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09.09.2020: Nieuw Amsterdam

1. “Nieuw Amsterdam”

2012 erschienen, ein Jahr später in einer Dreierrunde am Westpark erstmals gespielt und für (sehr) gut befunden, wurde es, noch bevor Moritz auch nur sein Placet geben konnte, schon unser „Spiel des Monats“. Dann war sieben Jahre Ruhe. Heute hat es Aaron aus seinem Fundus noch einmal hervorgeholt. Auch Günther, der bisher nie dabei war, sollte sein Urteil dazu abgeben können. Kurz und gut, er reihte sich am unteren Ende unserer Wertungsskala ein.

Was soll ich zum Spiel sagen? Im Internet haben wir es bereits zweimal beschrieben und auch andere Spielefreunde haben Kritiken dazu veröffentlicht. Das Spiel ist nicht mehr im Handel, wen interessiert es da noch, welches Material geboten ist und wie man damit umgeht? Schauen wir doch mal nach, was andere Kritiker dazu bemerkt haben, und ob wir etwas daraus lernen können. Bei H@LL9000 habe ich mich umgesehen.

Als Kurzeinführung zunächst ein Satz aus unserem eigenen Spielbericht: Wir sind Mitglieder der Niederländischen Westindien-Kompanie und treiben Fellhandel mit den nordamerikanischen Indianern. In der Grundidee tauschen wir Waren gegen Felle, verschiffen die Fälle und erhalten dafür Geld, Siegpunkte und neue Waren.“

Sandra Lemberger hat vor allem das Thema sehr gut gefallen, endlich mal „keines der sich oft wiederholenden Mittelalter- oder Italienspiele. Zur Abwechslung taucht man gerne mal in die Geschichte der von den Siedlern immer mehr vertriebenen Ureinwohner Amerikas ein.“

Aber wo findet sich das Thema? Machen Felle, die man vor der Landkarte von Manhattan mit konkreten Schiffskarten in ein abstraktes Nirgendwo verschifft, bereits die Geschichte der nordamerikanischen Indianer aus? Wohl kaum. Sandra findet „das Ganze optisch recht schön dargestellt, indem bei jedem Länderkauf durch einen Spieler ein Langhaus der Indianer weiter flussaufwärts versetzt wird.“ Ja, wenn man die Geschichte kennt, kann man hier die Indianer-Vertreibung nachvollziehen und für die Beerdigung von Red Cloud’s Herz an der Biegung des Flusses noch ein paar Tränen vergießen. Wenn man sie nicht kennt, bleiben die Indianer hier genauso unsichtbar wie in der Verfassung der Vereinigten Staaten.

Mahmut Dural: “ Es ist ein thematisch toll umgesetztes Bietspiel, wobei hier das Bieten einen außergewöhnlichen Reiz hat.“ Michael Andersch: „Der Auktionsmechanismus gefällt mir ausgezeichnet, ebenso die thematische Umsetzung.“ Sandra: „N.A. besticht durch ein ausgetüfteltes Versteigerungssystem.“

Doch man kann es auch anders sehen. Maik Bretschneider: „Dem mit Resourcenmanagement und Eintauschoptionen mittlerweile totgeprügelten Spielschema wurde ein Bietmechanismus aufgesetzt, der zwar recht innovativ daherkommt, aber mit zunehmender Spieldauer einen immer tieferen Keil zwischen erfahrenen Durchrechnern und Neueinsteigern treibt. Wieso? In den ersten beiden Runden ist es unabdingbar, zu siedeln und zu roden. Wem das verwehrt bleibt, der verharrt bis zum Spielende in Mangel.“

Maik’s „Muss“ können wir nicht bestätigen. Bei uns bekam Walter in der ersten Runde zwei Handels-Aktionen. Mit einer davon konnte er seine Grundausstattung an Waren bei den Indianern günstig in Felle eintauschen, mit der anderen verlud es sie auf ein Schiff und wurde dafür mit Geld, Siegpunkten und Neuwaren-Potential reichlich belohnt. Ein Grundstein für seinen späteren Sieg.

