von Walter am 13.11.2008 (930 mal gelesen, keine Kommentare)

Wenn ein Programmierer behauptet, er sei zu 95 % mit seinem Programm fertig, dann wird ein erfahrener Manager hellh√∂rig: Gew√∂hnlich wird dann mindestens noch mal die gleiche Entwicklungszeit bis zur endg√ľltigen Freigabe ben√∂tigt. Heute brachte Moritz erneut seine Eigenentwicklung “Das 20. Jahrhundert” zum Testen mit. Offiziell soll das Spiel bereits zu 99% fertig sein. Doch genauso wie in der Datenverarbeitung wurde auch hier die Skepsis der erfahrenen Tester nicht entt√§uscht: Es wird noch einiges Wasser die Isar hinunterflie√üen, bis das Spiel zum Feintuning beim Verlag abgeliefert werden kann. Wenn Genie und Schwei√ü des Autors bis zum Jahresende noch die gew√ľnschten Fr√ľchte hervorbringen k√∂nnen , dann kann das Spiel bis Essen-2009 auf den Markt kommen. Andernfalls mu√ü sich die Spielerwelt noch ein weiteres Jahr gedulden.
1. “Das 20. Jahrhundert”
Als erstes trat wieder das bekannte Handtuch in Aktion; diesmal aber nicht, um den Rotwein von der gr√ľnen Tischdecke aufzusaugen, sondern um die riesige Plastikscheibe abzutrocknen, die Moritz als Schoner f√ľr sein provisorisches Spielbrett durch den Regen zum Westpark angeschleppt hat.
Nach kurzen Erl√§uterungen zu den Regel√§nderungen gegen√ľber der Vorversion konnten wir uns √ľber das Spiel hermachen. Jeder bekommt zu Spielbeginn einen anderen “Aspekt” zugeordnet, der dem Spielverlauf a priori die gewollte Asymmetrie gibt. Der eine kommt leichter ans Geld, der andere hat immer ausreichend Aktionskarten in der Hand, der dritte kann effizienter Forschen und der vierte bewegt sich schneller durch das Weltgeschehen. Walter legte sich als Startspieler die Kultur zu, Hans die Industrie, Moritz die Politik und G√ľnther die Religion.
In verschiedenen Regionen der Welt m√ľssen wir uns um Fortschritte bem√ľhen, wir m√ľssen L√§nder beherrschen, Bauwerke errichten, Weltereignisse ausl√∂sen und Einflu√ü auf die Kriege der Epoche nehmen. Wir k√∂nnen keine anderen Kriege ausl√∂sen, als die in der Geschichte vorgegeben sind. Hier geht es auch nicht im Draufhauen und Totstechen, sondern um Mehrheitseinfl√ľsse, um den Kriegsausgang zu entscheiden und daraus Kapital zu schlagen.
Doch der Krieg ist nicht das dominierende Element. Der Motor des Spiels sind zahlreiche, sehr verschiedene Karten, die ein jeder bei verschiedenen Aktionen in unterschiedlicher Anzahl vom verdeckten Stapel nachzieht. Je nach der Art, wie man die Karten einsetzt, bringen sie Geld, Bewegung, Fortschritt oder Besitz. Es gibt eine Menge zu √ľberlegen, um aus den zul√§ssigen Aktionen und aus der eigenen Kartenhand das Beste auszuw√§hlen. In dieser Beziehung kommt das “20. Jahrhundert” schon nah an die Komplexit√§t von “Agricola” heran.
Die L√§nder der Regionen haben naturgem√§√ü unterschiedliche Wertigkeit; sie tragen auch unterschiedliche Anteile zum individuellen Entwicklungsfortschritt bei. In der ersten Spielversion waren es noch die billigen L√§nder, die hier die besten Ertr√§ge lieferten, in der jetzigen Version sind es die teuren L√§nder, die zur Erf√ľllung der Siegpunktbedingungen nahezu unerl√§√ülich sind. Diese Neuigkeit war an Walter total vorbeigegangen. Wie vieles andere auch. So war er schnell hoffnungslos ins Hintertreffen geraten. Moritz erbarmte sich und bot sich als Coach an. Moritz, der schwarze Falke als Samariter – welch eine g√∂ttliche Situation. Walter nahm das Angebot ohne Z√∂gern an, um sich umso unbeschwerter in die geheimnisvollen Zusammenh√§nge des Spiel einweisen zu lassen.
Nach knapp zwei Stunden Spielzeit waren G√ľnther und Hans in der Lage, die Spiel-Endebedingungen herbeizuf√ľhren. Doch jeder wollte dabei nat√ľrlich anschlie√üend als Sieger daraus hervorgehen, und das war nicht so einfach zu kombinieren. So zog sich das Spiel noch √ľber eine weitere gute Stunde hin, eine moderne Kanonade von Valmy, von weltgeschichtlicher Bedeutung aber ohne Entscheidung. F√ľr diese Phase braucht das Spiel noch eine z√ľndende Idee, gl√ľcklicherweise hat sie Moritz schon in der Schublade.
Durch mehr oder weniger (un)gewollte Ereigniskarten konnte sich Hans schlie√ülich durchsetzen. G√ľnther resignierte: “Hans hat gewonnen!” Moritz verteidigte den Spielmechanismus: “Und Du konntest es nicht verhindern!” G√ľnther konterte: “Weil Du Kingmaker warst!” Oder war es Zufall?
Zur Kingmakerei wollen wir am Ende nochmals Wikipedia entscheiden lassen: “Kingmaker is a term originally applied to the activities of Richard Neville, 16th Earl of Warwick during the Wars of the Roses in England. The term has come to be applied more generally to a person or group that has great influence in a royal or political succession, without being a viable candidate. ” Wenn ich also meine F√§higkeiten zum Nutzen oder Schaden anderer so einsetze, da√ü jemand Sieger wird, ohne da√ü ich selbst davon profitiere, dann bin ich ein Kingmaker. Schaun wir mal, ob Moritz in seinem “20 Jahrhundert” diesen (sicherlich minimalen) Effekt noch eliminieren kann, oder ob er ihn spielerisch gewollt darinnen lassen wird.
2. “Bluff”
Nein, diesmal gab es keinen Absacker. Nach dem regul√§ren Ende des “20. Jahrhunderts” und einer ausgiebigen Man√∂verkritik war es f√ľr Hans und Moritz h√∂chstes Zeit, zur letzten U-Bahn abzud√ľsen.

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