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Maestro
Leonardo
rezensiert von Walter Sorger
Den alten Rauschebart auf der Schachtel kann man unschwer als den Vater der Mona Lisa
identifizieren, die Steinzeitmenschen mit Hacke und Webstuhl leiten dagegen in die Irre: das
Zeitalter des Spiels ist die Renaissance und sein etwas mühsam zu buchstabierender Titel
“Maestro Leonardo” benennt den große Meister Leonardo da Vinci als Held des Spiels.
Leonardos genial voraus gedachten Erfindungen herzustellen und damit das meiste Geld zu machen
ergibt den Sieg.
Die Art der Tätigkeit besitzt den Charakter von handwerklicher Produktion. Die Erfindungen
werden “beauftragt” und zu ihrer Herstellung werden Rohstoffe benötigt und Arbeitsstunden
von Meistern oder Lehrlingen investiert, aber kein einziger genialer Gedanke. “Maestro
Leonardo” ist ein reines Wirtschaftsspiel, allerdings von der allerfeinsten Art. Es geht um
Ressourcen-Management und Entwicklungs-Optimierung. In punkto Logik, Komplexität und Interaktion
steht es zwischen den “Fürsten von Florenz” und
“Caylus“, doch Idee und Abläufe sind total anders.
Der Motor des Spielablaufes sind die Pöppel. Jeder Spieler besitzt davon 1 Meister und bis zu 9
Lehrlinge. Pro Runde nimmt ein Spieler alle seine Mitarbeiter auf die Hand und verteilt sie in
beliebig vielen Zügen einzeln oder in Gruppen auf die elf möglichen Gebiete des Spielbrettes:
- zu den Rohstoffquellen, um das Recht auf einen (von fünf verschiedenen) Rohstoff zu
erwerben; - zu den Behörden, um das Recht auf eine (von drei möglichen) Betriebsmittelerweiterung zu
erwerben: mehr Lehrlinge, mehr Automaten oder mehr Laboratorien; - auf seine Laboratorien, um die Erfindungen voranzutreiben;
- ins Rathaus.
Rathaus und Laboratorien sind immer produktiv und bringen einem hier engagierten Spieler immer
etwas ein, doch die Quellen für Rohstoffe und Betriebsmittel sprudeln zunächst nur für denjenigen,
der sich hier die meisten Pöppel eingesetzt hat. Nur dieser bekommt kostenlos den entsprechenden
Rohstoff oder das Recht, seine Betriebsmittel zu erweitern. Alle anderen müssen draufzahlen, wenn
sie ihr erworbenes Recht in Anspruch nehmen wollen. Deshalb entbrennt in jeder Runde ein
erbitterter Kampf um die Mehrheit in jedem Gebiet, den es mit Masse und Klasse, mit Taktik und
Bluff zu bestehen gilt. Die optimale Verteilung der Pöppel ist die entscheidende Herausforderung im
“Maestro Leonardo”.
In ihrer Verteilungsstrategie müssen die Spieler folgende Elemente berücksichtigen:
- Präsenz: In jedem Gebiet muss man mit mindestens 1 Pöppel positioniert sein, damit man
von ihren Gütern profitieren kann. Die eigene Pöppelanzahl reicht aber nur für etwa die Hälfte der
ausliegenden Gebiete. - Mehrheitsbildung: Wer die Pöppel-Mehrheit in einer Quelle positioniert hat, darf als
Erster und kostenlos ein Gut an sich nehmen. Doch jedes massive Engagement in einem Gebiet geht an
Präsenz in den anderen Gebieten verloren. - Gutes Timing: Bei gleicher Anzahl von Pöppeln entscheidet die zeitliche Reihenfolge des
Positionierens darüber, wer hier die Priorität bekommt: Wer zuerst kommt mahlt zuerst. Ein gutes
Auge für das beste noch offene Gebiet kennzeichnet den Sieger. - Kalkulierter Geldeinsatz: Wer nicht Erster ist, darf eine bestimmte Summe Geld bezahlen
und dann ebenfalls ein Gut der Quelle erwerben. Je später man dran kommt, desto teurer wird es. Im
Notfall muss man schon mal 4 Gulden hinblättern, um ein wichtiges Gut noch zu ergattern. Sehr oft
opfert man aber nicht mal die geringste Summe für das begehrte Objekt, sondern verzichtet ganz
darauf. - Logistik: An jede Quelle darf man sich pro Runde maximal zweimal engagieren: Einmal um
Lehrlinge zu positionieren und einmal um evtl. noch seinen Meister dazuzustellen. Damit ist man
festgelegt und dem noch freien Engagement seiner Mitspieler ausgeliefert. Hier heißt es
taktisch-klug abwägen, zu welchem Zeitpunkt man sich engagieren soll. Rechtzeitiges Positionieren
gewinnt Priorität und schreckt die Mitspieler ab, verzögertes Positionieren erlaubt eine bessere
Dosierung des Einsatzes.