Nora: “Wir haben Nieuw Amsterdam zu viert gespielt und dabei festgestellt, dass die Versteigerung mehrmals ziemlich schief gehen kann, wenn zu viele gleichartige Plättchen in einer Spalte liegen; insbesondere die Stadt. Wir konnten auch mit hohen Geboten nicht verhindern, dass einer drei Stadtplättchen bekam, der er gut brauchen konnte. Den Rest des Spiels haben wir damit verbracht, ihn wieder einzuholen. Das macht keinen Spaß.“

So war es auch bei uns: Walter führte gerade in der Stadt, als er mehr oder weniger billig 3 Stadt-Aktionen ersteigern konnte. Das war der zweite Grundstein für den Sieg: 36 Punkte, ein Drittel seines Gesamt-Punkte-Erlöses fielen ihm in einer einzigen Runde allein durch die 3 Hauptaktionen in den Schoß. Und Aaron und Günther verbrachten den Rest des Spieles damit, ihn wieder einzuholen.

Es machte ihnen aber trotzdem Spaß. 3 geschlagene Stunden lang! (Plus 1 Stunde Regeleinführung und Regelwiederholung.) Warum wir für ein Spiel, das nach der Verlagsvorgabe in 90 Minuten zu absolvieren ist, und dem Mahmut eine „knackige Spieldauer“ attestiert, glatt das Doppelte brauchen, das ist ein unerforschtes alltägliches Phänomen am Westpark. Es tritt selbst dann auf, wenn unsere expliziten Paralysten – keine Namen genannt! – nicht dabei sind.

Warum bekam Walter überhaupt die 3 Stadt-Aktionen? Warum besaß er zu diesem Zeitpunkt gerade in Manhattan so viele Mehrheiten? Haben die Mitspieler dort die Geschäfte verschlafen? Hätte ihm ein Mitspieler nicht die Preise verderben müssen? Mit einer Stadt-Aktion ein paar Mehrheiten in Manhattan zu kippen und dann selber 2 mal zur Bürgermeisterwahl anzutreten, dafür hätte jeder ein paar mehr Kröten springen lassen können! Offene Fragen, aber klare Erkenntnis: Man muss den Spielablauf schon gut kennen, um Chancen und Risiken des Bietprozesses richtig zu kalkulieren. Unser Nicht-Wissen dürfen wir keineswegs dem Spiel anlasten.

Dazu müssen wir noch gestehen: wir haben eine Regel übersehen, die wir eigentlich genau kennen mussten, denn sie wurde früher schon einmal in unserem eigenen Spielbericht erwähnt: „Jede Art von Überflussgut kann ohne Umtauschverlust als Geld im Bietprozess eingesetzt werden.“ Damit können selbst monetäre Armhälse, die aber gesegnete Kornbauern oder holzige Siedler sind, beim Bietprozess als Krösus auftreten. Schade um dieses Übersehen, denn dadurch geriet die gesamte Biet-Balance ins Wanken,

Vielleicht sind Regelunsicherheiten mit beteiligt, wenn Solveig Zaeske konstatiert: „N.A. ist eigentlich ein thematisches und atmosphärisches Spiel, aber nach einer Weile bleibt doch der Eindruck, dass doch einiges an Potential verschenkt wurde, und das Spiel nicht fertig ist. Schade drum, denn so ist es nur Mittelmaß.“

Nochmals Mahmut: “Neben Suburbia und Tzolkin ist Nieuw Amsterdam das Highlight der letzten Messe [2012]. Leider etwas unterschätzt, befürchte ich.“ Diese Befürchtung von Mahmut Dural war leider berechtigt. Der Markt ist über „Nieuw Amsterdam“ hinweggegangen. Nach unserer 3-Stunden Orgie fürchte ich, dass auch wir über dieses im Prinzip doch sehr schöne Spiel hinweggehen.

WPG-Wertung: Aaron: 7 ([nach 8 Punkten vor 7 Jahren:] das lästige, genaue Vorausplanen beim Eintauschen der reichlich vorhandenen Ressourcen in für die nächsten Züge notwendige Ressourcen geht auf Kosten des Spielflusses), Günther: 6 (Man könnte auch schon mal 7 Punkte vergeben; der Bietprozess ist zweifelhaft, die Sonderaktionen stören den Spielfluss, man hätte das flüssiger einbauen können; ich bin mit dem Spiel nicht warm geworden), Walter: 8 ([bleibt] der Bietprozess ist gut, dem Vorteil des Startspielers beim Ziehen wird durch seinen Nachteil beim Bieten in der nächsten Runde entgegengewirkt, reichlich Interaktion durch Konkurrenz, gute Balance innerhalb einer Vielzahl von verschiedenen „Schienen“, die man durch die heuristischen Ergebnisse des Bietprozessen fahren muss).

