∂fe legen darf, also z.B. in der gelben, gr√ľnen und braunen Phase, darf man bei einem 40%-Paket nur noch in einer einzigen, w√§hlbaren Phase bauen. Gerade in der braunen Phase gestartete Gesellschaften haben dann das Problem, entweder nur in der braunen oder nur in der sp√§teren grauen Phase bauen zu d√ľrfen, w√§hrend die fr√ľh in der gelben Phase gestarteten Gesellschaften in der grauen Phase dann nicht mehr bauen d√ľrfen. Neben den daraus resultierenden taktischen M√∂glichkeiten beschleunigt diese Neuerung die Betriebsphasen der letzten Runden deutlich.

Die letze Neuerung ist eine Besonderheit der √ľblichen zweidimensionalen Aktienkurstabelle. Die Kurssteigerungen bei Aussch√ľttungen sind eher gering, so dass auch bei h√§ufigem Aussch√ľtten die Kurse nicht explodieren. Gleichzeitig zahlen Gesellschaften einen vom Einfahrergebnis unabh√§ngigen Bonus aus, der umso h√∂her ausf√§llt, je h√∂her der Aktienkurs ist. Beide Mechanismen sorgen daf√ľr, dass auch bereits lange fahrende Gesellschaften noch nachgekauft oder √ľbernommen werden k√∂nnen, und dass trotzdem gen√ľgend Geld in die Kasse der Gesellschaft bzw. des Direktors kommt, um weiter investieren zu k√∂nnen.

1880-China ist mit seinen neuen Mechanismen eine erfrischend moderne Variante des 18xx-Prinzips, die sich positiv von seinen Urvätern abhebt. Ohley und Orgler haben hier während der vielen Monaten Entwicklungszeit ganze Arbeit geleistet und einen neuen Stern am 18xx-Himmel geschaffen und wird im Oktober dieses Jahres in der von Double-O Games gewohnten hervorragenden Materialqualität erscheinen.

Ein kleiner Wermutstropfen noch zum Schluss: was wohl keinen wirklichen 18xx-Geek abschrecken wird, ist die nicht unbetr√§chtliche Spieldauer von 6 Stunden. Bis Oktober soll es zwar die notwendigen Konfigurationsparameter f√ľr Lemmis 18xx-Moderationsprogramm geben, was dann die langwierige Geldauszahlung und -wechselei hinf√§llig macht. Aber die Spieldauer wird damit immer noch 4 Stunden betragen und die Bedienung des Moderationsprogramms ist nichts f√ľr Gelegenheitsspieler. Wie sch√∂n w√§re es, wenn ein Spiel wie 1880-China auch in einer Kurzvariante mit halber Spielzeit erschiene…


Eine Reaktion zu “Bewegliche Ziele”

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