Als Besonderheit muss noch das Rathaus erwähnt werden. Wer sich hier positioniert, darf später
noch mal einen beliebigen Pöppel versetzen (und damit Mehrheitsverhältnisse umkippen), oder für
billiges Geld einen beliebigen Rohstoff kaufen, oder einfach Sitzungsgelder kassieren. Die
Pöppel-Mehrheit im Rathaus bestimmt auch, wer in der nächsten Runde Startspieler wird.
Die spieltechnische Idee des Rathauses besteht darin, Unsicherheit und Asymmetrie bei den
Produktionsstätten zu fördern. Es gibt einen wichtigen Platz mehr, auf dem man sich engagieren
kann, und durch die Möglichkeit, Pöppel zu versetzen, werden alle Mitspieler gezwungen, sich auf
ihren Lieblingsplätzen stärker als mit Minimum zu engagieren, um ihre Mehrheiten zu sichern.
Ein paar Überlegungen zur Spielstrategie
Startspieler
Ist es gut, Startspieler zu sein oder nicht? Die Rathausmehrheit darf ihn frei bestimmen; welche
Entscheidungskriterien dazu gibt es?
Wer als erster zieht, bekommt in mehr Gebieten die zeitliche Priorität. Weiterhin kann er durch
engagierten Einsatz lebensnotwendige Positionen relativ ungefährdet für sich beanspruchen. Dagegen
kann sich der letzte in der Zugreihenfolge für seine Restpöppel konkurrenzlos den lukrativsten
Einsatz aussuchen. Außerdem stellt er für alle Mitspieler eine Bedrohung dar: er kann noch jede
schwache Mehrheit kippen.

In fast allen Spielphasen ist die Startspieler-Rolle von Vorteil. Und falls einem Startspieler
gar kein guter Zug einfallen sollte, kann er ja immer noch als Erster ins Rathaus gehen.
Produktionsmittel
Das einfache Einmaleins der Betriebswirtschaftsregel ergibt, dass der Gewinn umso höher
ausfällt, je mehr Produktionsmittel eingesetzt sind und je länger sie arbeiten. Deshalb muss man so
früh wie möglich seine Produktivkräfte erhöhen.
Mit höchster Priorität sollte man Lehrlinge einstellen. Man darf sie sich auch etwas kosten
lassen. Sie sind universell einsetzbar, geben direkten Einfluss auf Mehrheiten und setzen sich
umgehend in Macht und Münze um.
Zweite Priorität haben die Automaten. Sie besitzen die doppelte Arbeitsleistung wie Lehrlinge,
können aber nur begrenzt eingesetzt werden, und in einem nicht produzierenden Laboratorium bringen
sie gar nichts.
Drittens sollte man auch beim zweiten Laboratorium nicht allzu lange zögern. Es wird auch schon
deshalb gebraucht, um hier die neuen Automaten unterbringen, ohne die man nicht gewinnen kann.
Manchmal gibt es sie sogar ganz besonders günstig auf dem Markt. Dann sollte man genügend
freie Kapazitäten bereithalten.
Um diese Produktionsmittel gibt es zu Beginn des Spieles natürlich ein großes Gerangel. Ein
eigenes Engagement ist unbedingt erforderlich, doch wie viel Pöppel man hierfür einsetzen soll, ist
sehr stark abhängig von der Spiellage und den sonstigen Ambitionen; auf einen totalen Machtkampf
würde ich es allerdings nicht ankommen lassen; statt dessen würde ich dann lieber Geld opfern, um
einen Lehrling und oder einen Automaten zu erhalten.
Pöppel- und Geldeinsatz
Wenn man genügend Geld besitzt, dann sollte man ohnehin hohe Pöppeleinsätze im Kampf um die
Mehrheiten vermeiden. Es reicht dann, einen einzigen Pöppel in das entsprechende Gebiet zu
investieren. Jeder zuviel eingesetzte Pöppel verschenkt einen Vorteil an die Mitspieler.

Den Rest kann man mit Geld auszugleichen. Für maximal 4 Gulden ist man in den meisten Fällen
dabei. Dies entspricht überschlägig dem Wert eines einzigen Pöppel in der Anfangsphase.
Bevor man sich mit Gewalt Mehrheiten verschafft, sollte man seine Pöppel besser auf weniger
umkämpften Rohstoff-Gebieten einsetzen. Manchmal liegen Rohstoffe herum, an denen kein einziger
Mitspieler interessiert ist. Solche Geschenke sollte man mit eingesparten Pöppeln unbedingt
mitnehmen. Irgendwann gewinnt jeder Rohstoff eine Bedeutung, und dann wird er sprunghaft teuerer.
Warum nicht bei den Gelegenheiten zugreifen, die quasi in den Schoß fallen?
Desaster
Wer in den letzten Runden seine Mittel schärfstens kalkuliert nur für bestimmte Rohstoffe
einsetzt, um damit eine vorgegebene Erfindungsaufgabe zu lösen, der kann ins Ofenrohr schauen,
wenn ein Mitspieler diese Aufgabe löst und damit den gesammelten Rohstoff-Vorrat obsolet macht; mit
der erworbenen Rohstoff-Zusammensetzung kann man oft keine andere Aufgabe mehr starten.
Die Konsequenz daraus ist, dass ein Laboratorium leer stehen muss und man so in der Endabrechnung
20 oder mehr Gulden verliert; das sind gut 30 % des Gesamtgewinns. Durch vorsorgliche Investitionen
in zunächst nicht benötigte Rohstoffe kann man dieses Risiko zwar noch abfedern, dennoch passt
dieser Zufallseffekt nicht in ein so planerisches Spiel wie “Maestro Leonardo”. Man
sollte ihn per Regel-Modifikation unbedingt eliminieren.
Eine ganz einfache Lösung dazu ist, die Erfindungsaufgaben, an denen ein Spieler arbeitet,
öffentlich anzuzeigen. Was geht denn dabei verloren? Nur das Chaos, sonst nichts! Sind diese
Aufträge aber offen, so kann sich jeder Spieler gegen diesen krassen Überraschungseffekt schützen.
Er hat immer noch alle Hände voll zu tun, seinen Produktionsbetrieb zu optimieren.
Fazit
Für Freunde von kalkulierbaren Wirtschaftsspielen ein reines Vergnügen, für Spiele-Freaks ein
Höhepunkt der Spielsaison 2006/2007!

return for the card just drawn from the pile. The ambush is the special case of a