“Nieuw Amsterdam” is our Game of the Month

nieuwamsterdam_tFew know that New York nearly became Dutch and that the cigarette name Stuyvesant does not come from nowhere. In the game we trade (historically correct) in furs, build up fields and try to control the growing city politically. All this plays in a logical and fluid manner, is balanced, only mildly competitive and offers a lot of material for the testing of various winning strategies. That the game is also optically convincing is an additional reason to visit Nieuw Amsterdam, the game!

But now I have to wear my klokjes and deal with the natives….

“Nieuw Amsterdam” ist unser Spiel des Monats

nieuwamsterdam_tWenige wissen, dass New York fast holländisch geworden wäre und dass der Zigarettenname Stuyvesant nicht von ungefähr kommt. Im Spiel handeln wir historisch korrekt vor allem mit Fellen, bauen Ländereien auf und versuchen die wachsende Stadt politisch zu kontrollieren. Das spielt sich sehr flüssig und logisch, ist ausgewogen, nur milde kompetitiv und bietet viel Material für das Ausprobieren von verschiedensten Spielstrategien. Dass das Spielmaterial vom feinsten ist und auch optisch etwas hermacht, ist ein zusätzlicher Anreiz, sich mit Nieuw Amsterdam zu beschäftigte.

Aber jetzt muss ich meine Klokjes anziehen und mit den Ureinwohnern handeln….

02.10.2013: Kleine Welt in Amsterdam

Nein, diesmal haben wir kein „Yunnan“ gespielt. Trotzdem hat uns Aarons Erstling mehrere Tage lang in Atem gehalten.

Yunnan : Laurant zieht einen gelben Händler und links unten hat Ludo de gars eine Menge Yüan gehortet.
Yunnan : Laurant zieht einen gelben Händler und links unten hat Ludo de gars eine Menge Yuan gehortet.

Eine französische Internet-Seite hat in einem sehr ausführlichen Session-Report (www.ludolegars.fr/28092013-yunnan) die Befürchtung geäußert, eine relativ einfache Händler-Bank-Strategie könne den sicheren Sieg bedeuten. Immerhin wurde im Konjunktiv gesprochen: «La stratégie banque + pions qui, je l’espère, n’est pas ultime car elle n’est pas très passionnante à mettre en œuvre.»

Im Zuge der umfangreichen Spieletests beim Argentum-Verlag hat Aaron schon häufiger ähnliche Befürchtungen zu hören bekommen. Mal waren es die Händler, mal die Teehäuser, mal die Pferde und mal das Geschirr, die einen schnellen Sieg bedeuten sollten. Alles hat sich als voreilige Schlußfolgerung herausgestellt. Weil ein Spieler mal zufällig gewonnen hat, kann er nicht automatisch daraus schließen, dass sein Vorgehen alleinseligmachend ist. Viele Wege führen nach Yunnan, aber – glücklicherweise – können die Mitspieler überall Steine in den Weg legen. Das ist eine der herausragenden Eigenschaften des Spiels.

Hat Ludo-le-gars eine ähnliche Selbstüberschätzung begangen oder konnte er wirklich das Geheimnis von Yunnan knacken? In einem längeren Briefwechsel hat er immerhin darlegen können, mit welchen Spielzügen er gewonnen hat: In der ersten Runde einen zusätzlichen Händler erworben und in zweiten Runde mit seinem letzten Händler in die Bank gegangen, als alle seinen Mitspieler schon kräftig auf der Entwicklungsleiste investiert hatten. Wie man dabei allerdings geschlagene 27 Yuan in die Hände bekommt, um in der dritten Runde mit Vollgas seine Entwicklung voranzutreiben, das ist uns immer noch schleierhaft.

In Essen geht die Aufklärung weiter, dort haben sich Aaron und Ludo zu einer Diskussion verabredet. Immerhin mit Ludos konziliantem Schlußwort: „It was a great game and hope to play it soon again.“

1. “Nieuw Amsterdam”
Moritz sollte unserem frischgebackenen „Spiel des Monats“ gleich noch einmal auf den Zahn fühlen. „Nieuw Amsterdam ist ein Workerplacement Spiel mit einem bißchen wie … Yunnan“. Wer sagte das wohl?

In einem einfachen Bietprozess ersteigern wir die Aktionen, die wir im nächsten Schritt ausführen wollen: Häuserbau auf der Südspitze des heutigen Manhattan, Landnahme (nennt man das so, wenn man ein Stück Land beansprucht und dort mir-nichts-dir-nichts eine Hütte errichtet?), Fellhandel mit den Indianern, Verschiffen der Felle und dafür Einstreichen von Geld und neuen Waren für den Tauschhandel.

Aus allen Aktivitäten sprudeln reichlich Quellen für Geld, Getreide, Waren und Siegpunkte. Anfangs muss man noch strampeln, um Holz für die Häuser, Waren für die Felle und Getreide für die Ernährung seiner Siedler zusammen zu kratzen. Wenn das Spiel aber in die Gänge gekommen ist, und man sich zielgerichtet eine Quelle für diese Rohstoffe zugelegt hat, dann fließt alles wie von selbst. Und wenn man erst einmal erkannt hat, dass jede Art von Überflußgut auch ohne Umtauschverlust als Geld im Bietprozess eingesetzt werden kann, dann läuft selbst das Bieten auf die bevorzugten Aktionen wie geschmiert.

Nur wer seine Quellen vernachlässigt und unverzüglich in Manhattan in die Politik geht, kämpft bis zum Schluss um die profanen Dinge zum Überleben. Allerdings sitzt er damit, wie in der richtigen Politik, direkt am Hebel für öffentliche (Siegpunkt-)Zuwendungen. Ohne sich seine Hände mit Handwerk und Handel schmutzig zu machen, kann er im Handumdrehen seine Taschen mit Siegpunkten füllen, die einfachen braven Bürger können darüber nur staunen. Moritz zog als Bürgermeister von Nieuw Amsterdam allen Mitspielern weit davon.

WPG-Wertung: Moritz blieb mit seinen 7 Punkten unterhalb des bisherigen WPG-Durchschnitts (das Spiel ist total OK, es gibt nichts zu meckern, fast ein Knitzia-Spiel: abstrakte Mechanismen mit einer bedingten thematische Linie, es ist aber nicht „mein“ Spiel. Als unser „Spiel des Monats“ akzeptiert).

2. “Small World – Realms”
Wir haben schon eine Menge „Small-World“ Erweiterungen gekostet. In allen spielen wir bestimmte reale oder virtuelle Spezies mit Sondereigenschaften, breiten uns in einer kleinen Spielbrettwelt aus und murksen uns gegenseitig ab, um dafür Siegpunkte zu bekommen.

In der heutigen Realms-Variante „A game of gods“ bekommt jeder Spieler von vorneherein drei feste Spezies zugeteilt, mit denen er zehn Runden lang das Sich-Ausbreiten und Andere-Abmurksen bestreiten muss. Außerdem bauen wir das Spielbrett erst nach und nach zusammen, und versuchen dabei, für unsere Völker topologische Vorteile herauszuholen. Doch im Wesentlichen ist die Kleine Welt sich gleich geblieben. Ein lockerer und – in der richtigen Stimmunge – unbeschwerter Spaß mit dem völkischen Totschlagen.

Gibt es strategische Überlegungen? Moritz, der online schon hunderte von Partien gespielt hat und alle Völker und Sondereigenschaften auf das Genaueste kennt, gewinnt im Zweikampf 98 von hundert Partien. Durch ein exaktes Ausreizen der angebotenen Völker-Kombinationen. Aber schon im Dreierspiel fängt Mitspielerchaos und Kingmakerei an. Locker bleiben! (Wir blieben locker!)

WPG-Wertung: Die neue Erweiterung bringt keinen neue Qualitäten ins Spiel. Weder nach oben noch nach unten. Nach Moritz’ Experten-Einschätzung ist „Small World – Underground“ die beste aller Kleinen Welten.

3. “Coloretto”
Ein lockerer Absacker war gefragt. Das wiederentdeckte Coloretto glänzt noch, aber sein Wiederspielreiz läßt schon etwas nach.
Moritz gewann mit der fundierten Post-Victoriam-Analyse: „Weil ich alles richtig gemacht habe.“

Keine neue WPG-Wertung für ein 7 Punkte-Spiel.

10.07.2013: In der Vorstadt von Neu-Amsterdam

Was versteht man im Deutschen nicht alles unter „Spiel“! Vom Fußball reicht es über Schach und Skat bis zum Roulette und den einarmigen Banditen der Spielcasinos. Millionen spielen Lotto, Moritz spielt Klavier, und Brettspieler spielen „Monopoly“. Wer mit einer nicht-spielenden Lebensgefährtin durchs Leben geht, hört bei gemischten Aktivitäten in allen diesen doch so grundverschiedenen Arten zu Spielen immer mal wieder die Mißbilligung: „Spielst Du schon wieder?!“ Als ob alles das Gleiche wäre.
Und dann gibt es noch Partyspiele.

1. “Brautkraut”
ist so eines. Kein Brett- und kein Kartenspiel, und deswegen auch kein bevorzugtes Objekt der Begierde am Westpark. Aber Aaron hat es aufgelegt, und er weiß auch schon, wem er damit eine Freude machen wird.
Auf insgesamt 66 Karten sind paarweise jeweils zwei von insgesamt vier Bildmotiven abgebildet: Braut, Kleid, Blau und Kraut, z.B. also die Kombination Braut-Kleid oder Blau-Kraut. Doch die Zusammenstellungen enthalten auch irr-witzige Kombinationen wie Blau-Braut und Kleid-Kraut. Und weil genau vorgeschrieben ist, welcher Begriff vorne und welcher hinten steht, gibt es auch Kleid-Braut und Kraut-Blau.
Jeder Spieler erhält 11 dieser Karten. Reihum legt jeder eine davon auf einen offenen Stapel und muss dazu entsprechend der Karte, die er hinlegt, laut so etwas sagen wie „Aus Brautkleid wird Blaukraut“. Wer sich dabei irrt oder verspricht, muss den offenen Stapel an sich nehmen. Wer seine letzte Karte ohne Zungenfehler ablegen konnte, hat gewonnen.
Bemerkenswerte Erkenntnis: Uns Menschen prägen sich akustische Reize viel leichter ein als optische. Es ist äußerst schwierig, sich die Bilder der beiden zuletzt aufgedeckten Karten in Erinnerung zu rufen. Dagegen ist es nahezu problemlos, das richtige Brautkraut-Schlagwort aus dem Satz des Vordermannes sachgerecht vom Ohr auf die Zunge zu bringen.
WPG-Wertung: Aaron: 5 (im richtigen Spielerkreis), Horst: 4 (wenn ich nüchtern bin, 7 Punkte, wenn ich betrunken wäre), Walter: 3 (in einer Runde mit Dir, geschätzte Irina, wäre es mindestens das Dreifache).

2. “Suburbia”
Wer will, findet hierin eine gewisse Ähnlichkeit mit „City Tycoon“. Aus einem gemeinsamen Vorrat wählen wir Stadtplättchen aus und bauen daraus eine Stadt mit Wohnhäusern, Fabriken, Theatern, Parks, Seen und dergleichen. Abhängig von der Umgebung, in die wir die Teile legen, erhalten wir Geld, Reputation oder mehr Bevölkerung. Geld brauchen wir, um die Stadtplättchen legen zu dürfen. Reputation läßt die Bevölkerung anwachsen und die Bevölkerung ist ein Synonmy für die Siegpunkte, mit denen am Ende das Spiel gewonnen wird.
Unterschiede zu „City Tycoon: Jeder baut an seiner eigenen Stadt (plusminus). Die Plättchen sind hexagonal und nicht quadratisch (plusminus). Wir können sie peut-a-peut während des Spiels auswählen und nicht alle auf einmal zu Beginn des Spiels (plus). Alles ist statisch, wir brauchen keine dynamische Versorgung mit Strom und Wasser (minus). Eine ausgeglichene Bilanz.

Suburbia auf der Terrasse - oder umgekehrt
Suburbia auf der Terrasse – oder umgekehrt

Beide besitzen die gleiche Fieseligkeit, die Querwirkungen aller Plättchen zu erkennen, vorauszuplanen und hinterher zu bewerten. Wenn man sich noch die Mühe machen würde, bei der Auswahl der Teile nicht nur die eigenen Vorteile, sondern auch noch die Nachteile auf Seiten der Mitspieler zu maximieren, wäre sogar das gesamte Spiel fies. Im Charakter und in der Spieldauer. So ist es glücklicherweise nur ein Spiel.
WPG-Wertung: Aaron: 5 (unbefriedigend, zu viel Material, zu viele in ihren Abhängigkeiten nicht vorhersehbare Plättchen-Typen, die im Endeffekt dann doch wieder nur einen zufälligen Spielablauf ergeben), Horst: 5 (eigentlich finde ich es nicht schlecht, aber mit der massiven Punktausschüttung für die Erfüllung von Sonderzielen ist die gesamte Strategie am Arsch), Walter: 5 (zu statisch, zu fieselig, zu solitär).

3. “Nieuw Amsterdam”
Nachdem wir letzte Woche das Regelheft von White Goblin Games’ „Saqqara“ deutlich kritisiert haben, wollen wir diesmal das Regelheft von „Nieuw Amsterdam“ des gleichen Verlages gebührlich loben. Auf zwölf Seiten ist das komplexe Spiel höchst sauber erklärt. Es blieb keine Frage offen.
Wir sind Mitglieder der Niederländischen Westindien-Kompanie und treiben Fellhandel mit den nordamerikanischen Indianern. In der Grundidee tauschen wir Waren gegen Felle, verschiffen die Fälle und erhalten dafür Geld, Siegpunkte und neue Waren.
Diese Grundidee ist in eine Fülle von begleitenden Aktivitäten eingehüllt.

  • Wir siedeln in den sechs Bezirken von Manhattan, betreiben dort zuweilen eine Volkszählung und lassen uns unsere Mehrheiten mit Siegpunkten honorieren.
  • Wir erwerben Land [ Landerwerb = simples Beanspruchen, ohne Eintrag im indianischen Katasteramt ], roden es, säen und ernten Getreide, um damit unsere Bevölkerung in Downtown zu ernähren, und erhalten als Dreingabe auch noch Siegpunkte dafür.
  • Wir treiben vielfachen Warentausch, um unsere Handel- und Besiedelungsaktivitäten zu fördern: Geld in Holz zum Bauen, Geld in Getreide für die Ernährung, Holz in größere Mobilität.
  • Wir können sogar den gesamten Fellhandel mit den Einheimischen links liegen lassen und unseren Warebedarf ausschließlich auf dem Schwarzmarkt decken. Das ist nicht besonders preisgünstig, doch unsere Quellen als Schiffseigner sprudeln hinterher genauso reibungslos.

Vor den Preis haben Autor und Verlag eine Versteigerung gesetzt: die Erlaubnis für die verschiedenen Spielzüge (Stadt, Land, Handel) müssen wir uns auf einem Versteigerungstableau ersteigern. Jeder bekommt etwas, auch wer nichts bietet. Wer sich aber die besten Züge und dazu noch den Startspieler-Vorteil beim Ziehen sichern möchte, muss entsprechend viel hinlegen. Jeder darf pro Zug-Paket nur einmal bieten, es kommt also darauf an, genau zu bewerten, welche Züge in der aktuellen Spielsituation den größten Vorteil bieten, und entsprechend hoch einzusteigen. Oder aber ein Spiel-Paket auszuwählen, auf das Mitspieler ein Auge geworfen haben, so dass sie hier einsteigen und damit die eigenen Zug-Ambitionen aus der Schußlinie bringen. Das letzten Paket kostet naturgemäß nichts mehr.

Alles ist rund, alles ist gelungen, alles ist ausbalanciert. Nieuw-Amsterdam ist eine Reise wert. Allerdings darf man nicht hoffen, nach dem ersten Spiel schon ein fliegender Holländer zu sein.

WPG-Wertung: Aaron: 8 (Vorzügliche Summe von Mechanismen, spielerisch, marginales (wohl-dosiertes) Glückselement), Horst: 8 ([zusätzlich zu den vielen ungenannten Pluspunkten] angenehme Spieldauer, mnemotechnisch ausgezeichnet gestaltet), Walter: 8 (spielerischer Ablauf, thematisch gelungen, erlaubt vielseitige Taktiken, leider ein etwas zäher Einstieg [für die vom Biet-Schicksal zwangsläufig Benachteiltigten]).

Aarons 8 Punkte gelten explizit nur für die 3er Runde. In einem größeren Kreis, vor allem mit Günther, der bei jedem seiner Züge eine auf drei Kommastellen genaue Kosten-Nutzen-Rechnung durchführen muss, könnte die Spielfreude leicht bis in der Gegend vom Nullpunkt sinken!

4. “Diggers”
Als Horst schon gegangen war, nahmen sich Aaron und Walter noch eine Schmuse-Runde mit Aarons Sieben-Monats-Kind vor. Keine neuen Regeln, nur eine Stabilisierung der letzten Punktwertung.
Jeder spielte für zwei Farben. Da keiner sein eigener King-Maker sein wollte und die Sieg-Ambitionen irgendwo in der Vorstadt von Neu-Amsterdam geblieben waren, plätscherte das Spiel ruhig und friedlich vor sich hin. Doch auch so lief es rund. Auch so war es zweifellos ein gefälliges Kartenspiel. Ein Spiel!
Immer noch keine WPG-Wertung.